„Es gibt kein Recht auf unsinnige medizinische Maßnahmen“

von Yvonne Widler / 17.02.2015

Noch vor 40 Jahren war es nicht möglich, Menschen monatelang zu beatmen und so am Leben zu erhalten, aber möglicherweise auch das Sterben zu verlängern. Andreas Valentin ist Intensivmediziner und spricht sich – unter bestimmten Bedingungen – für die Beihilfe zum Suizid aus.

Andreas Valentin ist als Arzt oft mit dem Thema Sterbehilfe konfrontiert. Als Mitglied der Bioethikkommissin hat er  – wie 15 andere auch – für die Entkriminalisierung der Beihilfe zur Selbsttötung gestimmt.

Ist alles, was heutzutage medizinisch machbar ist, auch wirklich hilfreich für einen Patienten? Helfen diese Maßnahmen in der Lebensperspektive eines Patienten tatsächlich weiter? Diese Fragen kursieren schon sehr lange in der Intensivmedizin und in analoger Weise in der gesamten Medizin. Im Konsensus-Papier der Intensivmedizinischen Gesellschaften aus dem Jahr 2004 zum Thema Therapiebegrenzung an Intensivstationen gibt es einen Satz, der Andreas Valentin besonders wichtig erscheint: „Es ist Aufgabe der Intensivmedizin, Leben zu erhalten, aber nicht, Sterben zu verlängern.“

Das Selbstbestimmungsrecht des Patienten sei in den letzten Jahren massiv in den Vordergrund gerückt. Wenn ein Patient heute erklärt, dass er eine bestimmte Maßnahme ablehnt, dann dann ist sein Arzt verpflichtet, diesen Willen zu respektieren. Noch vor 40 Jahren war es nicht möglich, Menschen monatelang zu beatmen und so am Leben zu erhalten, aber möglicherweise auch das Sterben zu verlängern. „Diese Fragen, die wir uns jetzt stellen, sind relativ neu, aber das Problembewusstsein ist diesbezüglich enorm gestiegen. Es gibt aber noch immer große Unsicherheiten beim medizinischen Personal, und ein Anliegen dieser Diskussion ist sicher auch, Unsicherheiten zu reduzieren. Manche Dinge sollten auch in der juridischen Sprache und der Gesetzgebung klarer formuliert werden“, so Valentin.

Es ist nicht sinnvoll

Bei der Diskussion über die Palliativmedizin herrscht durch alle Lager Konsens. Das Angebot müsse ausgebaut und stärker gefördert werden, das zeigt auch die aktuelle Empfehlung der Bioethikkommission. Jener Bereich, wo medizinische Maßnahmen nicht mehr sinnvoll sind, weil keine medizinische Indikation gegeben ist, ist jedoch schwieriger in der Betrachtung. „Ohne medizinische Indikation dürfen Maßnahmen eigentlich nicht mehr durchgeführt werden. Für jede medizinische Maßnahme muss es eine Begründung geben. Wenn die Begründung wegfällt, dann ist das nicht mehr konform mit den Grundlagen der Ethik und des Rechts“, so Valentin, „es gibt kein Recht auf unsinnige medizinische Maßnahmen.“ Letztlich gibt es noch die Diskussionsbereiche rund um den assistierten Suizid und die Tötung auf Verlangen.

Nur ein kleiner ist Teil betroffen

„Meine persönliche Meinung zum assistiertem Suizid ist: Wir brauchen hier eine Entkriminalisierung.“ In Österreich ist eine Diskussion um die Beihilfe zur Selbsttötung entbrannt, dabei sei der Bereich rund um „Sterben zulassen“ viel größer, denn er betreffe viel mehr Menschen – und auch viel mehr Ärzte in der Praxis.

In Österreich sterben rund 80.000 Menschen pro Jahr, bei den meisten stellt sich die Frage: Sollen medizinische Maßnahmen getroffen werden oder nicht? Hingegen betrifft der assistierte Suizid, nach Schätzungen, die von anderen Ländern abgeleitet werden, ein paar hundert Menschen. „Aber trotzdem, es ist ein wichtiges Thema“, so Valentin.

Wenn es um Menschen geht, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen, weil sie eine Krankheit haben, die unmittelbar in nächster Zeit zum Tod führen wird; wenn es um Menschen geht, die eine Krankheit haben, die das Wesen komplett verändern wird, beispielsweise einen Hirntumor, dann sollte man von einer Strafe bei der Beihilfe zur Selbsttötung absehen.

„Sie müssten sich abwenden”

Die wichtigen Themen sind für Valentin eher ganz einfache Dinge, wie Beistand, im Sinne von da sein und jemanden nicht alleine lassen. „Stellen Sie sich vor, Ihr Partner ist mit einer Krankheit in einer verzweifelten Situation, wo er einfach nicht mehr kann und möchte. Er will seinem Leben ein Ende setzen. Dann müssten Sie sich, nach momentaner Gesetzeslage, von ihm abwenden, damit Sie sich nicht strafbar machen.“

Jedes Argument in dieser Situation sei absolut ernst zu nehmen, weil es eine Diskussion ist, die die letzten Fragen des Lebens betrifft, und wo man tatsächlich viele Perspektiven haben kann und die begleitenden Aspekte abwägen müsse.

Die Gefahr des Drucks?

Es kommt sehr häufig das Argument auf, dass durch eine Liberalisierung der Gesetze eine Art Dammbruch stattfinden könnte oder vielleicht das noch gewichtigere Argument, dass Menschen unter Druck geraten. „Ich glaube, das muss man wirklich sehr ernst nehmen.“ Deswegen vertritt Valentin wie viele andere die Ansicht, dass eine generelle Freistellung der Beihilfe zum Suizid keine Option sein sollte.

Neben der Bedingung, dass es sich um eine unheilbare, zum Tode führende Krankheit handeln muss, sollten auch keine Eigeninteressen von anderen Personen verfolgt werden dürfen. „Man muss aus meiner Sicht unbedingt einer Kommerzialisierung dieses Themas entgegenwirken.“

In Würde sterben?

„Ich denke, in Würde zu sterben heißt für mich, nicht allein gelassen zu sterben, sondern möglichst im Zusammensein mit einem nahe stehenden Menschen, möglichst frei von Schmerz, Atemnot und anderen schweren Symptomen“, so Valentin.

Es gibt aber extreme Situationen am Lebensende, wo Valentin es als gewisse Form von Barmherzigkeit sehen würde, jemandem zu helfen, wenn er sich töten möchte.

Andreas Valentin ist Facharzt für Innere Medizin (Intensivmedizin, Kardiologie), Leiter der Abteilung Innere Medizin, Kardinal Schwarzenberg’sches Krankenhaus, Schwarzach im Pongau, ehemaliger Leiter der Allgemeinen und Internistischen Intensivstation, Rudolfstiftung Wien; ehemaliger Präsident des Verbands der Intensivmedizinischen Gesellschaften Österreichs (2011–2014), Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Internistische und Allgemeine Intensivmedizin und Notfallmedizin (2014–2017).