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Dr. Strangelove

Es gibt kein Grundrecht auf Liebe

von Milosz Matuschek / 05.12.2015

Die Suche nach der Liebe kann zur Obsession werden. Warum hat uns niemand darauf vorbereitet, ohne Liebe klarzukommen?

Jede Zeit hat ihren Mangel: Mangel an Nahrung, Mangel an Frieden, Mangel an Gesundheit, Mangel an Sicherheit, Mangel an Freiheit, Mangel an Menschlichkeit. Mit dem Mangel betritt die Bewährungsprobe die Bühne der Welt. Aus dem Umgang mit dem Mangel entstand nicht selten große Kunst; Romane und Opern wären unmöglich, wenn jedem planwirtschaftlich gerecht „das Seine“ zugeteilt wäre. Jede Bewährungsprobe trägt zudem das Potenzial zur Veredelung des Menschen in sich. Für die Betroffenen ein schwacher Trost, klar.

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Liebe als finaler Wunsch

Was fehlt dem Einzelnen heute noch in der westlich-industrialisierten Welt? Die Grundbedürfnisse sind gestillt, die Schlachten der Freiheit gewonnen, der Friede ist gesichert oder aber der Krieg ist outgesourct. Das letzte Feld ist das des individuellen Glücks und der Liebe. Hier ist jeder auf sich allein gestellt. Es gibt kein Grundrecht auf Liebe, keine Sicherheit für individuelles Glück. Es gibt ein Recht, danach zu streben, mehr nicht. Und zunehmend wird aus dem Recht sogar eine Pflicht.

Die Liebe ist das letzte Grundnahrungsmittel für diejenigen, die sonst alles haben. Doch es ist ein seltenes Grundnahrungsmittel, es ist scheinbar nicht genug für alle da. Was im Ostblock die Südfrüchte waren, ist im Westen heute die Liebe. Sie wird nicht zugeteilt, vereinbart, sie wächst nicht auf Bäumen. Man muss sich schon etwas anstrengen, um sie zu finden, an sich arbeiten sowieso und auch richtig und optimiert nach ihr suchen und graben. Man soll am besten ganz viele Karteikarten durchblättern von anderen Liebesbedürftigen in den vielen virtuellen Einwohnermeldeämtern, die Parship heißen, Tinder oder Match.com. Und dann würden sich, genug Gemeinsamkeiten vorausgesetzt, zwei halb verhungerte Seelen glücklich in die Arme fallen und gemeinsam plötzlich ganz erfüllt und komplett sein.

Bis dahin ist es ein Drama und dieses konnte und kann man, wenn man will, immer noch im Theater sehen. Im zeitgenössischen Theater sind es vor allem die mit Theorie und Zeitdiagnostik aufgeladenen, besonders nachdrücklich vibrierenden Stücke eines René Pollesch an der Volksbühne Berlin, die sich diesem Thema widmen. Die Hauptfigur in „Kill your Darlings“ oder „Keiner findet sich schön“ kreist in zwanghaften, mantraartig angelegten Überlegungen um den ewigen Mangel an Liebe, Nähe und finaler Erfüllung. Der entlarvende Text ist dabei persönliche Mangelstatusmeldung und kollektive Anklage zugleich. Er ist der Aufschrei desjenigen, der Trinkwasser wollte, aber Meereswasser bekommt, der nach Brot verlangt, aber Steine vorfindet. Es sind von Personen losgelöste Liebeskummermonologe, die der Hauptdarsteller Fabian Hinrichs da spricht, und sie wären wohl pubertär, wenn wir es nicht auch immer noch wären, mit der ewigen Suche nach dem besten Moment, dem intensivsten Gefühl, der tollsten Welle und dem idealen Bildbearbeitungsprogramm für das Selfie, damit es auch ja klappt mit den Likes.

Falsche Versprechen, umetikettierte Bedürfnisse

Der Kapitalismus mit seinem angeblich so effizienten Markt und die Digitalisierung mit ihrer totalen Grenzüberwindungsverheißung entlarven sich auf dem Feld der Liebe vollends zu Ideologien, zu deren Grundausstattung seit jeher das falsche Versprechen gehört. Das Psychodrama der heutigen Zeit besteht in einer Umetikettierung der Bedürfnisse und Verfügbarmachung von Ersatzstoffen. Man wollte Nähe und bekam die gefühlte Vernetzung sozialer Netzwerke. Man wollte Lustbefriedigung und bekam Youporn. Man wollte freie Liebe und bekam die Qual der Wahl auf Tinder.

Wie aber bricht man nun aus den Kategorien des Appetits und des Mangels aus? Ein zeitgenössisches Theater sollte auch darauf Antworten bieten und nicht nur in der Beschreibung des Ist-Zustandes oder Beschwichtigungen („No Fear“) verbleiben. Arm dran wäre der Mensch nur, wenn er so bleiben müsste, wie er ist, eben als Projektionsfläche für externe Bedürfnisse, wie sie Pollesch so treffend beschreibt. Arm dran wäre der Mensch, dessen Souveränität sich darin erschöpft, nur über die Qualität seiner „Kackentscheidungen“ bestimmen zu können, aber nicht über den Exit aus der Gedankenschleife, die ihn gefangen hält zwischen Robocop gucken, aufs Iggy-Pop-Konzert gehen oder mit der Nachbarin schlafen.

Wo also bleibt der Akt der Selbstbehauptung? Der Zorn bleibt im Theater nur auf die Umstände gerichtet, nicht auf sich selbst. Er bleibt im Monolog der psychoanalytischen Selbstreflexion stecken; es gibt keine Darstellung des Aufbegehrens und gerechten Zorns, der „thymotischen Affekte“ eben, wie sie Sloterdijk einmal nannte. Das ist schade, aber wohl so gewollt. Denn der Weg ist schon in der Theorie blockiert. Damit Hinrichs den Karren auf der Bühne selbst aus dem Dreck zieht, statt nur damit im Kreis zu fahren, müsste man auf die bewährte Einkehr bei Žižek, Lacan, Badiou und den sonstigen Trostvätern der Zukurzgekommenen verzichten und den schmalen, steinigen Pfad hinauf zum einsamen Wanderer Nietzsche wählen.

Ausbruch aus der Spirale der Selbstbespiegelung

Immerhin: Dieser Weg steht jedem ja im wahren Leben noch offen. Er bietet die Möglichkeit, zu erkennen, dass der Mangel an Liebe nicht so schlimm ist, wenn man die Fülle bei sich selbst findet, in der Kategorie des Nichtangewiesenseins auf andere; im Versuch der Unabhängigkeit gegenüber der Welt. In zumindest zeitweiser eremitischer Selbstgenügsamkeit. Dass, wo Vernetzung die Isolation nicht aufhebt, ein echter Rückzug heilsamer ist. Dass, wenn nicht noch mehr Profile das Versprechen der Liebe erfüllen, die Liebesaskese mehr bringt. Wo Sattheit schon nicht erfüllt, tut es vielleicht die Leere besser.

Vielleicht wäre ein Theater zu gewagt, das sich derart offen pädagogisch positioniert. Dabei ist die gegenwärtige pädagogische Aussage noch grausamer: „Du kannst nichts machen. Aber allen anderen geht es genauso.“ Man lässt den modernen Smartphonezombie im Zustand seiner digitalen Umnachtung zurück und hofft, dass es eben vielleicht doch noch was wird, ob auf Tinder oder sonst wo. Und beraubt ihn dabei ganz nebenbei der Möglichkeit zur Veredelung seiner selbst.