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Nepotismus

Es ist ein kleines Land

Meinung / von Barbara Kaufmann / 30.05.2016

Eine Journalistin der FAZ beklagte vergangene Woche in einem etwas episch geratenen Text die Nähe zwischen Kunst, Politik und Journalismus in Österreich. Corpus Delicti für ihren Befund war der Umgang der heimischen Presse mit dem neuen Roman von André Heller. Der ist wahr, aber nicht neu.

Es ist sicher schon zwei Jahre her, da stand ich vor einem Büffet mit schwitzenden Lachsbrötchen, die schon etwas streng rochen, und fand mich vor einer schwierigen Entscheidung: Fischvergiftung oder soziale Isolation. Ich war damals als Quereinsteigerin erst seit ein paar Jahren im Journalismus und auf einem Empfang, von dem ich „irgendeine G’schicht“ mitbringen sollte, und ausgerechnet die Gastgeberin offerierte mir in diesem Augenblick eines der suspekten Brötchen. Zögernd führte ich es zum Mund, ging im Kopf die Adressen der nächstgelegenen Krankenhäuser durch, da erwies sich der Zufall gnädig: Ein Gast betrat die Szene, der die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Ein unauffälliger Mann von mittlerer Größe mit einem beinahe scheuen Lächeln und leicht linkischem Auftreten. Meine Gastgeberin küsste ihn zur Begrüßung auf die Wange und stellte ihn mir nur mit seinem Vornamen vor. Den Nachnamen musste sie nicht nennen. Er war bekannt. Der unauffällige Mann war Mitglied der damaligen Regierung. Also blieb ich beim Sie. Und zählte damit deutlich zur Minderheit an diesem Abend.

Namedropping, ein Wert aus Österreich

Die Alpenrepublik, das ist eine Fußgängerzone im ersten Wiener Gemeindebezirk, in der es nur zwei Lokale mit Gastgärten gibt, deren Bestuhlungen sich aufs Haar gleichen. Und ehe man sichs versieht, sitzt man als Journalist oder Künstler mit den Politikern des Nebenlokals an einem Tisch, ohne es zu wollen. Frei nach Horváth entkommt man ihrer Liebe nicht. Das Sie in der Anrede gilt generell als beinahe feindselige Distanz und auch als soziale Selbstdeklassierung. Wer etwas zu sagen hat in diesem Land und etwas gilt, spricht von den wenigen Prominenten aus Kunst, Kultur und Politik nur in Vornamen. Tobias, Nia, André. Das Gegenüber hat natürlich zu wissen, um wen es sich handelt. Namedropping, ein Wert aus Österreich. Der richtige Vorname kann einem im richtigen Moment Tür und Tor öffnen und wenn er mit genügend Jovialität im Ton vorgebracht wird, gilt er als Erkennungszeichen, als Eintrittskarte in die Welt der schwitzenden Lachsbüffets und der kleinen, unauffälligen Männer, die über Scheitern oder Gelingen einer Karriere entscheiden können.

Manchmal wird das Sie auch als Persiflage der Bourgeoisie verwendet, die mit ihren ländlichen Trachtenjankern und Jagdkostümen durch den ersten Bezirk stapft und mit ihren Range Rovern die Parkplätze verstopft, immer auf der Suche nach dem nächsten Parvenü, der ihnen mit schwerfälligem, ländlichen Ausfallschritt vor die Flinte trampelt. Der Stallgeruch ist selbst für die strapazierten Nasenschleimhäute der Innenstädter eine olfaktorische Visitenkarte, die auch der Doktortitel nicht zu übertünchen mag. Trotzdem gilt – Schein ist Sein. Und so kann es durchaus vorkommen, dass der Altpolitiker die Jungliteratin im Beisein des Kulturjournalisten gepflegt siezt, nur um kurz nachdem dieser das Lokal in der Fußgängerzone in Richtung Redaktion verlassen hat, erleichtert aufzuatmen. „Jetzt könn’ ma wieder Du sagen, gell?!“

Dann essen sie eben Gulasch

Frauen haben es generell schwer in der dünnen Luft des von Zigarrenrauch verhangenen und von teurem Eau de Cologne geschwängerten Boysclubs. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein Lokalpolitiker am Rande einer Wahlkampfveranstaltung etwas illuminiert die kritische Berichterstattung einer Innenpolitikredakteurin gut hörbar wie folgt erklärt: „Das ist halt typisch für die Weiber über 40. Da sind sie schon ein bissl teigig, und wenn der Hintern fett wird, dann werden sie bissig.“ Das Gelächter, das darauf folgt, ist fröhlich und hell wie die Zukunft des Landes. Der Sohn des anwesenden Kollegen der so Geschmähten studiert Jus und absolviert gerade ein Praktikum in einer Kanzlei des Cousins des Politikers. Die Tochter arbeitet als Hospitantin in der neuen Inszenierung des Regisseurs am selben Tisch. Er lachte am lautesten. Die Rezension des Stückes ist schon bestellt. Sie wird wohlwollend und warm sein wie das kostenlose Mittagessen, das der Tochter täglich ausgegeben wird. Die Frau des Politikers war einst mit dem Regisseur liiert, der seine Jugendjahre in einer Wohngemeinschaft mit den beiden anderen Journalisten am Tisch verbrachte.

In zwei Wochen werden sie sich alle wieder treffen, zum großen Gulaschessen im Garten der Lieblingsschauspielerin des Regisseurs. Und während sie mit dumpfer Miene über den dampfenden Tellern brüten und die zähen, flachsigen Fleischstücke in sich hineinlöffeln, werden sie sich wie eine große Familie fühlen. An der sie zwar alle schwer zu kauen haben, aber das ist schon in Ordnung. Solange es nur ja keiner besser hat. Natürlich ist die Empörung, die der FAZ-Artikel mancherorts ausgelöst hat, trotzdem verständlich. Die Heuchelei, schrieb Molière, ist ein privilegiertes Laster, das mit seiner eigenen Hand aller Welt den Mund verschließt …