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Sündenbock für Populismus

Fake News und Big Data: Die Wahrheit, die wir wollen

Gastkommentar / von Elisabeth Oberndorfer / 07.12.2016

Wie konnte Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewinnen? Was hat die Briten tatsächlich dazu bewegt, für den Austritt aus der Europäischen Union zu stimmen? Die Sehnsucht nach Antworten auf die überraschendsten Ereignisse des Jahres sind so groß, dass wir gerne die Fakten vergessen.

Das hat sich vergangenes Wochenende bestätigt, als ein Artikel mit dem Titel „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“, die Runde machte. Und der virale Erfolg des Textes bestätigt, dass das Fake-News-Problem auch in den Filterblasen der Intellektuellen existiert.

Kein Hinterfragen der Big-Data-Bombe

Der Text der Schweizer Tagesanzeiger-Beilage Das Magazin beschreibt die Methoden einer britischen Agentur, die Donald Trump zum Wahlsieg verholfen haben soll. Anhand von Facebook-Daten und Meinungsforschung betreibt das Unternehmen Cambridge Analytica sogenanntes Microtargeting und Profiling, bildet detaillierte Persönlichkeitsgruppen und spielt so präzise auf die Zielgruppe abgestimmte Anzeigen aus. Der Einsatz von Big Data im politischen Marketing sorgte in der deutschsprachigen Social-Media-Welt für Aufregung. Meine Echokammer, die großteils aus Menschen der Medien- und Werbebranche besteht, teilte den Artikel eifrig mit Anmerkungen, die Weltuntergangsstimmung hervorriefen: „So schlimm werden wir ausspioniert, und das ist erst der Anfang“, lautete der Tenor. Das schreiben Menschen, deren Arbeitsplätze und Unternehmen durch Ad-Targeting und den Handel mit Daten mitfinanziert werden.

Solche Fakten spielen jedoch keine Rolle, wenn wir endlich eine Erklärung für Trumps Wahlsieg haben. Nein, die US-Bürger sind doch nicht so dumm, sie werden nur durch Facebook-Anzeigen manipuliert. Cambridge Analytica erstellt seine Persönlichkeitsprofile unter anderem durch die Likes, die ein Facebook-User abgibt. Umso absurder ist es, dass der Artikel über die Agentur so viele Likes und Kommentare von Menschen, die ihn eigentlich gelesen haben sollten, generierte. Wir schimpfen über Data Mining und liefern gleichzeitig noch mehr Stoff für solche Datensammler.

Dass Cambridge Analytica und seine Rolle in der Kampagne von Trump von den Lesern nicht infrage gestellt wird, verrät auch, wie sehr wir uns von Nachrichten verführen lassen, wenn diese unsere Meinung widerspiegeln oder eine Erklärung für etwas Unverständliches liefern. Schon seit einem Jahr gibt es Kritik und Skepsis an der Wirkung des Wähler-Profilings, das Cambridge Analytica seinen Polit-Kunden verkauft. Das Gerücht, dass die Agentur die Leave-Kampagne bei der Brexit-Abstimmung unterstützte, wurde nie bestätigt. Für Cambridge Analytica sind die Trump-Kampagne und das Brexit-Gerücht hilfreich für den Sales-Pitch, der bei dem fragwürdigen Dienstleister besser sein soll als das Produkt selbst. Experten sagen außerdem gegenüber der Futurezone, dass dieser Ansatz des Polit-Marketings nicht neu ist.

Sündenbock für den Populismus

Was die empörten Social-Media-User bei Trumps Big-Data-Geschichte übersehen: Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton könnte eine ähnliche Marketingstrategie im Einsatz gehabt haben. Immerhin investierte sie noch mehr in technologische Hilfsmittel als ihr Konkurrent. Genauso könnte es also heißen, dass Big Data Clinton nicht zum Wahlsieg verhelfen konnte. Die Welle der Empörung funktioniert beim Unverständnis über den Rechtspopulismus jedoch noch immer am besten.

Neben der Big-Data-Schmiede Cambridge Analytica muss Facebook selbst seit Tag eins nach der Präsidentschaftswahl als Sündenbock herhalten. Das Verbreiten von Falschmeldungen und der Aufstieg von Nachrichtenportalen, die gezielt Fehlinformationen veröffentlichen, sollen das Wahlergebnis beeinflusst haben. CEO Mark Zuckerberg dementierte zuerst, dass die Fake News einen großen Platz in seinem sozialen Netzwerk einnehmen, wenig später kündigte er jedoch Maßnahmen an. Journalisten und Algorithmen sollen dem US-Konzern dabei helfen, Faktenüberprüfung einzuführen und fragwürdige Quellen zu kennzeichnen.

Solche Maßnahmen helfen jedoch nicht, solange sich Menschen zu einer skandalösen Headline eher hingezogen fühlen als einer faktenbasierten. Der Artikel „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“ ist zwar ein journalistischer Text mit Fakten, demonstriert aber die Mechanik, wie Fake News sich verbreiten. Die Geschichte lieferte die Antwort auf die offenen Fragen, die das deutschsprachige Publikum nach der US-Wahl hatten. Die gleiche Dynamik lässt sich bei den Trump-Unterstützern beobachten, die ohne Hinterfragen die kuriosesten Schlagzeilen über Clinton teilten – weil es für sie die Wahrheit war, die sie lesen wollten.

Emotionen stärker als Medienkompetenz

Solange wir nur die Wahrheit lesen wollen, die unserer Weltansicht entspricht, ist kein Ausbrechen aus Filterblasen und Echokammern möglich. Die polemische Kritik an Big Data ist genauso kurz gegriffen und populistisch wie die Hetze, die Trump-Unterstützer verbreiten. Die Autoren des viel diskutierten und geteilten Artikels waren selbst über die Reaktionen darauf überrascht und betonen in einem Interview: „Wenn die Leute informiert sind, dass das, was sie auf Facebook sehen, gekaufte Ware ist und keine unabhängige Information, dann können sie sich auch viel freier entscheiden, wie sie mit diesen Informationen umgehen und wie sie reagieren wollen.“

Die emotionale Reaktion auf den Einsatz von Daten und das Verlangen nach Aufklärung überschreitet die Medienkompetenz, was in jeder politischen Ausrichtung und sozialen Schicht gefährlich werden kann.  Die Künstliche Intelligenz lernt von Menschen, und wenn wir in der Maschinen-getriebenen Zukunft noch Fakten lesen wollen, sollten wir diese heute nicht ignorieren. Das Fake-News-Problem ist keineswegs eines der bildungsfernen Gruppen, wie die Social-Media-Elite am Wochenende selbst demonstrierte. Wie der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier am Sonntag das Ergebnis der österreichischen Präsidentschaftswahl nach Bildungsgraden analysierte: „Dumme Menschen gibt es in allen Bevölkerungsgruppen.“


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