Peter Strasser

Morgengrauen

Europas verlorene Unschuld

Gastkommentar / von Peter Strasser / 17.04.2016

„Europa hat seine Unschuld schon längst verloren.“ Mit diesem Satz bin ich heute aufgewacht. Es war der Nachhall eines Vortrags, den ich mir gestern anhörte.

Der Vortragende, der sich mehrfach als „realistischer Humanist in politischen Angelegenheiten“ zu erkennen gab, wollte uns dreierlei bedeuten: Erstens, Europaromantiker mögen nicht so tun, als ob Europas Handeln nicht schon immer – und zwar in seinen besten Momenten – vom realistischen Humanismus bestimmt gewesen sei: Was getan werden müsse, das müsse getan werden! Und zweitens, wenn hier und heute Europa seine europaromantische Haltung aufgebe – die ohnehin nur von zwei, drei gutmenschlichen Ländern getragen worden sei –, um endlich zum realistischen Humanismus zurückkehren, sei dies keineswegs tadelnswert, im Gegenteil. Realistischer Humanismus bedeute eben hier und heute, keine Flüchtlinge mehr hereinzulassen und die, die schon da sind, möglichst rasch wieder loszuwerden. Schließlich brachte der Vortragende sein drittes Argument vor, dem sogar Zwischenapplaus gespendet wurde: „Europa hat seine Unschuld schon längst verloren.“

Für mich, der ich ein unbelehrbarer Verfechter der Unschuld als Tugend bin, war dies der Moment, um vor dem realistischen Humanisten schleunigst Reißaus zu nehmen. Und heute Morgen fühle ich mich unbehaglich. Mir passt es nicht, dass ich, ein Europäer, meine Unschuld schon längst verloren haben soll. Und wenn ich sie verloren hätte, dann wäre das erst recht kein Argument für irgendetwas, oder?

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).