Morgengrauen

Familiendepp am Morgen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 19.05.2016

Ich habe mir noch nicht einmal den Morgensand aus den Augen gerieben, schon springt mir aus der Morgenzeitung der Geist der Zeit entgegen. Es handelt sich, wie könnte es anders sein, um den widerwärtigsten Ungeist.

Nein, es geht nicht um die sogenannte Realität: nicht um das Flüchtlingselend, das Wirtschaftselend, das Klimaelend – um das ganze elende Weltelend. Das, was mir in meine noch morgensandigen Augen springt, ist eine kritikerelende Zeitungszeile, die in mein wieder einmal weltaufnahmebereites Gemüt böse hineinfährt. „Zumindest“, urteilt das Qualitätsfeuilleton über einen neuen Familienfilm, „ist er nicht zu versöhnlich geworden.“ Nicht zu versöhnlich! Es handelt sich um genau jenen Film, den anzuschauen ich mich seit Tagen freue. Ich habe gleich meine ganze Familie dazu eingeladen. Endlich einmal wieder, dachte ich mir, für eineinhalb Stunden bei Popcorn, Sportgummi und Cola eine Flimmergeschichte (leider flimmern die heutigen Kinoleinwände nicht mehr), aus der man Trost beziehen darf: Die Welt ist doch nicht the devil’s party! Und warum nicht? Weil es die Orte gibt, Geborgenheitsorte, an denen der Teufel nichts verloren hat. Dort ist man, über alle Kleinbiestereien hinweg, einander zugetan, möge kommen, was da wolle.

Wer das nicht versteht, ist ein Depp, jawohl. Ich denke mir also: Der Filmrezensent ist ein Familiendepp! Und so denkend ist mein Morgen gerettet, und ich freue mich auf einen Familienabend im Familienfilm, der hoffentlich so versöhnlich wie möglich wird.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).