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Muhammad Ali

Er war der Größte

von Rod Ackermann / 04.06.2016

Er schwebte wie ein Schmetterling und stach zu wie eine Biene – nicht allein im Ring. Der Glanz des 1942 im Südstaat Kentucky als Cassius Clay geborenen Schwergewichtsboxers strahlte weit über seinen Sport hinaus. Er wird der Welt fehlen.

Einen wie ihn wird der Sport, wird die Welt so bald nicht mehr sehen. Muhammad Ali, nach langer Krankheit am 3. Juni 2016 verstorben, war zwar auch Boxweltmeister aller Klassen, überdies jedoch sowohl der eleganteste als auch eloquenteste Athlet des 20. Jahrhunderts und dank seiner charismatischen Persönlichkeit ein globaler Star. Als Teenager bereits Olympiasieger, eroberte er dreimal den Titel eines Champions im Schwergewicht, obwohl ihm das offizielle Amerika seiner Kriegsdienstverweigerung und der Hinwendung zu den radikalen „Black Muslims“ wegen jahrelang Hindernisse in den Weg legte. Unbeirrt erstürmte Ali nach und nach die Zuneigung seiner Landsleute – auch und gerade jener, die ihm während langer Zeit feindselig gesinnt gewesen war.

Nach dem Ende seiner Boxkarriere widmete sich „The Greatest of all Time“, wie er sich ohne falsche Bescheidenheit nannte, ungeachtet der zunehmenden Behinderung durch seine Parkinson-Erkrankung humanitären Aufgaben und reiste rastlos um die Welt, erschien in den letzten Jahren aber immer seltener in der Öffentlichkeit. 2005 beruhigte die US-Regierung ihr schlechtes Gewissen, indem sie Ali mit der „Presidential Medal of Freedom“ auszeichnete, der höchsten zivilen Ehrung des Landes. Wie ungezählte Bewunderer, die sich bis zum Schluss um ihn scharten, kam der Tod zu ihm als Freund.

Wir Ahnungslosen

Als sein Name erstmals die Runde machte, hatten wir Europäer keine Ahnung von der Welt, der er entstammte. Damals, im Sommer 1960, war unsere Weltschau Schwarz-Weiss wie die Fernsehbilder von den Olympischen Spielen in Rom, mit jedem Gold eines US-Amerikaners gewannen auch wir. Mochte es vordergründig um Sport gehen, so stand dahinter die Ideologie des Kalten Krieges. Begeistert von den Erzeugnissen der amerikanischen Pop-Kultur freuten wir Halbwüchsigen uns denn mächtig über den Olympiasieg eines schwarzen amerikanischen Teenagers namens Cassius Marcellus Clay. Und hatten keinen blassen Schimmer davon, was von dem Südstaatler mit dem Aussehen eines Modellathleten noch kommen würde. Geschweige denn, was ihn als Vertreter der in ihrer Heimat diskriminierten Menschen dunkler Hautfarbe antrieb.

Wenig später trat Clay zu den Preisboxern über. Da muss der Ärger begonnen haben, denn in Berichten aus Übersee wurde er verächtlich als Großmaul bezeichnet. Frech sei er geworden und überheblich, hieß es da, verletze mit seinem losen Mundwerk alle sportliche Fairness. Die Botschaft zwischen den Zeilen: höchste Zeit, dass ihn jemand zum Schweigen bringe. Am allerliebsten eine große weisse Hoffnung. So wie es ein halbes Jahrhundert zuvor Jack Johnson widerfahren war, dem ersten schwarzen Weltmeister im Schwergewicht.

Wir hatten ja wirklich keine Ahnung. Wussten nicht, dass Clays lockere Sprüche nur so trieften vor Selbstironie. Dass es hier nicht um leeres Geplapper ging, sondern um eine neue, uns Nichtamerikanern unverständliche Ausdrucksweise, eine Art verbalen Jazz oder Soul – die Kunstform des Rap war erst im Entstehen begriffen. Umso bereitwilliger nahmen wir unseren Boxer beim Wort. Als wir den Sinn dahinter erkannten, begannen wir aufmüpfigen Jungen an dem angeblichen Großmaul doppelt Gefallen zu finden.

Endlich war da Einer, der nicht ins Modell des braven und folgsamen Musterathleten passte, das uns Eltern und Lehrer und Vorgesetzte als Ideal vorzeichneten. Riesig daher unsere Freude, als Cassius Clay dem dumpfen – und vermeintlich unschlagbaren – Sonny Liston den Weltmeistertitel entriss. Nun war er wahrhaftig, was er sich längst selber nannte: „The Greatest“. Der Größte hatte seinen tönenden Worten die entsprechenden Taten folgen lassen. So schluckten wir auch seinen religiös motivierten Namenswechsel zu Muhammad Ali und seine Zuwendung zur radikalen Bewegung der Black Muslims. Was wussten wir schon vom Alltag der Schwarzen im Amerika der Weissen?

Man schrieb 1964, Ali war eine Kultfigur; kalt ließ er niemanden. Für die TV-Direktübertragungen seiner Kämpfe stiegen wir mitten in der Nacht aus dem Bett. Bewunderten einen Schwergewichtler, wie es vor ihm keinen gegeben hatte. Einen, der schwebte wie ein Schmetterling und zustach wie eine Biene. Weil er nebenbei Witziges von sich gab sowie, nicht zu vergessen, ein hinreißend schönes Äußeres besaß, jubelten wir umso hingerissener. So etwas hatte die Welt noch nie gesehen.

Ein Problem mit Vietnam

Sie hatte auch noch keinen Vorzeigesportler erlebt, der die Courage aufbrachte, den Dienst fürs Vaterland zu verweigern, offen und ehrlich und ohne kommodes Arztzeugnis. Ali lehnte den Kriegseinsatz der USA in Südostasien ab – mit der Begründung, er habe kein Problem mit dem Vietcong (den kommunistischen Aufständischen aus dem Norden Vietnams). Das war fürs Establishment, wie man die Mächtigen damals nannte, der Tropfen zu viel. Das offizielle Amerika erklärte seinem besten und populärsten Athleten den Krieg. Legte ihm ein Berufsverbot auf, nahm ihm seine Titel weg, beschlagnahmte seinen Reisepass. Der Schmetterling war ohne Flügel – noch aber besaß er den Stachel der Biene.

Dieser war, anders als die ungebrochene Beredsamkeit, in den Jahren boxerischer Untätigkeit indes stumpf geworden. So musste sich Ali, auf wachsenden Druck hin wieder zurückgeholt in den Ring, im „Kampf des Jahrhunderts“ im März 1971 in New York dem damaligen Champion Joe Frazier nach Punkten geschlagen geben – seine erste Niederlage als Professional. Abermals waren wir mitten in der Nacht aufgestanden, und jetzt standen uns die Tränen zuvorderst.

Noch aber arbeitete die Zeit für ihn, den klügsten, den leichtfüssigsten, den unterhaltsamsten Schwergewichtsboxer der Geschichte. 1974 eroberte sich Ali in Kinshasa beim denkwürdigen „Rumble in the Jungle“ gegen den dumpfen – und vermeintlich unschlagbaren – George Foreman den Weltmeistertitel zurück. Nahm ein weiteres Jahr danach beim dramatischen „Thrilla in Manila“ Revanche an Joe Frazier. Endlich stand er auf dem Höhepunkt seines boxerischen Ruhms, endlich gehörte ihm die Welt. Seinen politischen Aktivismus hatte er hintangestellt – schließlich war der Vietnamkrieg mit dem Abzug der US-Truppen vorbei und hatte die Bürgerrechtsbewegung einige Fortschritte erzielt. Zögerlich begann Amerikas schweigende Mehrheit, den einst so Verhassten zu akzeptieren.

Als Ali im Oktober 1978 in New Orleans den Weltmeistertitel zum dritten Mal erkämpfte, waren allerdings Anzeichen einer gewissen Ermüdung nicht mehr zu übersehen. Übermenschliches hatte er im Laufe der Zeit ertragen und geleistet, war dabei aber stets und überall zugänglich für Alle geblieben, für Groß und Klein, Schwarz und Weiss, wo auch immer er auftauchte. Ein Weltstar zum Anfassen. Bange fragten wir uns, wie lange es noch gehen könne mit der Herrlichkeit.

An einem Herbstabend 1980 wussten wir die Antwort. Noch einmal war Ali, 38 Jahre alt, das Haar vorsorglich nachgeschwärzt und den Körper mit Medikamenten fit gemacht, in Las Vegas in den Ring geklettert. Natürlich hätte er es niemals tun dürfen, aber es ist seine Sache nie gewesen, sich zu verstecken. Nach zehn Runden gegen den um acht Jahre jüngeren Larry Holmes, den Champion der Stunde, war er am Ende seiner Kräfte. Sein Trainer, der weise Angelo Dundee, signalisierte die Aufgabe, in Minutenschnelle stob Alis umfangreiche Entourage auseinander.

In der Chronik seiner Fights gibt es noch den allerletzten Eintrag: eine sinnlose Niederlage auf den Bahamas gegen einen gewissen Trevor Berbick. Es war dies der berüchtigte Kampf zu viel. Dem Publikum fiel auf, dass Alis Aussprache allmählich undeutlicher wurde und seine Hände zu zittern begonnen hatten. Drei Jahre später sollten die Ärzte an ihm das Parkinsonsche Syndrom diagnostizieren. Das hinderte den „People’s Champion“ indes nicht daran, unermüdlich Termine wahrzunehmen, rund um die Welt Hände zu schütteln, Kinder zu kosen und, sein liebstes Hobby, Zauberkunststücke vorzuführen. Niemals habe er herausgefunden, urteilte Johnny Carson, Amerikas TV-Talkmaster Nummer Eins, ob ihn Ali zum Narren halte oder nicht – ein Urteil, dem sich anschloss, wer „den Größten“ selbst erlebte.

Späte Sternstunde

Eine späte Sternstunde kam mit der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von Atlanta 1996. Alis Auftritt mit der Entzündung der Flamme war ein Überraschungscoup sondergleichen. Zum Abschluss des Fackellaufs hob er die bebende Rechte empor, brachte das Feuer zum Lodern. Die feuchten Augen der Zuschauer wurden überdeckt durch einen Orkan von Applaus. Der Champion war zurückgekehrt an den Ausgangspunkt seiner sportlichen Laufbahn. Jetzt erblickte nichts als Vergebung und Dankbarkeit. Keinen Augenblick zu früh.

Seinen angeschlagenen körperlichen Zustand hat Ali all die Jahre des Leidens hindurch nie verborgen. Im Kopfe stimmte bei ihm alles, als gläubiger Muslim verrichtete er täglich seine Gebete. Wenn er sich, immer seltener zwar, noch in der Öffentlichkeit zeigte, dann stets gestützt durch Lonnie, seine vierte Ehegattin. So wie bei der Abdankungsfeier für Joe Frazier. Dem größten seiner Rivalen die letzte Ehre zu erweisen, war ihm ein Bedürfnis.

Bis zuletzt übersahen wir seinen schlurfenden Gang, seinen ausgezehrten Körper unterm eleganten Anzug, das eingefallene Antlitz und die dunkeln Augengläser. Es war ein Ende nach Ansage – ein Trost, dass uns als Andenken Leon Gasts einmaliger Dokumentarfilm über den „Rumble in the Jungle“ bleibt. Wir sehen noch einmal den Muhammad Ali der besten Tage, hören noch einmal seinen Wortschwall. Sind abermals den Tränen nahe.

Farewell, Champ.