Morgengrauen

Es frischt auf, es frischt auf!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 01.05.2016

Auf dem Weg zum Bäcker erfreuen mich, nach kurzem Wintereinbruch, noch immer Schneeglöckchen, Schlüsselblumen und Krokusse, in Büscheln und zart vereinzelt: zwischen den grauen Wohnhäusern ein Gesprenkel aus Weiß, Gelb und Lila, über die Wiesen verstreut, die kaum noch die Narben des Winters zeigen.

Der Bettler neben dem Bäckerladen hat sein Bündel Zeitschriften, das er dem Scheine nach verkauft, um nicht mit dem hiesigen Betteleigesetz in Konflikt zu kommen, neben sich an die Wand gelehnt; Titel (neu): Global Player. Dort stauben die Hefte vor sich hin, während ich an der vertrauten Gestalt, die sich selbst „alter morscher Knochen“ tituliert, ein Auffrischen zu bemerken glaube.

Mir fällt kein anderes Wort ein. Auffrischen. Und ich wüsste im Moment, in diesem Hochfrühlingsmoment, auch kein passenderes. Bevor ich den Bettler noch fragen kann, wie’s ihm geht, fragt er mich, wie’s mir gehe. Ich antworte – und finde, dass meine Antwort zu uns beiden passt: „Es frischt auf!“ Indem ein Geldstück von meiner Hand in die seine wechselt, als sei es ein Obolus und er ein Türhüter, der mich durchlässt zu den duftenden Brötchen, wiederholt er meine Worte: „Frischt auf, frischt auf!“

Und dabei macht er ein Gesicht, das mir bedeutet, er lasse mich nicht wegen des nebbichen Geldstücks passieren, sondern wegen meiner Wortspende. Ich spüre, es ist nicht gerade Hoffnung, die ihn auffrischt, doch ein Hochfrühlingswunder scheint möglich: ein Auffrischungswunder. Pfingsten ist nicht mehr fern.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).