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Die Propaganda des IS

„Flüchtlinge werden zum Ziel“

von Christoph Zotter / 18.11.2015

Warum sich die Gruppe Islamischer Staat mit Flüchtlingen beschäftigt. 

Einer der Attentäter von Paris könnte sich in die Flüchtlingsroute gemischt haben. Darauf wiesen französische Ermittler hin. Die griechische Polizei hatte Fingerabdrücke in ihren Datenbanken, die mit denen eines der Attentäter übereinstimmen dürften (auch wenn ein gefundener syrischer Pass gefälscht war). Unter Terrorexperten ist schon länger klar, dass die Gruppe Islamischer Staat in Europa Misstrauen gegenüber Flüchtlingen säen will.

Der deutsche Dschihadismusforscher Nico PruchaNico Prucha ist Vox-Pol-Fellow am Londoner Institute for the Study of Radicalisation and Political Violence. Er forscht seit Jahren zu dschihadistischer Propaganda und Ideologie online und offline und gilt als einer der versiertesten Kenner der arabischsprachigen Propaganda verschiedener dschihadistischer Gruppen. analysiert seit mehr als zehn Jahren arabischsprachige Propaganda. Dass sich die Gruppe Islamischer Staat auch mit muslimischen Flüchtlingen befasst, findet er nur logisch.

Herr Prucha, allein im September erschienen rund 20 arabischsprachige IS-Propagandavideos, die sich mit Flüchtlingen auseinandersetzen. Was sieht man da?


Credits: King's College London

Zum Beispiel die Bilder vom ungarischen Grenzzaun oder vom Stacheldraht an der mazedonischen Grenze. Polizisten, die auf Flüchtlinge einprügeln. Der selbsternannte Islamische Staat sieht sich ja als alleiniger Vertreter der sunnitischen Muslime und will in seinen Filmen zeigen: Sunniten, die nach Europa fliehen, werden von den Europäern als Feinde definiert und dementsprechend schlecht behandelt. Dem werden IS-Kämpfer, Prediger, Kommandeure gegenübergestellt. Es kommen aber auch einfache Leute vor, die sagen, wie glücklich sie sind, im IS zu wohnen.

Diese Videos richten sich nur an Muslime?

Sogar nur an die arabischsprachigen. Die Flüchtlingsfrage ist für den selbsternannten Islamischen Staat ein ganz entscheidendes Thema. Sie sehen sich als eine Gruppe, die den islamischen Raum wiederbelebt hat, den Dar al-Islam. Dazu gibt es ein religiöses Konzept. Demnach ist jeder Sunnit verpflichtet, jetzt in den islamischen Raum zu reisen, um das Projekt aufzubauen. Jeder, der abhaut, ist ein Verräter. Wenn er dann auf dem Weg nach Europa ertrinkt oder anders stirbt, dann ist das Gottes Strafe.

Beziehen sich die Videos konkret auf religiöse Schriften?

Das ist das Entscheidende: Jedes Video basiert auf ganz vielen Texten, das ist die Macht. Hier kommt die komplette Theologie ins Spiel, das macht das Ganze für Westler so schwer verdaulich. Die Dschihadisten lesen aus islamischen Schriften heraus: Wer unter Nicht-Muslimen lebt, wird im Kriegsfall zum legitimen Ziel. Damit teilen sie die Carte blanche aus, und Flüchtlinge werden zum Ziel.

Was hat der Islamische Staat davon?

Die in Europa gefilmten Szenen hallen im arabischen Raum wider. Die Gruppe IS verwendet sie in ihrer Propaganda.
Credits: Screenshot

Es geht um eine ganz klare Polarisierung. Das ist eine Win-win-Situation für den IS. Die haben die Hoffnung, dass Flüchtlinge auf so viel Grundskepsis stoßen, dass sie es unglaublich schwer haben, sich zu integrieren. Damit wollen sie langfristig die Leute abholen, die von uns nicht erreicht werden, denen wir uns verschließen. Gleichzeitig wird die europäische Rechte aktiviert. Hier werden bewusst vor allem gut ausgebildete, weltoffene und oftmals wenig religiöse Menschen aus Syrien zum Ziel. Frei nach dem Motto: Nur weil du Muslim bist, gibt es keine Chance in Europa für dich.

Wie passen die Anschläge von Paris zu dieser Strategie?

Im arabischen Bekennerschreiben werden anders als im englischen nicht nur die Kreuzfahrer genannt, sondern auch die MuschrikunDer Begriff stammt aus dem Koran und bezeichnet Menschen, die Gott andere Gottheiten beigesellen (das wiederum heißt Schirk). In der Logik der Dschihadisten stellen Menschen, die sich nicht an ihre faschistische Auslegung des Islams halten, andere Konzepte über die verpflichtende Gottesfurcht. Dazu können Demokratie, der säkulare Rechtsstaat, aber auch Hedonismus und Materialismus zählen. . Das schließt Muslime mit ein. Wer in Frankreich zum Beispiel im Bataclan mitgefeiert hat, wird als jemand bezeichnet, der vom Anbeten des einen Gottes entrückt ist. Das ist die Drohung, die auch in den Flüchtlingsvideos vorkommt: Wenn du dich in Frankreich etablierst, dann bist du in zehn Jahren genauso dran wie der Algerier in der zweiten Generation, der einfach am Freitagabend sein Abendessen auf der Straße in Paris genießt.

Ist das alles eine Idee des IS?

Die Vorstellung, dass Muslime von Christen aufgenommen und dadurch aus dem Islam entrückt werden, ist nicht neu. Im Balkankrieg der neunziger Jahre gab es zum Beispiel Österreich-Hilfe für Waisenkinder. Dann wurden Dschihad-Videos produziert, in denen das als Kriegswaffe des Westens angesehen wird: Da werden die Kinder genommen, aus denen werden dann Christen gemacht, und damit ist eine Schwächung der islamischen Gemeinde programmiert.

Was passiert mit Flüchtlingen, die bereuen und zurückkehren?

Die IS-Propaganda verwendet dieselben Bilder, die auch über arabische und europäische TV-Sender ausgestrahlt werden.
Credits: Screenshot

Dazu gibt es noch keine Videos oder Propagandatexte. Aber es gibt welche, in denen sunnitische Flüchtlinge aufgenommen und in den Reihen der Terroristen integriert werden. Das sind dann Menschen, die vor dem Regime von Baschar al-Assad fliehen. In der Logik der Filme bewegen sie sich dann zur einzigen Schutzmacht, die von einem Sunniten als legitim betrachtet werden sollte.

Warum wird über diese Videos viel weniger gesprochen als über Hinrichtungsvideos?

Ich bin da mittlerweile sehr ernüchtert. Die Mehrheit der arabischen Kommunikation wird in Europa gar nicht gesehen und spielt keine Rolle. Arabische Quellen werden nicht gesichtet. Wir sind wahnsinnig mit uns selbst beschäftigt und fokussieren uns immer auf europäischstämmige sunnitische Auslandskämpfer. Es gibt nicht einmal eine Wahrnehmung über die schiitischen Auslandskämpfer, über die Hisbollah, über die iranischen Kräfte in Syrien und im Irak.

Einen Tag vor dem Massaker in Paris starben in der libanesischen Hauptstadt Beirut 43 Menschen bei einem Bombenanschlag von IS-Truppen in einem Viertel, das als Hochburg der Hisbollah gilt.

Die Beirut-Anschläge sind bei uns in den Medien komplett untergegangen. Das russische Flugzeug am Sinai spielt auch keine große Rolle. Wenn das eine Lufthansa-Maschine gewesen wäre … Das sind aber Realitäten, die man miteinbeziehen muss, wenn man sich das gesamte Problem ansieht. Der arabische Raum befindet sich in einer unglaublichen Umbruchsphase, die sich immer weiter auf blutige Art und Weise ausdrückt. Der IS hat sich als Player etabliert, der einen langen Atem hat. Auf der einen Seite bezieht er sunnitische extremistische Randgruppen im arabischen Raum ein. Auf der anderen betreibt er durch Anschläge wie in Beirut eine lokale Form der Politik, die uns im Westen einfach nicht geläufig ist. Statt das zu betrachten, fokussieren wir uns auf das, was bei uns passiert ist, was der IS bei uns angerichtet hat. Das ist legitim. Aber dadurch ist das Ganze eben nochmal einseitiger. Das ist die Polarisierung, die der IS dadurch erreicht. Das macht mir große Sorgen.

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