Morgengrauen

Europa im Nebel

Gastkommentar / von Peter Strasser / 09.12.2015

Nach frühmorgendlicher Bettflucht unterwegs im Morgennebel. Ich habe Frühstücksgebäck besorgt. Jetzt gehe ich Umwege, ziellos.

Gestern begann in Rom ein Heiliges Jahr unter dem Motto „Barmherzigkeit“. Das wollte ich dem Bettler neben dem Geschäft des Bäckers mitteilen, eine im Grunde sinnlose Handlung. Also bloß kein menschliches Getue, das „meinen Bettler“ – ich nenne ihn mittlerweile so, er weiß es natürlich nicht – beschämen könnte. Mein Vorsatz: Als milde Gabe das gleiche Geldstück wie sonst auch!

Aber mein Bettler war nicht da.

Ich laufe leer, laufe herum, und weil mir dabei kalt und langweilig wird (alles monoton, die vorbeihuschenden Schatten der Morgengänger mit ihren Schattenhunden, vorbei an Silhouetten von Bäumen und allerlei Buschwerk), kriege ich eine dumme Phrase nicht aus dem Kopf, die sich da drinnen um- und umdreht: „Europa im Nebel …“

Das kommt daher, dass ich jüngst erst, beim Studium der Zeitschrift Tumult, eine Sottise las, sie stammte von einem meiner starrsinnig gewordenen Intellektuellenfreunde. Er schrieb, Europa möge sich gefälligst gegen die einflutenden Flüchtlinge wehren, denn die meisten von ihnen seien gesunde junge Männer, „wehrfähig“, die zu Hause besser tapfer um ihr Land kämpfen sollten statt hierherzukommen, um sich in ein für sie, die „Refugees“, vermeintlich gemachtes Bett zu legen.

Jetzt taucht vor mir der Schatten meines Hauses auf. Dort drinnen steht mein gemachtes Bett, das ich frühmorgens floh. Guten Morgen, Europa im Nebel!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.