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Mode und Sport

Fitnesswahn und Kleiderzwang

von Bettina Maria Brosowsky / 15.10.2016

Die Ästhetik des Sports prägt die Mode. Sportliche Kleider wurden einst als Befreiung gefeiert. Sie können aber auch die Sucht nach Optimierung des eigenen Körpers beflügeln.

„Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, raunte 2012 der Modeschöpfer Karl Lagerfeld in einer Fernseh-Talkshow mit Markus Lanz. Wohl kein Kleidungsstück ist in Deutschland derart als unterschichtenspezifisch desavouiert wie das ursprünglich einmal dem leichten Freizeitsport dienende Textil. Dabei ist unsere Mode, ähnlich wie andere Bereiche der Alltagskultur, seit Jahrzehnten von der Ästhetik des Sports geprägt.

Stilistische Anleihen in Formen, Materialien oder Farben kamen meist mit emanzipativem Anspruch daher, lösten starre Dresscodes und körperliche Einschränkungen auf, besonders in der Damenmode, die lange äusserst einengend war. So bildete die aristokratische Kleidung im Rokoko einen Höhepunkt der Eleganz und Prachtentfaltung. Doch sie war unpraktisch – für beide Geschlechter. Während die Französische Revolution auch die Männermode revolutionierte und den dunklen Anzug mit langer Hose etablierte, mussten die Frauen, nach der kurzen Phase des lockeren Empire-Kleides, ihren Körper neuerlich einzwängen, nun in das Korsett.

Sportliche Eleganz

Die Idealform der Sanduhrsilhouette mit extrem geschnürter Taille und üppig ausladender Hüfte beherrschte bis ins 20. Jahrhundert die Mode, und die Petticoat-Kleider der 1950er Jahre zeigen auch ihre zyklischen Reprisen. Erst vornehme Sportarten wie Reiten und Tennis befreiten auch den Frauenkörper. Das Korsett hielt sich noch kurze Zeit in einer knapperen Sportversion, die Damenhose – schamhaft versteckt unter einem Überrock – ermöglichte aber bereits das schickliche Reiten im Herrensattel oder auch das Radfahren. Die Reit- und besonders die Tenniskleidung blieben seitdem stereotyp. Tennisstars wie Serena Williams kontern zwar das Weiss mit kräftigen Farben, bevorzugen aber nach wie vor den kurzen Rock.

Fidel Castro in blauer Trainingsjacke mit Markenlogo und den drei bekannten Streifen. (Bild: AP)

Ein Kuriosum war die Bekleidung fürs Baden und Turnen. Wie bewusste Unisex-Mode muten die gleichförmigen Anzüge aus schwerem Baumwollgewebe an, ebenso die Wolltrikotagen ab den 1920er Jahren. Ein preussischer Erlass von 1932, als „Zwickelerlass“ von Presse und Kabarett verspottet, regelte Arm- und Beinausschnitte, verlangte ein Schamröckchen und die Bedeckung des Oberkörpers – auch für Männer. Von dort ist es nicht weit bis zum Gebot des Ganzkörperschwimmanzugs der Musliminnen oder der „keuschen“ Bademode orthodoxer Jüdinnen.

Seit den 1920er Jahren ist der Einfluss des Sports in der Mode unübersehbar. Der durch Coco Chanel in fliessenden Tageskleidern nobilitierte Jersey-Strick, der dem Reiten entlehnte Hosenanzug oder das Tennisdress-artige Sommerkleid wurden zu Grundlagen einer später als „casual“ bezeichneten sportlichen Eleganz.

Die Jugendkultur ab den 1960er Jahren liess die Modeschöpfer weitere stilistische Phänomene übernehmen: martialische Schulterpolster, Bikerjacke, Baseball-Kappe, Trainingsanzug oder auch Turnschuhe wurden gesellschaftsfähig. Joschka Fischer trug sie 1985 zur Vereidigung als Minister im hessischen Kabinett; und Fidel Castro empfing im vergangenen Jahr den Papst in blauer Trainingsjacke mit Markenlogo und den drei bekannten Streifen.

Kappe in Form eines Fahrradsturzhelmes mit geflochtenen Wülsten aus Nylontoile. (Bild: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg)

Die ästhetische Revolte, der Befreiungsgestus, ist zum lukrativen Kommerz geworden, Sportartikelhersteller beschäftigen Modedesigner für sogenannte Kapselkollektionen, die Haute Couture zitiert Sportattribute, Sportler haben eigene Modelllinien. Und selbstverständlich folgen wir alle, mehr oder weniger getrieben, dem gesellschaftlichen Imperativ des schlanken, durchtrainierten und permanent selbstoptimierten Körpers, denn nur er gilt als gesund. Die Industrie liefert passende Hightech-Funktions-Textilien: Anzüge zur Leistungssteigerung durch Körperkompression oder zusätzliche, elektronisch stimulierte Muskelkontraktion, per Smartphone zu steuern.

Die Lust am Leib negieren?

Den Querbeziehungen zwischen Sport und Mode geht nun eine Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe nach und zeigt etwa 110 Kleidungsstücke, Entwürfe und Modelle von über 40 Designern, vorrangig aus der eigenen Modesammlung. Die Ausstellungsarchitektur mit abstrahierten Turngeräten wie Schwebebalken, Sprungkasten und Sprossenwand reanimiert eine ehemalige, in den alten Typus zurückgebaute Turnhalle, denn das Hamburger Museum geht auf eine 1877 gegründete Gewerbeschule zurück, zu deren reformpädagogischem Programm eben auch der Sport gehörte.

Die Schau gliedert sich in vier chronologische oder thematische Kapitel und bietet über zehn arrangierte Displays unterschiedlicher Kleidungsstücke, ergänzt um Film- und Fotomaterial. Am Schluss des Parcours verweist die Ausstellung auch auf die neuste Avantgarde-Mode „nach dem Sport“. Diese formt den Körper nun nach künstlerischen und intellektuellen Prinzipien, vielleicht dem Rokoko etwas verwandt, oder arbeitet sich als japanischer Minimalismus an westlichen Körper- und Geschlechterbildern ab. Das mutet zwanghaft an, negiert die Lust am eigenen Leib. – Lässt uns die Mode als subversives Statement eines legeren Körpergefühls und der ungezwungenen Bewegungsfreiheit am Ende doch nur die verpönte Jogginghose?

Die Ausstellung „sports / no sports“ dauert bis zum 20. August 2017 (Gratis-Booklet). Ausserdem zeigt das Museum für Kunst und Gewerbe noch bis zum 30. Oktober die Ausstellung „Sneaker. Design für schnelle Füsse“.