Morgengrauen

Es wird uns gleich wieder einfallen!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 12.09.2016

Es ist 5 Uhr 30, das Telefon klingelt, mein Altersfreund ruft mich an, bloß, um mir zu sagen, dass es ihm gleich wieder einfallen werde. Ich kann noch kaum aus den Augen schauen, geschweige denn, dass sich der Albtraumkloß in meiner Nachtkehle schon aufgelöst hätte.

Es werde ihm, sagt mein Altersfreund, gleich wieder einfallen, wie der Autor – oder war’s eine Autorin? – heiße, die das Buch geschrieben habe, dessen Titel uns erst kürzlich nicht gleich eingefallen sei, denn die Stadt, aus der die Autorin – oder war’s doch ein Autor? – in ihrer Jugend fliehen musste, liege ihm praktisch auf der Zunge. Ich bin ein wenig brüsk, nicht, weil meinem Altersfreund seit unserem Gespräch vor zwei Wochen nichts gleich eingefallen ist, sondern weil ich meinen Albtraumkloß hinunterwürgen muss, um meiner höhlenmenschartigen Morgenstimme einen einigermaßen zivilisationsmenschlichen Tonfall zu verleihen: „Riga, Judith N. Shklar, Liberalismus der Furcht“. Das sind, der Reihe nach, Stadt, Autorin und Titel des Buches.

Mein Altersfreund schweigt am anderen Ende der Leitung, ich denke schon, er sei weggegangen, ohne den Hörer aufzulegen, doch ein Räuspern verrät mir seine Beschämung. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen und behaupte, ich hätte nur geraten. „Dann ist es ja gut“, sagt mein Freund erleichtert, es wäre ihm ohnehin gleich wieder einfallen. Und ich bin froh, trotz Kants berühmten Verbots, aus Menschenliebe zu lügen, es aus Freundesliebe getan zu haben.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).