Dagmar Schwelle / Laif

Fließende Grenzen in Europa

Gastkommentar / von Dževad Karahasan / 08.11.2015

Wenn man wie Dževad KarahasanDer Bosnier Dževad Karahasan, 1953 in Duvno geboren, lebt als Schriftsteller, Dramatiker, Essayist, Dramaturg und Literaturwissenschafter in Sarajevo und Graz. Beim abgedruckten Text handelt es sich um seine gestrige Rede zur Eröffnung des internationalen Literaturfestivals Buch Basel. – Aus dem Bosnischen von Katharina Wolf-Griesshaber. Europa von Bosnien aus betrachtet, fallen einem im Konglomerat dynamischer Gegensätze noch ein paar Ungereimtheiten mehr auf. Europas Stärke und Schwäche liegt in der Widersprüchlichkeit.

Eine recht auffällige Eigenschaft Europas ist seine Nichtübereinstimmung mit sich selbst. Wie immer Sie Europa betrachten – als geografisches, politisches oder kulturelles Phänomen –, ist es stets und auf allen Ebenen weniger oder mehr als es selbst und meistens zugleich weniger und mehr.

Wir behaupten zum Beispiel noch immer ganz ernsthaft, wir hätten 1492 Amerika entdeckt. Wir sagen nicht, dass wir damals von zwei Kontinenten erfahren haben, nein, wir sagen, dass wir diese Kontinente entdeckt haben. Philosophisch gesprochen heißt das, die Inka, die Maya und Azteken, die Gebirgsketten, Wälder und Seen, der Tabak, die rote Bohne und die Ureinwohner Nordamerikas, all das war eine Potenzialität, aber als wir Europäer kamen, um es zu bezeugen, ging es in Aktualität über. Einfacher gesagt: Wir haben allem Erwähnten Existenz verliehen. In den traditionellen Gesellschaften war für diese Dinge, nämlich für das Verleihen von Existenz, Gott zuständig, in der modernen Zeit sind es die Europäer, ein wenig Geduld, dann werden wir sehen, ob sonst noch jemand auftaucht.

Ob Europa, als es den beiden Amerika Existenz verlieh, mit Gott konkurrieren wollte oder nur nicht an seiner „metaphysischen Grenze“ stehenzubleiben vermochte, wäre zu diskutieren, an mir ist lediglich, darauf hinzuweisen, dass Europa auch heute noch nicht seine Grenzen zu erkennen und zu achten vermag, etwa die zwischen Gott und sich.

Der siebte neunte Monat

So steht es in Europa nicht nur mit Kompetenzen und Zuständigkeiten, so steht es auch mit dem Wissen. Sicher ist Ihnen, so Sie ein langweiliger Skeptiker sind, der angesichts der Unzuverlässigkeit all unseres Wissens trauert, passiert, dass Sie ein Rationalist, dem Sie mit Ihren Zweifeln auf die Nerven gegangen sind, belehrt hat, dass „eins“ immer und mit Sicherheit „eins“ und „sieben“ „sieben“ ist und dass zwei plus zwei mit Sicherheit und Gewissheit gleich vier ist. Sie hören sich diese Argumente mit Ehrfurcht und Dankbarkeit an, immerhin hat der Mensch ihnen einen gewissen Trost gespendet, aber später fällt Ihnen ein (Skeptiker sind nämlich genauso langsam wie langweilig), dass es nicht unbedingt so ist.

Wir Europäer schmeicheln zum Beispiel unserem neunten Monat, er sei für uns der siebte (September), und dem elften, er sei für uns der neunte (November), ohne uns groß zu fragen, was die Arithmetik darüber denkt. Die Grenzen zwischen der Arithmetik und Europa sind, wie wir sehen, unsicher und fließend wie alle anderen europäischen Grenzen. Es ist wahrhaft nichts so irrational wie radikaler Rationalismus.

Unser liebes Europa stimmt auch geografisch nicht mit sich überein, was deutlich ein für mich wichtiges Beispiel zeigt. In allen relevanten und zuverlässigen Quellen wird behauptet, das erste europäische Kaffeehaus sei 1647 in Venedig eröffnet worden. Der unaufhaltsame Siegeszug des Kaffees in Europa setzte sich mit neuen Kaffeehäusern fort, weil nach dem ersten, jenem in Venedig, Kaffeehäuser in Oxford (1650), London (1652), Paris (1670) folgten. Der Sarajevoer Historiograf Ibrahim Alajbegović Pečevija erwähnt in seiner Geschichte für das Jahr 1592 nebenbei ein Kaffeehaus im Sarajevoer Stadtteil Bembaša, so wie man allgemein bekannte Dinge erwähnt, die sich von selbst verstehen. Das bedeutet, dass mit Sicherheit spätestens 1592 ein Kaffeehaus in Sarajevo eröffnet wurde. Jahre, mindestens 55 Jahre, vor dem in Venedig, das laut zuverlässigen kritischen Quellen das erste europäische Kaffeehaus ist.

Was sagt uns dieses Totschweigen der Sarajevoer Kaffeehäuser? Wahrscheinlich, dass die angesehensten europäischen Autoritäten in der Historiografie meinen, Sarajevo sei nicht mehr Europa oder das, was man in den Kaffeehäusern in Sarajevo trinke, sei kein Kaffee mehr. Aber ganz sicher sagt es uns, dass die geografischen Grenzen Europas oder aber die Grenzen des Kaffees in Europa nicht einmal den Weisesten unter uns klar sind.

Weltliteratur

Diese Nichtübereinstimmung mit sich selbst hat, zumindest im Fall Europas, auch durchaus gute Seiten. Gerade in diesem und einem solchen Europa und nur in ihm konnte zum Beispiel eine der aufregendsten Vorstellungen, von denen ich weiß, entstehen – Goethes Idee von der Weltliteratur. In dieser Idee stellt die Weltliteratur ein Netz literarischer Werke dar, die sich evozieren und sich miteinander unterhalten, sich gegenseitig kommentieren, sich durchdringen und sich ergänzen, ungeachtet der Zeit und des Ortes ihrer Entstehung. Sie können es, weil sich das literarische Werk in der Welt des reinen Sinns aufhält, ohne zeitlich und räumlich begrenzt zu sein.

So konnte sich Goethe mit Hafis Schiras unterhalten, dem persischen Dichter aus dem 14. Jahrhundert, und Heiner Müller mit Sophokles und Euripides. Das heißt, ihre Werke konnten sich miteinander unterhalten. In diesem Netz werden Entstehungsort und -zeit eines Werkes nicht ausgelöscht, genauso wenig wie die Verhaltensweisen und Schicksale der dargestellten Gestalten, all das bleibt in seiner Konkretheit und Individualität erkennbar. Aber jedes Werk ist offen gegenüber anderen Werken, Epochen und Verhaltensweisen, fähig zu Gespräch und Austausch mit ihnen. Jede Epoche ist an ihren Besonderheiten zu erkennen, aber dabei ist sie zeitgleich mit allen anderen Epochen und allen Augenblicken in der Kulturgeschichte verbunden, so wie jeder Knoten eines Netzes selbständig, aber gleichzeitig mit allen anderen Knoten verbunden ist.

Jede Region bewahrt ihre Besonderheiten, ist dabei aber Nachbarin aller anderen Regionen, die jemals in die Literatur eingegangen sind. Goethe und Hafis Schiras, Euripides’ Korinth und Müllers Berlin, Ryunosuke Akutagawa und Henry James, Al Maarri und Dante, Shakespeare und Omar Chayyam – all diese Autoren und ihre Werke bewahren ihre Besonderheit und Erkennbarkeit, stehen dabei aber mit allem und jedem im Gespräch. Einmal durch Jahrhunderte, ein anderes Mal durch Tausende von Kilometern getrennt, und meist sowohl durch das eine als auch durch das andere, korrespondieren die Autoren und ihre Werke miteinander, indem sie in unzähligen Formen das ewig gleiche Schicksal des Menschen zeigen, indem sie die Fragen ausdrücken, die der Mensch der Welt und die Welt dem Menschen stellt, indem sie unseren Ängsten und Freuden Gestalt verleihen.

Kugel und Netz

Dieses Netz tröstet und erschreckt mich zugleich, weil es mir zeigt, dass ähnliche, sehr ähnliche Ängste und Hoffnungen, Freuden und Schmerzen das Leben meines Vorgängers vor siebenhundert Jahren erfüllt haben und das Leben meines Zeitgenossen erfüllen, der zehntausende Kilometer von mir entfernt lebt, und doch stellt nichts, buchstäblich nichts die Tatsache infrage, dass nur ich, das erste und einzige Mal, gerade diese Angst habe. Ein sehr schönes Paradox, das dem von Platon gleichkommt, welches behauptet, die Zeit sei ein bewegliches Bild der Ewigkeit, sodass sich in jedem Augenblick die Ewigkeit widerspiegelt, in der wiederum jeder wirkliche und mögliche, vergangene und zukünftige Augenblick enthalten ist, der nichts von seiner Einzigartigkeit einbüßt, obwohl er in die Ewigkeit eingetaucht und so mit anderen Zeiteinheiten verbunden ist. Johannes Scottus Eriugena, ein großer Europäer, der allerdings nicht wusste, dass er es ist, formulierte ein ähnliches Paradox. Er dachte, man könne sich Gott als Kugel vorstellen, die keine Peripherie hat, weil ihr Mittelpunkt überall ist, er dachte, von allem, was wir Menschen uns vorstellen können, komme dieses Bild dem, was Gott wahrscheinlich ist, am nächsten. Ich glaube, die Kugel, deren Mittelpunkt überall ist und die daher keine Peripherie hat, und das Netz der Weltliteratur, wie es Goethe geträumt hat, berühren sich irgendwo und ergänzen sich irgendwie, beinahe wie die zwei Seiten eines Blattes Papier. Ich glaube, der kürzeste und sicherste Weg zu der Kugel führt über das Netz der Weltliteratur. Ich glaube, die beiden erwähnten Bilder entspringen einem einzigen Traum.

Ich merke an, dass dieser Traum beide Male in Europa geträumt wurde mit ungefähr tausend Jahren Abstand zwischen dem ersten und dem zweiten Mal. Und ich merke an, dass dieser Traum Europa all die Zeit, während der ganzen tausend Jahre, geformt und seine Literatur inspiriert hat.