Morgengrauen

Es gibt was Bessers

Gastkommentar / von Peter Strasser / 09.08.2016

Liebe A., ich wollte mit meiner Antwort warten, bis mir was Tröstliches zu Deiner Frage einfällt: „Vielleicht werde ich mir rückblickend Vorwürfe machen, so eine Durchschnittsexistenz geführt zu haben?“

Nun habe ich alle möglichen Ruminationen zum Thema „Herbst des Lebens“ und „Tod“ gelesen, auch die von unserem Erotikschwärmer Wolf Wondratschek, der früher eine Kultdomina besang und jüngst aber in einer Kirche sprach, übers In-der-Kirche-Sitzen, bevor man „das Bankl reißt“. Und da kam mir dann auch noch die Weltweisheit des Heimito von Doderer in den Sinn: „Ein Mensch ist weg wie nix.“

Gestern war ich auf dem Friedhof, das beruhigt: Blumen hinstellen, Kerzen anzünden, Blätter vom Grabstein klauben. Am Ende, nach hoffentlich kurzem Gezappel, ist man jedenfalls weg – wie nix. Darin liegt nun, im Morgengrauen nach einer unruhig durchschlafenen Nacht, etwas Tröstliches. „Wie nix“ bedeutet mir, in den neuen Tag hinein, quasi augenzwinkernd: „wie nix, aber nicht nur nix“. Das ist, wenn man sich ein Leben lang anständig mühte, immerhin etwas, nicht wahr?

Ich schau also im Morgengrauen aus dem Fenster, wo auf der Fensterbank meine Herbstorchideen zur Blüte rüsten; ich schau mit den Augen der Sternseherin Lise des Matthias Claudius: „Es gibt was Bessers in der Welt als all ihr Schmerz und Lust.“ Durchs Fenster sehe ich die Klosterkirche gegenüber. Eben. Es gibt was Bessers in der Welt: wie nix, aber nicht nur nix. Bis bald, Dein P.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).