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Ein Special mit Helge Schneider

Filme und Geschichten zu 100 Jahre Verdun

von Alexander Kluge / 21.02.2016

Im Kriegsjahr 1915 hatte sich gezeigt, dass weder die Mittelmächte (Deutsches Reich und k.u.k.-Monarchie) noch die Entente (England, Frankreich, Russland) einen Sieg erringen konnten. Vernünftige Menschen hätten spätestens zu Weihnachten 1915 den Krieg beendet. Stattdessen planten beide Seiten gigantische, zusammengefasste neue Initiativen für das Jahr 1916. Die deutsche Führung verfolgte den ungewöhnlichen Gedanken, die französische Front an deren stärkster Stelle anzugreifen.

Die Festung Verdun besaß einen hohen Symbolwert. In dieser Stadt hatten sich die Enkel Karls des Großen durch den Vertrag von Verdun einst auf eine Zerteilung des Reichs geeinigt, aus dem später das rivalisierende Frankreich und das Deutsche Reich hervorgingen.

Die neueste Forschung besagt, dass eine Einnahme von Verdun und ein Durchbruch durch die französische Front, hätte man am geplanten Angriffsdatum in der zweiten Februarwoche festgehalten, Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Der Angriff wurde verschoben, weil das Wetter für den geplanten Artillerie-Einsatz nicht passte.

Kein Angriff im Nebel

Am 12. Februar 1916, dem für den Angriff auf Verdun festgesetzten Tag (noch war alles ungeschehen), fuhr ich mit zwei Ordonnanzoffizieren an die Front. Die Landschaft lag in undurchdringlichem Nebel.

– Das kann von Vorteil sein. Die Verteidiger sehen nichts.
– Sie meinen, dass wir nach Kompass angreifen sollen? Die Truppe besitzt keine Kompasse.
– Sie müssen nur geradeaus, immer nach Westen stürmen.
– Es gibt keine Erfahrung in Bezug auf Nebelangriff. Das ist nicht geübt worden.
– Deshalb sage ich ja: Es kann einen Vorteil enthalten.

Die Truppe hockte wartend in den nassen Stollen

Die deutsche obere Führung war in den Kategorien der „Klarheit“ und der „bewussten Entschließung“, also „rational“, ausgebildet. Sie traute keinem „ungefähr“.

– Wir hätten an diesem Tag dennoch angreifen müssen. Wie Gespenster wären die Unsrigen aus dem Nebel aufgetaucht.
– Und die Artillerievorbereitung? Hätten wir ins Blinde schießen sollen?
– Man schießt ohnehin nach Planquadraten.

Wie gesagt wurde der Angriffsbefehl an diesem Tag zurückgenommen. Ich blieb bei der Truppe, die in ihrer Masse im Stollen, in dem sie hauste, zusammengedrängt war, und schlief.

– Und wieso nehmen Sie an, daß die Angriffstruppen ihren Weg gefunden hätten?
– Weil sie auf den Feind gestoßen wären.
– Woran sollte man im Nebel einen Feind erkennen?
– Wer hinter mir ist, ist Freund. Wer vor mir ist, ist der Feind.

Es war aber im Nebel weder das „vor mir„ noch das „hinter mir“ sicher auszumachen. Bei tastendem Vorgehen in den Nebelschleiern, Führung nur in den Füßen, neigten die Soldaten, wie sich bei späteren Anlässen zeigte, dazu, Kreise zu schlagen und die Richtung zu verwechseln. Es hätte tatsächlich ein Durcheinander entstehen können.

– Ja, aber ein Durcheinander, das sich allmählich schrittweise nach Westen hätte lenken lassen. Wir besaßen Leuchtkugelgeschosse aus Magnesium. Sie hätten zwar keine Sicht, aber Signale vermittelt.
– Die Geschosse waren in Frontnähe vorrätig?
– Man hätte sie heranschaffen müssen.

Orkane fegten den Nebel hinweg, Regengüsse

Zu diesem Zeitpunkt hielt der Gegner einen Angriff an dieser Front noch für unmöglich. Angriffe aus dem Nebel hielt er ohnehin für ausgeschlossen. Die Männer waren unruhig. Unbewusst zogen sie den geplanten Angriff einem in die Zukunft verschobenen vor. Sie votierten für ein „Ende mit Schrecken“ gegenüber dem „Schrecken ohne Ende“, der dann folgte. Anders als die obere Führung in ihren Kartenräumen (meist ausgeräumte Esszimmer und Salons) bezogen sie die VORAUSAHNUNG in ihre Gedanken mit ein.
Am folgenden Tag war alles schlechter. Orkane fegten den Nebel hinweg. Regengüsse. Die Gräben liefen voll Wasser. Die Angriffstruppe entledigte sich ihrer nassen Uniformen, in der Hoffnung, an offenen Feuern die Kleidungsstücke trocknen zu können. Das sahen die feindlichen Beobachter mit ihren Ferngläsern: unerwartete Massen deutscher Infanterie oberhalb der Angriffsgräben. Jetzt war der Angriff nicht mehr geheim.
Erst am 20. Februar schlug das Wetter um. Ich hatte dem Stab weit hinten viermal am Tag berichtet. Wintersonne, wolkenloser Himmel. Das war das Wetter, das aller Planung zugrunde lag. Um 8.12 Uhr morgens feuerte der „lange Max“ im Wald von Waplemont den ersten Schuss ab. Da war die Schlacht schon verloren.

Der Aberglaube der Militärs an den industrialisierten Krieg

Der Gott, dem das Projekt Verdun gewidmet ist, heißt Artillerie: Fernkampf. Nicht die Soldaten sollten auf den Feind treffen, sondern primär die Geschosse sollten den Gegner, dessen Unterstände und Bunker, zerschmettern.

Mit der Hälfte der Mühen und Verluste, die für den Angriff auf Verdun aufgewendet wurden, hätten die Deutschen die Ukraine (mit ihren reichen Bodenschätzen und Weizenbeständen) erobern können. So wäre die britische Seeblockade unwirksam gemacht worden.

Winston Churchill über Verdun

Tatsächlich ist der Materialkrieg – so verheerend und mächtig er ist – ein blinder Glaube militärischer Experten. Das gilt für die Artillerie von Verdun wie für die Bombenangriffe heute in Syrien. Sie leisten Vernichtungsarbeit, aber sie führen zu keiner Entscheidung.

Weil für den Artillerieeinsatz das Wetter am ursprünglichen Angriffstermin nicht günstig war, wurde der Angriff verschoben. Dann wurde, um den Beschuss noch einige Stunden zu verlängern, am tatsächlichen Angriffstag der richtige Moment versäumt, an dem die Infanterie, weil der Gegner erschüttert war, erfolgreich hätte stürmen können. So hat der Glaube an die Wunderwaffe den Anfang der Schlacht verspielt. Der gleiche Glaube war der Grund, warum die verlorene Schlacht für so viele Monate nicht beendet wurde.

„Wie eine Vielzahl leiser Pfiffe“

Am Abend des 22. Juni 1916 setzte sich Oberleutnant Bechu im Stab der 130. Division mit seinem General im Befehlsstand nahe Souville zum Abendessen. Es war eine windstille Sommernacht. Plötzlich schwiegen alle deutschen Geschütze. Zum ersten Mal seit Tagen herrschte vollständige Ruhe. Die Offiziere warfen einander besorgte Blicke zu, denn, sagte Bechu, „der Mann fürchtet sich nicht vor dem Kampf, aber er erschrickt vor einer Falle.“

Nach Minuten war oben in der Luft ein Ton zu vernehmen: „Wie eine Vielzahl leiser Pfiffe, die einander ohne Unterlass folgten, als ob Tausende oder Abertausende von Vögeln in rasendem Flug, die Luft teilend, zu unseren Häupten hinstoben.“

Ein Feldwebel rannte, ohne anzuklopfen, in den Unterstand: „Mon general, über uns Granaten, Tausende von Granaten, die nicht explodieren! ‚Los, das wollen wir uns mal ansehen‘, erwiderte der General.“

Als die drei horchend draußen standen, kroch aus der Schlucht ein „beißender, ekelerregender Verwesungsgeruch, ähnlich dem Geruch von schalem Essig“.

Das einzig Gute war, dass auch die Fliegen verschwanden

Den deutschen Streitkräften vor Verdun war eine wertvolle Neuerfindung zur Verfügung gestellt worden: Phosgen, Grünkreuzgas. Der Gasvorhang über der französischen Artillerie löste sich in der windstillen Nacht nicht auf. Die Artilleristen hatten schnell ihre Gasmasken übergestülpt, waren zu den Geschützen gelaufen, um zur Stelle zu sein. Nichts rettete sie vor dem Ersticken; auf irgendeinem scheußlichen Wege durchdrang das Gas die Gasmasken, die sie trugen. Jetzt lag für die höhere Führung das Problem darin, eine Mannschaft zu finden, die die Leichenhaufen von den Geschützen weg in das Gebüsch oder in die Schluchten schaffte; die Führung ging davon aus, dass Ersatzmänner, die die Kameraden in Haufen daliegend vorfänden, nicht zum Kampf bereit oder technisch geschickt sein würden. Es waren ja komplizierte technische Geräte zu bedienen, die Geschütze. Schaufelmannschaften, die die Toten beseitigten, konnten wiederum die Nacht über nicht vorgebracht werden, da sich der Gasvorhang nicht auflöste. „Das einzige Gute war, dass für einige Zeit auch die Fliegen verschwanden, die überall auf dem verpesteten Schlachtfeld saßen.“ Immer wieder griffen sich Ärzte an die Kehle und fielen um.

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