Peter Strasser

Morgengrauen

Es gibt immer was zu schreiben

Gastkommentar / von Peter Strasser / 13.04.2016

Schlecht geschlafen aus nichtigem Anlass. Nichtig? Na ja. Der Anlass umfasst immerhin 576 Seiten. Der Titel des Anlasses: Erkenne die Welt. Sein Autor: der Populärphilosoph Richard David Precht. Dieser hat den ersten Teil einer monumentalen Geschichte der Philosophie vorgelegt. Teil 1, Fortsetzung folgt, nämlich Teil 2 und 3. Denn Teil 1 geht überhaupt erst bis zum Mittelalter.

Und ich habe, zähneknirschend zwar und nebenbei viel zu spät, einem mir befreundeten Redakteur zugesagt, den „neuen Precht“ zu besprechen. Deshalb legte ich mir den neuen Precht noch vor dem Einschlafen auf das Nachttischchen. Nun bleichen mir, kaum drehe ich frühmorgens meinen Kopf aus dem zerwühlten Polster heraus, die 600 Seiten entgegen. Da fasse ich einen subversiven Entschluss, der mir meinen Tag retten soll: Ich werde Precht nicht lesen und ihn trotzdem besprechen. Das ist gegen alle Regeln, weswegen ich mich gleich besser fühle.

Ich hüpfe aus dem Bett und setze mich, nachdem ich die Frühstücksbrötchen zum Aufbacken in den Ofen getan habe, zu meinem Notebook. Die Besprechung geht mir erstaunlich leicht von der Hand. Besonders gelungen finde ich das Ende: „Da fragt sich der erschöpfte Rezensent, was denn die Motivation für den riesigen Wörterausstoß gewesen sein mag. Und die Antwort lautet, in Abwandlung des Werbeslogans einer Baumarktkette: Es gibt immer was zu schreiben. Nach fünf bis sechs Minuten Schreibzeit sind auch meine Brötchen herrlich goldbraun geworden. Ein schöner Morgen!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).