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Muhammad Ali

Er brachte Freude in den Boxsport

Gastkommentar / von Joyce Carol Oates / 06.06.2016

Muhammad Ali hat das Bild des Spitzensportlers radikal umgemodelt. Warum seine Karriere zudem emblematisch für das Amerika der siebziger Jahre war, erklärt die Schriftstellerin Joyce Carol OatesJoyce Carol Oates ist vor allem als Autorin von Romanen und Erzählungen bekannt. Die amerikanische Schriftstellerin setzte sich aber auch fundiert mit dem Boxsport auseinander. Beim obigen Text handelt es sich um einen gekürzten Essay aus ihrem bei Manesse erschienenen Band „Über Boxen“. .

Der Sport hat sich im 20. Jahrhundert und vielleicht am eindrucksvollsten in den siebziger Jahren zur dominierenden Religion in Amerika entwickelt. Durch den aufgeregten Blick der Medien erlangen unsere berühmtesten Athleten ein geradezu mythopoetisches Ansehen; sie sind einerseits „überlebensgroß“, andererseits oft unfähig zu einem normalen Privatleben. Um ein Champion zu werden, muss man nur anhaltend bessere Leistungen erbringen als seine Mitstreiter; um ein ganz großer Champion wie Muhammad Ali zu werden, muss man die Grenzen des Sports sprengen und zum Vorbild (in manchen Fällen auch zum Opfer) für die breite Masse werden, zum Imageträger einer ganzen Epoche.

Galionsfigur einer Zeitenwende

Er war schon als außerordentlich junger Mann in den sechziger Jahren ein vollendeter Boxer und machte sich in jenem Jahrzehnt mit seiner radikalen politischen Haltung einen Namen; aber wirkliche Größe erreichte Ali erst in den siebziger Jahren. Diese Dekade nach dem unrühmlichen Ende des Vietnamkriegs war unsere Übergangsperiode, eine Zeit der Anpassung, Heilung und Neubewertung.

Wer hätte gedacht, dass Muhammad Alis trotzige Ablehnung der amerikanischen Aussenpolitik, die Mitte der sechziger Jahre praktisch als verräterisch galt, in der folgenden Dekade zu einer weitverbreiteten und durchaus seriösen politischen Haltung werden würde? Wer hätte gedacht, dass ein so extravagantes, umstrittenes Gebaren wie Alis Neigung zum Deklamieren von Gedichten und der spaßige „Ali-Shuffle“ eine ganze Generation von Schwarzen beeinflussen würde – in der Musik, wo der Rap Furore machte, in den bissigen Nummern eines Komikers wie Richard Pryo, vor allem aber im Basketball, wo Spieler wie Michael Jordan ebenfalls außerordentliches Können mit einem persönlichen Stil verbanden? Das Phänomen der medialen Aufmerksamkeit und Hysterie, die jeder Wendung von Alis Karriere zuteilwurde, hatte es vorher nie gegeben, und auch die ständig wachsenden Gehälter von Profisportlern in unserer Zeit sind eine Folge von Alis Rolle im öffentlichen Bewusstsein.

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Muhammad Alis kometenhafter Aufstieg zu einem berühmten, hochbegabten, wenn auch eigenwilligen und eigensinnigen jungen Boxer während der sechziger Jahre fiel zufällig mit drei für diese Epoche charakteristischen historischen Entwicklungen zusammen. Erstens die Intervention in Vietnam, welche die amerikanische Gesellschaft in Klassen, Generationen und politische und patriotische Gefolgschaften spaltete; zweitens die Entstehung separatistischer schwarzer Bürgerrechtsbewegungen nach der Ermordung von Martin Luther King 1968 und die Erkenntnis der militanten schwarzen Führer, dass die schwarze Bewegung seit den Erfolgen in den fünfziger Jahren auf der Stelle getreten hatte; drittens der immer stärker werdende Einfluss der Medien und die wachsende Massenvermarktung eines „Images“ unabhängig vom Inhalt.

Trickster und Rebell

Kein anderer Athlet hat eine solche Presse gehabt wie Ali – anklagend und anbetend, verurteilend und lobpreisend, triefend vor Hass und überschäumend vor Liebe. Von Anfang an, noch als junger Cassius Clay, hatte er offenbar beschlossen, sich beim Aufbau seines Images nicht wie die meisten Athleten zurückzuhalten, sondern die Bedingungen für sein Ansehen in der Öffentlichkeit selbst zu bestimmen.

Clay/Ali brachte in den todernsten Boxsport eine unerwartet rauschhafte Freude, die nichts mit seiner politisch-religiösen Mission zu tun hatte und ihr vielleicht sogar zuwiderlief. Sein Wesen schien von Grund auf kindlich zu sein; den Trickster zu spielen, entsprach seiner Natur. Gleichzeitig nahm Ali seine Mission als Mitglied der Nation of Islam todernst; seine Hingabe an den muslimischen Glauben hatte nichts Spielerisches oder Betrügerisches. In den Jahren, nachdem er als Mitglied der Nation of Islam den Kriegsdienst verweigert hatte, war Ali eine der meistgeschmähten Personen des öffentlichen Lebens in Amerika. Nur selten begegnet man einem Sportler, der um seiner Prinzipien willen zum Märtyrer wird, einem Sportler, der sich zu einer Figur stilisiert, mit der seine Rasse sich identifizieren und auf die sie stolz sein kann.

Rasse ist seit langem ein amerikanisches Tabuthema. Ali, darauf versessen, sich als Rebell in einer von Weißen beherrschten Gesellschaft zu definieren, machte jede öffentliche Geste zu einer Aussage über den Rassenkonflikt: Widerstand gegen das weisse Establishment, Solidarität mit den Schwarzen. In einem Playboy-Interview vom November 1975 sagte Ali, gemäß der Lehre des verstorbenen Elijah Muhammad, des Gründers der Nation of Islam, halte er die Mehrheit der Weißen für Teufel und hoffe auf eine Abspaltung vom weißen Amerika: „Wir sind erst frei, wenn wir vielleicht zehn Staaten übernommen haben.“

Seine Laufbahn war eine der längsten, abwechslungsreichsten und sensationellsten Boxerkarrieren. Cassius Marcellus Clay, geboren am 17. Januar 1942 in Louisville, Kentucky, als Nachfahre eines Sklaven, aber behütet aufgewachsen in einer fürsorglichen Familie der schwarzen Mittelschicht, war als junger Mann anders als alle anderen Schwergewichtler in der Geschichte: von mächtigem, aber perfekt proportioniertem Körperbau, ein Nijinksky mit todbringenden Fäusten und einem Auftreten innerhalb und außerhalb des Rings, das man durchaus als aufrührerisch bezeichnen kann. Instinktiv wusste Clay, dass Boxen unterhaltsam und dramatisch ist oder sein sollte. In seinem jugendlichen Überschwang nahm er gleich noch die Lässigkeit des schwarzen Rap vorweg: „Hier kommt das Märchen von Cassius Clay, / Dem schönsten Boxer der ganzen Welt. / Er quasselt andauernd und gerbt dir das Fell, / Sein Schlag ist gewaltig und unglaublich schnell.“

Der Boxring als Bühne

Natürlich wurden die arrogante Geschwätzigkeit des jungen Boxers und seine Mätzchen vor dem Kampf durch seine Disziplin und Gewandtheit im Ring mehr als wettgemacht. Von Anfang an zog Clay das Interesse der Medien nicht nur wegen seines Auftretens auf sich, sondern auch wegen seiner Siege. Was aber war an Clay in den sechziger Jahren so einzigartig? Hugh McIlvanney formulierte prophetisch, der junge Boxer scheine sein Leben als ein „merkwürdiges, ritualisiertes Theaterstück“ zu sehen, bei dem sein hysterisches Schwadronieren von einem Manuskript gefordert werde, „das das Schicksal schreibt“. Norman Mailer schildert den jungen Boxer ausführlich, poetisch und leidenschaftlich als einen „1,80 Meter großen Papagei, der ständig kreischt, er sei der Mittelpunkt, um den sich alles drehe. ,Komm her, du Dummkopf, versuch es doch, mich zu erwischen‘, sagt er. ,Das schaffst du nicht, weil du nicht weißt, wer ich bin. Und wo ich bin. Ich bin der menschliche Verstand, und du weißt nicht mal, ob das was Gutes oder Böses ist.‘“

Cassius Clay war vielleicht nur so erfinderisch oder extravagant wie nötig, um unter ständig wachsendem Applaus einen Sieg nach dem anderen einzufahren. Doch welchen Meinungsstreit brach er vom Zaun, als er verkündete, er werde seinen nichtswürdigen „Sklavennamen“ in Muhammad Ali umändern; er sei Mitglied der militanten schwarzen Nation of Islam geworden und „kein Christ mehr“. Bemerkenswert gelassen und mutig trat der junge, ja jungenhafte Athlet nun demonstrativ als Schwarzer auf. Als er drei Jahre später noch provokanter den Kriegsdienst aus Gewissensgründen verweigerte und es ablehnte, in Vietnam zu kämpfen, wurde ihm zur Strafe sein Titel aberkannt und die Boxlizenz für die USA entzogen. Das Außenministerium zog obendrein Alis Pass ein, sodass er auch im Ausland nicht kämpfen konnte, eine Repressionsmaßnahme, die an die Schikanen gegen Charlie Chaplin und Paul Robeson in den fünfziger Jahren erinnerte.

Als sich dann der Vietnamkrieg, eine schmerzhafte, noch immer nicht verarbeitete Episode in unserer Geschichte, seinem Ende näherte und die öffentliche Meinung eine Kehrtwende vollzog, hob der Oberste Gerichtshof 1967 das Urteil auf und Ali wurde wieder als Boxer zugelassen. Wie ein einzelgängerischer Elefant, der an den Rand seiner Welt gedrängt wird, sich ihrer dennoch immer bewusst ist und von ihr unbehaglich beäugt wird, kehrte Ali zurück, um sich seinen Titel wiederzuholen. In diese sieben Jahre fallen seine großartigsten Kämpfe. Nach dreieinhalb Jahren ohne Boxen war er merklich langsamer geworden und klug genug, seinem Gegner nicht davonzutanzen; er musste die verlorene Beweglichkeit durch Technik wettmachen; er musste lernen, Prügel einzustecken und nicht nur auszuteilen.

Die großen, pompös vermarkteten Kämpfe in dieser Periode von Alis Karriere gehören zu den größten Sportereignissen aller Zeiten. Sie schienen sich in einer archetypischen Welt weit jenseits des üblichen Sports abzuspielen. Wenn man an diese zermürbenden Kämpfe denkt, durch die sich auch die Sieger unwiderruflich verändern, kommen einem die kathartischen Höhen der griechischen und shakespeareschen Tragödien in den Sinn. Kein Wunder, dass diese Kämpfe das Interesse der Medien erregten und zahllose Kommentatoren in Alis Camp lockten, auch Berühmtheiten wie George Plimpton und Norman Mailer, die 1974 für den Kampf Ali-Foreman über einen Monat in Zaire blieben. Die Aufmerksamkeit galt nicht nur Alis unerschütterlichem Kampfgeist, sondern auch seinem Einfallsreichtum. Denn selbst der alternde Ali war ein Meta-Athlet, der seine öffentlichen Auftritte als Theater begriff, nicht nur oder nicht ausschließlich als Sport. Wenn wir ihn in seinen – nun ja, nicht mehr allerbesten Jahren kämpfen sehen, fällt uns Jean Paul Sartres Wort ein: „Genie ist weniger eine Gabe als ein aus Verzweiflung geborener Erfindungsreichtum.“

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Nach diesen außergewöhnlichen Kämpfen genoss es Ali, wieder „der Größte“ zu sein. Er hatte seine Stellung als berühmtester Sportler der siebziger Jahre und vielleicht aller Zeiten gefestigt. Wie sich herausstellen sollte, hatte er dafür mit seiner Gesundheit bezahlt, aber damals wäre es ihm das vielleicht wert gewesen. Mehrmals hat er seinen hart erkämpften Titel verteidigt; völlig unerwartet verlor er 1978 gegen den jungen Leon Spinks, der damals nur sieben Profikämpfe aufzuweisen hatte, nach Punkten. Obwohl Ali den Revanchekampf gegen Spinks für sich entschied und danach seinen Rücktritt ankündigte, konnte er nicht widerstehen und stieg erneut in den Ring.

Nachspiel

In seinem letzten Kampf, der in den Vereinigten Staaten schon nicht mehr genehmigt und daher auf den Bahamas unter primitiven, unprofessionellen Verhältnissen veranstaltet wurde (der defekte Gong wurde durch eine Kuhglocke ersetzt), trat er gegen den mittelmäßigen achtundzwanzig Jahre alten Trevor Berbick an, der den langsamen, übergewichtigen, schwerfälligen Ali leicht nach Punkten besiegte. Es gibt einen Augenblick, in dem sogar der aus der Verzweiflung geborene Erfindungsreichtum versagt.

1981 zog sich Ali mit einer Liste von sechsundfünfzig Siegen und fünf Niederlagen zurück, diesmal für immer. Aber selbst als es mit seiner Karriere bergab ging, war er ein Symbol für den Kampfgeist und die Unerschütterlichkeit eines alternden Athleten und spielte auf der zeitgenössischen Weltbühne eine wichtige Rolle. Er, der einstige Bilderstürmer, ist heute selbst zum Kultbild geworden.