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Nach dem Unesco-Bericht

Fiktion und Realität in Palmyra

Gastkommentar / von Rolf A. Stucky / 11.05.2016

Offiziell wird Aktionismus propagiert – aber wie steht es tatsächlich um das Museum und die Ruinen Palmyras? Ein Gastkommentar von

Rolf A. StuckyRolf A. Stucky ist ein Schweizer Archäologe. Er führte Ausgrabungen in Syrien und im Libanon durch und war von 1975 bis zu seiner Emeritierung 2007 Vorsteher des Archäologischen Seminars der Universität Basel.

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Wenige Tage nach der beschwichtigenden Mitteilung der syrischen Antikenverwaltung stellt jetzt auch die UNESCO fest, der Zustand der von ihr 1980 zum Weltkulturerbe erhobenen antiken Wüstenstadt Palmyra sei keineswegs so gravierend, wie man befürchtet habe; 80 Prozent der Bausubstanz stünden noch immer intakt aufrecht. Zwar habe der IS die beiden bis August 2015 fast vollständig erhaltenen Tempel des Bel und des Baalschamin unwiederbringlich gesprengt und auch die drei Durchgänge des „Triumphbogens“ mutwillig zerstört. Mehrere der besonders gut erhaltenen, an die 20 Meter hohen Grabtürme seien ebenfalls mit Dynamit dem Erdboden gleichgemacht worden. Dafür stünden die Säulen der Kolonnadenstraße noch ebenso aufrecht wie jene der Agora. Auch das in der Presse fälschlicherweise häufig als Amphitheater bezeichnete Theater sei unangetastet erhalten. Dass der IS das Theater auf zynische Weise als Bühne für den Vollzug seiner grausamen Todesurteile missbraucht hatte, erwähnt der UNESCO-Bericht ebenso wenig wie die Tatsache, dass diese spezielle Art von „Wiederverwendung“ wohl der Grund für die Bewahrung des Theaters war.

Vergangene Woche veranstalteten polnische Archäologen in Warschau einen dreitägigen Kongress, der im Zeichen der Erinnerung an den vom IS ermordeten ehemaligen Direktor des Museums von Palmyra, Khaled al-As’ad, stand. Dreißig Archäologen aus zwölf Nationen tauschten die Ergebnisse ihrer neusten Forschungen aus und gedachten des syrischen Kollegen, der ihre wissenschaftliche Arbeit erst ermöglicht hatte. Da nur die Ausgräber die vollständige Dokumentation der einzelnen Grabungen besitzen, beschloss man als Fazit der Tagung, die über viele Länder verstreuten Unterlagen der oft Jahrzehnte dauernden Feldforschungen zusammenzutragen, zu sichten und sie elektronisch zugänglich zu machen, so dass eine breit abgestützte wissenschaftliche Dokumentation vorliegt, wenn in Syrien dereinst wieder menschenwürdige Zustände herrschen. Erst unter dieser Bedingung kann man überhaupt an Restaurierungen in Palmyra denken.

Besonders eindrücklich war der Bericht zweier polnischer Kollegen, des Archäologen Robert Żukowski und des Restaurators Bartosz Markowski, die eben erst aus Syrien zurückgekehrt waren; die Bilder stellte freundlicherweise das Polish Centre of Mediterranean Archaeology zur Verfügung. Noch vor dem Besuch der UNESCO-Kommission hatten sie während dreier Tage das vom IS schwer beschädigte und anschließend fluchtartig verlassene Museum in Palmyra untersucht; ihre fotografische Dokumentation der chaotischen Zustände bestätigte die schlimmsten Befürchtungen: Der IS hatte sämtliche Vitrinen zerschlagen und sie ihres wertvollen Inhalts beraubt; nur die nicht unmittelbar in klingende Münze umzusetzenden antiken Textilien ließ man dort liegen. Die Fanatiker hatten die Köpfe und Gesichter aller menschlichen Skulpturen mutwillig zerstört, welche der syrische Antikendienst des großen Gewichts wegen nicht nach Damaskus hatte transferieren können. Die beiden polnischen Kollegen untersuchten Saal um Saal, um die auf dem Fußboden herumliegenden, mit dreckigem Bettzeug, Abfall und Bauschutt vermischten abgeschlagenen Skulpturenfragmente zu sammeln und zu sichern – die herkulische „Ausmistung“ eines syrischen Augiasstalls. Allein ihrer Umsicht ist es zu verdanken, wenn in ferner Zukunft einige der Grabbüsten und Götterreliefs wiederhergestellt werden können.

Da die gesamte Ruinenstadt und selbst die Straßen und Wege zwischen den einzelnen Monumenten von Hunderten von Minen durchsetzt sind, war aus Sicherheitsgründen an einen Kontrollbesuch des von polnischen Archäologen freigelegten Allat- oder Athena-Tempels nicht zu denken.

Die Feststellung der UNESCO-Kommission, der Zustand der Ruinen sei keineswegs so katastrophal wie allgemein verkündet, ist schwer nachvollziehbar. Versetzen wir uns für einen Augenblick in einem fiktiven Vergleich nach Paris, dem Hauptsitz der UNESCO, und suchen dort nach adäquaten Sakral- und Repräsentationsbauten sowie nach bedeutenden Grabanlagen: Die Kathedrale Notre-Dame wäre ebenso in die Luft gesprengt wie die Sainte-Chapelle. Auch die Grablege der französischen Könige in St-Denis wäre geplündert und zerstört; der internationale Kunsthandel böte Teile der königlichen Grabskulpturen feil. Die Dächer des Louvre hätten so schwere Schäden erlitten, dass eindringendes Regenwasser die Säle überfluten und akute Einsturzgefahr drohen würde. Die Gemälde wären entweder zerschnitten oder verbrannt, die Skulpturen umgestürzt und alle Kleinodien gestohlen. Die Opéra Garnier dagegen bliebe noch immer bespielbar, und die Fassaden der von Georges-Eugène Haussmann entworfenen Boulevards stünden alle noch aufrecht.

Steht es der UNESCO wirklich zu, unter solchen Voraussetzungen und trotz „der Zerstörung einiger ikonischer Bauten Palmyras“ von einer „weitgehenden Integrität und Authentizität des Weltkulturerbes“ zu sprechen, wie dies der Bericht zu Palmyra suggeriert?

Der Aktionismus staatlicher und internationaler Institutionen, des syrischen Antikendienstes und der UNESCO, erinnert an die Reaktionen auf die Sprengung der beiden monumentalen Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan durch die Taliban im März 2001, wenige Monate vor der Attacke auf die beiden Türme des World Trade Center in New York: In unkoordinierten Aktionen versuchten auch damals offizielle und private Instanzen die beiden Figuren sogleich in ihrer ganzen Größe wiederauferstehen zu lassen. Die Eile, mit der – damals wie heute und trotz andauernden kriegerischen Aktivitäten – gewisse Institutionen die Chancen einer Restaurierung antiken Kulturguts suggerieren, hat politische Dimensionen: Die Machbarkeit einer unverzüglichen „Wiederauferstehung“ soll die Fähigkeit von UNESCO und syrischem Antikendienst nachdrücklich dokumentieren.

Die Teilnehmer des Warschauer Archäologenkongresses kamen einstimmig zum Schluss, überhasteter Aktionismus sei die falsche Lösung zur Rettung Palmyras. Zuallererst gilt es, die in den Museen von Palmyra und Damaskus bewahrten mobilen Antiken vor weiterem Schaden zu bewahren. Erst die Koordination der Resultate aller archäologischen Tätigkeiten von 1930 bis 2011 – über die Grenzen von Nationen und Kontinenten hinweg – und deren allgemeine Zugänglichkeit garantieren dereinst einen klaren Entscheid, welches Monument gerettet und wiederaufgebaut werden kann und welches in seiner unwiederbringlichen Zerstörung bewusst an die fanatische Vernichtung antiken Kulturguts im 21. Jahrhundert erinnern soll. Das Ende jeglicher kriegerischen Aktion innerhalb Syriens ist unabdingbare Voraussetzung für wohlüberlegte und präzise planbare Restaurierungsarbeiten nicht nur in Palmyra, sondern auch an vielen anderen Stätten, die unter den Auswirkungen dieses Krieges gelitten haben.