Peter Strasser

Morgengrauen

Erlösung des Übels von sich selbst

Gastkommentar / von Peter Strasser / 27.04.2016

Mein Albtraum: Der Lebenskunstphilosoph glaubt an alle Götter, er ist ästhetischer Polytheist. Der gottlose Humanist glaubt an gar keinen Gott. Durch seine Spendentätigkeit hat er bereits viele vor dem Verhungern gerettet. Auf den Einzelnen komme es an, sagt der gottlose Humanist.

Der Lebenskunstphilosoph findet das kleinbürgerlich, er rettet keinen Einzelnen, besucht stattdessen Aidskonzerte und Krebsdiscos. Der gottlose Humanist kann seinen Humanismus nicht erklären. Dass er nicht erklären kann, warum es auf den Einzelnen ankomme, macht ihn heimlich böse auf die, die er rettet. Er könnte sich ein steinernes Herz einpflanzen und nichts in der gottlosen Welt würde ihn ins Unrecht setzen: „Und was, wenn ich euch fallen, euch sterben ließe? Was wollt ihr mir entgegenhalten außer euren Seufzern?“ Es ist die Möglichkeit des Unmenschen in ihm, gegen die der gottlose Humanist wehrlos bleibt. Dagegen steht einzig sein Engagement. Der Lebenskunstphilosoph schmunzelt: Engagement war gestern, Achtsamkeit ist heute. Sanft mischt er sich unter die geladenen Gäste der Armutsgala …, und so vernebelt auch der Alb, der mir im Traum auf Brust und Seele drückte.

Erwachend glaube ich noch, die geschundene Erde seufzen zu hören. Da fällt mir ein, wovon ein jeder Versuch über die Barmherzigkeit handeln muss: Misericordia, das ist keine Erdentugend; ihr Ursprung liegt außerhalb der Welt. Und ihre Werke sind ein Skandalon: Sie erlösen uns nicht vom Übel, sondern das Übel von sich selbst.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).