Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Falsche Vorzeichen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 16.06.2016

Gestern glaubte ich, eine Gestalt am Fenster meiner Frühstücksecke vorbeifliegen zu sehen, in die Tiefe. Heute lasse ich das Fenster nicht aus den Augen, aber nichts passiert.

Was sollte auch passieren?

Ich stehe sogar mehrmals vom Frühstückstisch auf, blicke nach unten in den Hof, wo aber nur einige Nebelkrähen herumhoppeln und sich um die Nüsse streiten, die längst aus den Bäumen gefallen sind. Angesichts der populären Jungerben Hitlers hierzulande lese ich in der Zeitung, dass sich „der Zusammenfall von Völkerwanderung und Vertrauensverlust als tödlicher Mix“ erweise.

Und dann das geflügelte Wort: „Ja, in Linz beginnt’s.“ Heute Nacht war mir ein Bibelzitat aus dem Evangelium des Lukas eingefallen: „Ich sah wohl den Satanas vom Himmel fallen …“ Der Teufel fiel vom Himmel wie ein Blitz: Das muss eine Traumnachbearbeitung meines gestrigen Fenstervorbeisturzerlebnisses gewesen sein.

Im Traum sah ich ein glühendes Huschen, aber es stürzte himmelaufwärts, und dabei hörte ich Arvo Pärts sanfte Stimme, dessen wunderbare Komposition Adam’s Passion neulich im Fernsehen zu hören und anzuschauen war: „Unser Stammvater hat alle Katastrophen der Menschheit vorausgeahnt und sich selbst die Schuld dafür gegeben, zuletzt aber wieder die Liebe Gottes gesucht.“

Daher unsere Sehnsucht nach dem Paradies. Alle unsere Vorzeichen deuten in die falsche Richtung, denn sie alle sind selbstfabriziert und eitel. Was in Linz beginnt, endet im Garten Eden.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).