Elfriede Jelinek zur Türkei: „Also sage ich was“

von Barbara Villiger Heilig / 04.08.2016

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek kritisiert im „Standard“ das Schweigen der Schriftstellerverbände angesichts der Vorgänge in der Türkei. Eine elegische Anklage.

Bittet man Elfriede Jelinek, die österreichische Literaturnobelpreisträgerin und derzeit wichtigste deutschsprachige Dramatikerin, um ein Interview oder einen Beitrag für die Zeitung, lässt sie durch ihren Verlag dankend, aber pünktlich absagen. (Zur Flüchtlingskrise äusserte sie sich letzten Sommer immerhin in der italienischen „Repubblica“, der es gelang, sie per Mail zu befragen.) Brennende Zeitthemen finden Niederschlag auf Jelineks Website, doch alle dort publizierten Texte sind urheberrechtlich geschützt; es ist sogar verboten, daraus zu zitieren. Jetzt aber, angesichts der Vorgänge in der Türkei, ergreift die Autorin das Wort in einem Printmedium ihres Heimatlandes.

Diffuser Hass

„Der Standard“ druckt den Gastkommentar unter dem Titel „Die Wellen“, eine naturgemäss elegische Anklage, gerichtet an den internationalen PEN-Klub und alle anderen in Schweigen verharrenden Schriftstellerverbände: „Ich höre nichts von denen, die sich der Verhafteten annehmen sollten, also sage ich was“; und obwohl Jelinek sagt, sie könne „leider nichts dafür und nichts dagegen tun“, dass die Wellen der Verhaftungen „wie die Flüchtlingsboote auf dem Meer“ kämen und gingen, sagt sie doch auch: „Jeder kann etwas dafür oder dagegen.“ Dann rekurriert sie auf Hannah Arendt und deren Analyse der Stimmung zwischen den beiden Weltkriegen: „ein diffuser Hass, der niemand vorfindet, der verantwortlich gemacht werden kann, weder die Regierung noch die herrschende Klasse noch die Mächte des Auslands“. Nichts sei vor solchem Hass geschützt, wie sich jetzt am türkischen Beispiel wieder zeige.

Jelinek wäre nicht Jelinek, wenn sie auf kalauernde Wortspielereien verzichtete, und wie immer lauert in den Worten und Wörtern, die sie dreht und wendet, der Tiefsinn. Auch ihr Text besteht aus Wellen; er schwappt nach da und dort und schwemmt sich bei wiederholter Lektüre in unser Denken, ganz wie das bei ihren Theaterstücken der Fall ist. Schliesslich aber wird konkretisiert: „Ich fordere die Freilassung aller offensichtlich willkürlich Zusammengefangenen in der Türkei, denen man keine Schuld an einem Putsch nachweisen kann“, insbesondere zweier Männer. Sahin Alpay, Politikwissenschafter und Journalist, und Hilmi Yavuz, Schriftsteller, seien „alt“ und bekämen nicht einmal ihre Medikamente.

Aufruf zum Protest

Für einmal ist hier Zitieren erlaubt. Dennoch lohnt es sich, den gesamten Text nachzulesen, im unverwechselbaren O-Ton – und samt den geposteten Leserreaktionen. Eine davon weist auf den Protest hin, zu dem der internationale PEN-Klub unterdessen aufgerufen hat – was Elfriede Jelinek noch nicht wissen konnte, als sie in die Tasten griff. Ausgeschlossen hat sie es nicht: „Vielleicht höre ich aber doch noch was, vielleicht morgen, trotzdem“, räumt sie in Klammer ein; und schon ist es so weit. Der Anfang einer Protestwelle?