Morgengrauen

Fast schon weise

Gastkommentar / von Peter Strasser / 31.05.2016

Früher glaubte ich nicht, dass das Alter weise mache. Oder auch nur weiser. Aber tiefer, das schon. Sofern man im Alter nicht verblödet, wird man irgendwie tiefer, nicht wahr? Man kommt der Schwelle näher, die, wenn man sie erst überschritten haben wird, einem ein zusätzliches Licht aufsetzen wird. Man kommt den Archetypen näher. Und die Träume werden die Vorweisung sein. Man wird im Alter tiefer, dachte ich, weil die Träume tiefer werden.

„Wir sehen itzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort …“, heißt es bei Luther in dessen Übersetzung des Ersten Korintherbriefs. Wenn wir uns daranmachen, dachte ich, durch den Spiegel zu gehen, wird das Wort aufhellen und lesbar werden. Ich habe das übrigens nie verstanden. Egal, ich musste feststellen, dass, je älter ich wurde, meine Träume nicht tiefer, sondern immer flacher wurden. Heute Nacht beispielsweise träumte ich, bevor ich wieder einmal mit dem falschen Fuß aus dem Bett stieg, dass ich wieder einmal mit dem falschen Fuß aus dem Bett stieg.

Zuerst hielt ich das Flachwerden meiner Träume für ein erstes Anzeichen von Altersverblödung. Die Folge: Morgengrauen. Bis mir dämmerte, dass es genau umgekehrt war. Solange wir nicht „von Angesicht zu Angesicht“ schauen (1. Kor. 13,12), treffen wir hinter dem Spiegel immer einen weiteren Spiegel, denselben Spiegel, nicht wahr? Wenn uns aber erst dämmert, dass, solange wir leben, uns hinter dem Spiegel unser Leben erwartet, immer nur unser Leben – dann sind wir fast schon weise geworden.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).