Morgengrauen

Es läuft, wie es läuft

Gastkommentar / von Peter Strasser / 08.10.2016

Heute fand ich unter meinen Notizen zu den Sachen, die dringend zur Erledigung anstehen, einen Zettel mit einer „Anfrage“ an mich selbst. Da steht: „Wieso mischt du dich überall ein?“ Ich kenne mich als einen Menschen, der, kaum hat er nach einer Albtraumnacht, in der es wieder einmal lief, wie es lief, die Augen aufgemacht, auch schon den Vorsatz fasst, nicht bloß freundlich danebenzustehen und den Dingen verwundert bei ihrer Selbstentfaltung zuzusehen, sondern sich selbst tüchtig einzumischen.

Leute, die es nett mit mir meinen, pflegen zu sagen, ich hätte ein „philosophisches Gemüt“, andere, die es weniger gut mit mir meinen, werfen mir vor, ich sei ein „Drückeberger“, der den Problemen, die das Leben an uns alle herantrage, „aus dem Weg gehe“, wo immer er könne. Mein Vorsatz, mich tüchtig einzumischen, reiche nicht über das geduldige Papier hinaus. Und das sei eben nicht genug. Meine Umgebung empfindet es offenbar als besonders störende Einmischung in ihre sogenannten Angelegenheiten, wenn ich mich nicht einmische.

Schön, um mich nicht durch Nichteinmischung überall einzumischen, werde ich mich ab sofort durch Einmischung einmischen. Aber wie? Fürs Erste zerknülle ich den Zettel mit der Frage: „Wieso mischt du dich überall ein?“ War’s das? Die Antwort gibt mir prompt mein Toaster, der gerade, auf eine Laufzeit von 2 Minuten und 80 Sekunden eingestellt, zwei duftend goldbraune Brotscheiben auswirft. Es läuft, wie es läuft. Ich finde, das ist Einmischung genug.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.