„Erkennen, was man tatsächlich ist, und was man hat“

von Yvonne Widler / 24.05.2015

Georg Fraberger wurde 1973 ohne Arme und ohne Beine geboren. Heute arbeitet er als Psychologe und spricht Krebspatienten Mut zu. Er erzählt vom konservativen Wien, wie er mit Klischeevorstellungen bricht, über ein gutes Leben und warum die heutige Generation nicht liebt, sondern nur versucht, sich liebenswert zu verhalten.

In seinem bereits 2013 erschienenen Buch „Ohne Leib, mit Seele“ beschäftigte sich Fraberger mit den Fragen: Was macht den Menschen aus? Welchen Körper braucht er dazu? Im Jahr 2014 folgte ein weiteres Werk: „Ein ziemlich gutes Leben“. Das folgende Gespräch führte Sara Hassan.

Sie wurden in Ihrer Kindheit und Jugend in Wien und Heidelberg behandelt – in Wien hatten Sie nie das Gefühl, normal zu sein. Wie erleben Sie diese Stadt? 

Georg Fraberger: In Heidelberg war bereits in den 80ern jeder zweite Bus behindertengerecht. Behinderte Menschen konnten selbstständig in die Stadt kommen, Gehsteige waren abgeflacht, das waren alles Möglichkeiten zur Selbstbestimmung. In Wien ist es erst seit zehn Jahren möglich, den Autobus serienmäßig zu verwenden. Und das birgt bis heute seine Tücken: Wenn es regnet oder schneit, sind Busfahrer nicht gerade begeistert davon, die Rampe umzulegen. Oft warte ich drei Busse ab.

Da würde ich mich schon ärgern.

Das hat es mich zuerst auch. Zum Glück habe ich mir dann die Frage gestellt: Will ich Bus fahren oder will ich mich ärgern? Das war eine ganz grundsätzliche Entscheidung: Ich will mich nicht von der Laune anderer Menschen abhängig machen. Wien ist eine sehr konservative Stadt. Das hat zwar einerseits den Vorteil, dass alte Werte zählen. Andererseits sind dadurch nicht alle Menschen gleich, so werden einige als wertvoller, einige als weniger wertvoll behandelt. Dennoch hat die Stadt den Titel Menschenrechtsstadt verdient – in anderen westlichen Ländern wie England funktioniert die Integration zwar besser und Menschen mit Behinderung werden viel normaler aufgenommen. Aber die Menschen dort leben in einer Armut, die man in Österreich nicht kennt.

Sie sagen explizit, Sie möchten nicht eine klischeehafte Geschichte eines Menschen mit Behinderung erzählen. Wie konnten Sie mit diesen Klischeevorstellungen brechen?

Mit diesem Bild habe ich schon sehr lange gebrochen. Meinen Eltern ist es irgendwie gelungen, dass ich mich mit denselben Problemen auseinandersetzen musste wie meine Brüder. Damit war die Behinderung nicht bestimmendes Lebensthema. Ich versuche in meinem Buch zu erklären, dass das, was den Menschen ausmacht, nur zu einem gewissen Grad vom Körper abhängig ist. Ich bin dafür ein glaubhaftes Beispiel: weil ich ein sehr freies Leben führe, das viele mit einem muskulösen, schlanken Körper nicht führen; sich vielleicht gar nicht trauen zu führen.

Sie beginnen Ihr Buch mit einem Menschenbild, das Ihnen nicht behagt – der Mensch als Mangelwesen, der immer erst etwas erreichen muss, um wertvoll zu sein.

Dazu orientiere ich mich gerne an Künstlern: Ein Künstler ist nichts anderes als ein Arbeitsloser mit einer Idee. Aber er erlebt sich nicht als Mangelwesen – das ist der springende Punkt. Die Zahl der Arbeitslosen steigt in Europa, und damit auch das Gefühl der Wertlosigkeit. Man muss lernen, sich selbst einen Wert zu geben. Im Krankenhaus stehen wertvolle Ärzte sich wertlos fühlenden Patienten gegenüber. In Wirklichkeit ist der Arzt nur wertvoll, wenn er einen Patienten hat – dieser könnte sich genauso fühlen.

Ich denke, man muss in dem Sinne Leistung und Arbeitslosigkeit neu definieren. Was heißt denn überhaupt Schmarotzer oder Ausnutzer – denn im Endeffekt lebt auch das Arbeitsamt von den Arbeitslosen, nicht von den arbeitenden Menschen. Das Problem ist ja nur, dass sich diese Menschen nicht wohlfühlen. Ich finde, auch Arbeitslosigkeit ist eine enorme Leistung. Man gibt dem Menschen Geld, damit er die Möglichkeit hat, etwas mit seiner Zeit anzufangen. Er muss Motivation und Energie aufwenden, um sich auszudrücken.

Ein gutes Leben ist aber kein einfaches, in dem einem alles in den Schoß fällt – sondern eine bewusste Entscheidung?

Die Forderung nach einem guten Leben ist: zu erkennen, was man tatsächlich ist, und was man hat. Wenn man in ein reiches Elternhaus geboren ist, muss man erst schätzen lernen, dass man ein gutes Leben führt. Sonst wird man auch als steinreicher Mensch entweder ängstlich, depressiv oder drogensüchtig: Man kann jedenfalls seine Zeit nicht sinnvoll nutzen. Die Koordinaten, die ein ziemlich gutes Leben ausmachen, muss man für sich selbst definieren.

Heute ist gut sein allein nicht gut genug. Man muss für irgendetwas gut sein – damit wären wir wieder beim Leistungsdenken. Man müsste auch Leistung neu definieren, und in die Richtung korrigieren, die Selbstverwirklichung betont. Die Frage ist: Wie gibt man sich individuell zu erkennen?

Wenn man in einem Mangeldenken verharrt, wird man neidisch. Wenn man bei sich bleibt und nicht in dem ständigen Vergleich lebt, kann man glücklich leben.

Die jetzige Generation strebt stark nach Individualität. Wenn man diese wirklich anstrebt, dürfte Eifersucht doch überhaupt keine Rolle spielen – weil man ja denken müsste: So wie ich ist ohnehin keiner. Die Individualität folgt einer Logik: Man muss sie nicht erwerben, da man ja schon einzigartig ist. Aber das Leben ist eben nicht logisch.

Das moderne Leben stellt mannigfaltige Anforderungen an den Einzelnen. „Selbstoptimierung“ ist das Wort der Stunde. Sie sprechen auch den Boom von Ratgebern an, die demonstrieren, wie man leben soll, wie man sein muss. Sind wir heute unsicherer als je zuvor?

Es ist heute viel schwieriger, ein Mensch der Tat zu werden. Für alles braucht man ein Diplom und muss erst nachweisen, dass man qualifiziert genug ist. Es ist schon eine Hürde, diesen formalen Richtlinien zu genügen und das trägt zumindest einen Teil dazu bei, dass eine gewisse Antriebslosigkeit und Orientierungslosigkeit vorherrscht, auf die solche Ratgeber abzielen. Die geben vor, wie man aussehen und wirken soll. Es gibt Körper, die wertvoller wirken: Dabei sollte man sich den Symbolcharakter von Körpern in Erinnerung rufen. Wenn ich eine schöne Uhr habe, dann fühle ich mich damit eleganter und kann mich auch eleganter bewegen. Wichtig ist aber, dass ich mich elegant finde, auch wenn ich die Uhr einmal verliere. Wenn man sich hübsch fühlt, ist man gut gelaunt und geht beschwingter. Wenn einem dann aber eingeredet wird, man hätte fünf Kilo zu viel, dann verliert man diesen Gang, die Freude, sich zu zeigen, und das Leben zu genießen. Es ist wichtig, sich ein bisschen von dieser Materie unabhängig zu machen und zu sagen: Auch mit zehn Kilo mehr kann mir Schwimmen Spaß machen. Das wird uns aber nicht beigebracht.

Oft steht man sich auf dem Weg zum guten Leben selbst im Weg: Man selbst wäre schon ganz passabel, wäre da nicht der Vergleich mit anderen.

Besteht man innerlich auf dem eigenen Wert, so lernt man auch besser auszuhalten, was andere über uns denken. Nur Menschen mit einem stabilen Selbstwert sehen keine Gefahr in Menschen, die bei bestimmten Tätigkeiten besser sind als sie selbst. Mit einer Behinderung wird man oft in eine Rolle hineingedrängt. Viele Leute duzen mich zum Beispiel. Mein Selbstwert wird dabei oft klein gemacht. Was ich gelernt habe, ist, mich nicht selber klein machen zu lassen. Das kann ich anderen Menschen nicht verbieten. Aber ich will mich nicht klein fühlen, nur weil einer gerade schlecht gelaunt ist. Und das trifft auf jede Beziehung zu. Das ist dann die Freiheit im Denken. Dieses Aufhören, sich selber klein zu machen, ist oft schon genug. Sich selbst einen Wert zu geben – das ist eine der schwierigsten Aufgaben.

Wie lernt man Entschleunigung in einer digitalen Welt des ständig Online-Seins und Funktionierens?

Ich finde, die Beschleunigung ist überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, das Schnelle ist für die Seele ein großer Vorteil! Damit meine ich im weitesten Sinne: die Möglichkeit, sich zu zeigen. Eine Journalistin zeigt sich in ihrer Tätigkeit des Schreibens, das ist zunächst noch unklar und schemenhaft, aber mit der Zeit merkt sie, dass sie sich in ihrem Schreiben so ausdrücken kann, dass es ihr entspricht. Früher, als alles viel langsamer war, hat man sich nur mit seinem Beruf identifiziert. Bis zu seinem Lebensende war ein Arzt eben Arzt. Heute bewältigen wir Anforderungen im Privat-, Ferien- und Berufsleben sowie in der Partnerschaft. Durch das Beschleunigte hat die Seele mehrere Standbeine bekommen: Ich bin Arzt, Vater etc. So kann man der Seele mehrere Möglichkeiten geben, sich zu zeigen.

Problematisch wird es erst, wenn man die Koordination nicht schafft, ich mich zum Beispiel von meinem ständigen Handyläuten lenken lasse – wenn es fünfmal läutet, habe ich den Drang, alles dafür liegen zu lassen. Aber ich kann es auch einfach läuten lassen. So, dann läutet es halt (lacht). Die Beschleunigung ist nicht das Problem, man muss nur wissen, wo man wer ist.

In Ihrem Buch stellen Sie die Fragen: Ab wann beginnt das gute Leben und ab wann ist ein Leben nicht mehr lebenswert? – Jedes Leben kann lebenswert gestaltet werden, aber dazu bedarf es dieser Freiheit im Denken. Sie haben sich diese schon sehr früh angeeignet.

Ich hatte das Glück, dass ich bemerkt habe, dass meine Brüder und Freunde dieselben Probleme haben wie ich. Dadurch wurde mir klar: Mein Körper kann’s nicht sein, denn die Männer in meinem Alter haben an denselben Problemen genagt. Das wirft einige Fragen auf: Wie kann man das, was man hat, schätzen lernen? Die Frage nach dem Warum – warum man so ein Leben oder Schicksal hat, ist nur in der Philosophie zu finden. Man darf sich nur von diesen Fragen nicht den Spaß verderben lassen. Sich frei und selbstständig zu fühlen, gehört dazu – das lernen wir in unserer Gesellschaft nicht in der Schule. Brav statt kritisch lautet das vorherrschende Credo. Es gibt fünf Grundbedürfnisse: Freiheit, Selbstständigkeit, Freude, Macht, Gesundheit.

Die Schwierigkeit besteht darin, Bedürfnisse, die einander eigentlich widersprechen, in Einklang zu bringen. Freiheit und Liebe zum Beispiel: Natürlich fühlt man sich frei, wenn man liebt, aber man macht sich in einer Beziehung auch mehr als unfrei. Man braucht einen kleinsten gemeinsamen Nenner, eine Sinnhaftigkeit.

Wie, wenn nicht autodidaktisch, kann man das lernen?

Indem man Bildung erlangt. Damit meine ich eine Form der Weltanschauung, mit der man sich in der Welt zurechtfindet. Das Wissen bekommt nur einen Wert, wenn man eine Philosophie vertritt – sonst sind Sie eben ein wandelndes Lexikon. Auch Kunst, Liebe und Leiden öffnen die Augen. Wenn man leidet, kann man die Welt anders sehen, Liebe zeigt ein anderes Bild, und die Kunst ermöglicht dem Betrachter auch eine ganz neue Perspektive. Die Schwierigkeit daran: Wissen unterliegt der Logik. Das Leben ist aber nicht logisch.

In der Philosophie sagt man, im Leben gibt es nur zwei Dinge, die Sinn stiften: die Musik und die Liebe. Egal ob Klassik, Punk oder Hardrock. Auch die Art der Liebe bleibt offen: Ob die Liebe zu einem Menschen, zur Musik, zur Wissenschaft – man muss nur lernen, irgendetwas zu lieben. Die heutige Generation liebt nicht, sondern versucht, sich liebenswert zu verhalten, sich zurückzunehmen. Wenn sie sich nicht zurücknehmen, dann lernen sie die Liebe im Erleben. Nach der Schule sagen heute viele: Ich brauch noch keinen Führerschein mit 18, ich will erst mal ein Jahr etwas erleben, reisen und so weiter. Laut Schulpsychologen haben sich vor zwanzig Jahren noch 90 Prozent der Maturanten ein Auto gewünscht. Heute wünschen sich 30 Prozent ein Jahr Auszeit. Viele junge Leute erleben sich selbst nicht in dem, was sie selbst tun, sondern nur in der Darstellung: der Weltreise, die sie auf Facebook teilen, beispielsweise. Man kann sich aber auch im Kleinen erleben. Man muss nicht überall sein wollen. Das wird heute weniger geglaubt. Zum ersten Mal ist der Materialismus weniger wert als dieses Erleben: weil man eben alles hat.

Sie schreiben, wir achten mehr darauf, gemocht zu werden, als darauf, wer und was wir sind.

Was ist der Preis der Liebe? Viele sind nicht bereit, einen hohen Preis dafür zu zahlen. Wenn jemand die Idee hat, etwas zu tun, womit er sich von den anderen unterscheidet, dann riskiert er es, allein dazustehen. Und dieses Gefühl ertragen heute viel weniger als früher. Sozialpsychologen meinen, die 68er haben tagsüber über Meinungen gestritten, sind abends dann harmonisch auf ein Bier gegangen. Heute wird auch in Schulen Konfliktfähigkeit nicht gelernt.

Ein zentraler Punkt Ihres Textes ist Entwicklung – es scheint ein sehr tröstlicher Gedanke, alles lernen zu können.

In der Pubertät muss man lernen, sich unabhängig zu machen, und wenn man das nicht schafft, verfolgt einen das mitunter im Leben weiter. Man muss sich aber auch Zeit geben, immer wieder dieselben Fehler zu machen. Manchmal sage ich zu einer 60-jährigen Frau: Na ja, dann machen Sie eben einen Teil der Pubertät wieder durch.