Morgengrauen

Er sollte eigentlich längst tot sein

Gastkommentar / von Peter Strasser / 14.10.2016

Er sollte eigentlich längst tot sein. Das jedenfalls sagte seine kleine Verwandtschaft, die bei uns auf Besuch war: Sohn, Schwiegertochter und Enkelsohn. Sie sind „Realisten“, dem Opa sei das Leben nur noch ein Ärgernis. Meine Frau sagte, niemand verdiene es, „eigentlich längst tot zu sein“. Ich wollte mich nicht festlegen. Die kleine Verwandtschaft war sich dessen gewiss: Der Tod wäre eine Erlösung.

Am nächsten Tag ging ich den „Opa“ besuchen. Alle sagten nur „Opa“ zu ihm, auch die Krankenschwestern auf der intensiven Pflegestation. Ich kannte ihn seit meiner Kindheit, wir waren eine Zeitlang Nachbarkinder gewesen. Dann hatten wir uns, wie man so sagt, aus den Augen verloren. Jetzt lag ein Fremder, aus dem die Schläuche heraushingen, vor mir im Bett. Er aber erkannte mich sofort, sprach mich an mit jener Vertrautheit, die manchen Sterbenden gegenüber Fremden eignet. Er sollte eigentlich längst tot sein, nicht wahr? Aber es geniere ihn, tot dazuliegen, den anderen ein Objekt der Betrachtung. Auch wolle er niemandem eine Trauerarbeit zumuten. Daher halte er durch.

Als ich meiner Frau heute beim Frühstück erzähle, dass der „Opa“ durchhalte – eine Nacht fiebertraumartiger Durchhalteparolen lag hinter mir –, sagt sie: „Das tun wir doch alle.“ Worauf ich ihr einen „Guten Morgen, schön dass du da bist!“-Kuss gebe. Darauf erwidert sie lachend: „Man darf es sich bloß nicht anmerken lassen.“ Ich sage nichts mehr, bedanke mich aber im Stillen: Danke, „Opa“!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform: „Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.