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Dr. Strangelove

Flüchtling: Wer hat Angst vorm fremden Mann?

von Milosz Matuschek / 11.11.2015

Migration ist überwiegend männlich. Wie viel Männerhass steckt im Fremdenhass? Über Geschlechterrollen in der Flüchtlingsdebatte.

Es war ein eher kurzer Herbst der fähnchenschwenkenden Willkommenskultur in Deutschland. Er dauerte in etwa bis zum Beginn des Oktoberfestes in München. Seitdem scheinen die Bedenkenträger wieder vermehrt Zulauf zu haben und bespielen die Angstklaviatur der Bevölkerung.

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Die Bedrohungsszenarien sind vielfältig, buchstabieren sich jedoch traditionell um das Phänomen der „Wegnahme von etwas“ herum aus: mal ist es der Platz, mal die Arbeit, mal die Identität und Kultur der Mehrheitsgesellschaft, die in Gefahr sind. Immer öfter mischt sich auch ein geschlechtsspezifischer Einschlag in die Debatte. Sind das nicht überwiegend Männer, die da zu uns kommen? Wer schützt, platt wiedergegeben, die deutsche Frau vor dem sexuell ausgehungerten und latent übergriffigen Muselmann?

Männliche Migration als Angstszenario

Aus der Flüchtlingskrise wird in den Augen von Untergangspropheten ein sexuell motivierter Feldzug gegen den Westen, wie ihn konservative Kulturpessimisten mit Rückgriff auf Autoren wie Jean Raspail („Das Heerlager der Heiligen“) gerne propagieren. Das erfolgt mal schrill, auf einschlägigen Seiten identitärer Bewegungen, mal nur latent und verschwurbelt bürgernah wie bei Botho Strauß, der sich zuletzt im Spiegel als letzter Deutscher in Szene setzte. Die Bedrohung des Abendlandes ist männlich, so wie die Migration überwiegend männlich ist.

Dabei könnte das Flüchtlingsthema die Stellschrauben des Genderdiskurses neu justieren. Feministinnen müssten jetzt eigentlich ein neues Opfer entdecken: den Mann mit Migrationshintergrund. Ist dessen Partizipationsanspruch an der Gesellschaft nicht das drängendere Problem als der Gleichheitsanspruch der Managerin in mittlerer Position, die auf ein Aufsichtsratsmandat per Quotenregelung hofft? Was ist schon die vermeintliche gläserne Decke gegen die Überwindung eines Grenzzauns aus NATO-Draht?

Doch diese Ausdifferenzierung der intellektuellen Kampfzone geschieht gerade nicht. Im Gegenteil.

Feminismuskritiker zeigen, dass sie bisher eher den weißen Mann verteidigten, nicht aber den Mann an sich. Die Autorin Birgit Kelle tat sich gerne dadurch hervor, auf die faktische Benachteiligung des Mannes hinzuweisen, der gefährlichere und dreckigere Jobs verrichtet, seltener das Sorgerecht bekommt und als Dank dafür früher stirbt. Der Mann ist für sie der heimliche Held der Alltagskultur; guckt er einer Frau mal in den Ausschnitt, dann deshalb, weil sie das wohl so will. „Dann mach doch die Bluse zu“, heißt eines ihrer Bücher. Der Appell richtet sich an die Frau.

Dieses Bild vom Mann ändert sich, wenn es um den männlichen Flüchtling geht. Für den männlichen Migranten gilt die kellesche Unschuldsvermutung nicht mehr. „Fliehen ist männlich: Frauen als Freiwild?“ lautet ihr neues Credo. Jetzt mutiert der Alltagsheld nicht nur zum Feigling, weil er die Frau im Krisengebiet zurücklässt. Nein, er guckt der deutschen Frau auch noch verdutzt in die Bluse. Bluse zu? Bluse auf? Für Kelle ist Sexismus eine Herkunftskategorie.

Wieder mal sind ideologische Muster unbrauchbar

Die Feministin Anne Wizorek scheint diese Blickwinkelverschiebung zu bemerken und schafft es doch, in die gleiche Falle zu tappen. Migration ist für sie entgegen der Fakten offenbar primär weiblich: da findet die Vietnamesin wegen ihres Namens keine Wohnung oder die Muslima stößt an gläserne Decken. Der Fremdenhass ist als Turbo im Kampf gegen Alltagssexismus willkommen – wenn er Frauen betrifft. In beiden Fällen wirkt die Flüchtlingsfrage wie ein Nebelzerstäuber, sie entlarvt die ideologische Einbetonierung des Weltbildes, den verkappten Fremdenhass einerseits und die einseitige Opferstilisierung der Frau andererseits.

Pragmatisch gesehen ist die Flüchtlingsintegration zweifelsohne auch eine geschlechtsspezifische Herausforderung. Sicherlich werden unterschiedliche Vorstellungen über die moderne Rolle der Frau miteinander kollidieren, wobei letztere auch in Mitteleuropa eher zu den neuesten Errungenschaften zu zählen ist. Im Umgang mit dieser Herausforderung rächt sich nun für die Mehrheitsgesellschaft ein als fortschrittlich geduldetes Klima der gepflegten Männerverachtung. Die Frau wurde lange kulturell als der bessere Mensch in Szene gesetzt; der Mann dagegen gerne pauschal als überflüssiger Zivilisationsversager, Psychopath und Vergewaltiger abgewertet. Der als salonfähig geduldete Männerhass ist nun das Vehikel für den Fremdenhass gegen Männer. Und wieder mal offenbart sich das Denken in vereinfachten Weltbildern nur als Gestrüpp ideologischer Verblendungszusammenhänge.