Was man zum Dschihad wissen sollte

Fünf Fragen zum Dschihad

von Christoph Zotter / 18.11.2015

Am Freitag wurden in Paris mehr als 120 Menschen im Namen des globalen Dschihad getötet. Fünf Fragen zu einem Wort, das jeder kennt. 

Im Westen werden sie Dschihadisten genannt. Sie folgen einer Ideologie, die aus einem muslimischen Konzept entwickelt wurde, dem Dschihad. Was bedeutet das Wort? Kann man es mit „heiliger Krieg“ übersetzen? Was sind Dschihadisten?

Im Jänner dieses Jahres haben wir uns mit dem Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker zusammengesetzt, er ist einer der profiliertesten Dschihadismusforscher im deutschsprachigen Raum. Er hat uns fünf Antworten gegeben.

1. Was heißt Dschihad genau?

Dschihad ist ein Wort, das sich auf eine intensive Anstrengung bezieht, und die kann verschiedene Formen annehmen. Es kann „Kampf“ heißen, aber eben im Sinn von „anstrengend“. Ein deutscher Kollege hat einmal ein Büchlein geschrieben, in dem er sich fragt, ob man auch „heiliger Krieg“ sagen kann. Er hat dann die Verlegenheitsübersetzung „heiliger Kampf“ gewählt. Das Problem ist, dass wir ein breites semantisches Feld haben.

Es mag heute erscheinen, als ob der militärische Dschihad die einzige Bedeutung wäre, aber wenn wir in die islamische Frühzeit hineingehen, lässt sich schnell feststellen, dass es nicht so einfach ist. Der Dschihad im militärischen Sinne kommt vor, gerade in Syrien an der muslimisch-byzantinischen Grenze ist er als Pflicht gesehen worden. Von der kriegsrechtlichen Seite muss es übrigens ein Verteidigungskrieg sein.

Ein Krieg zur Expansion ist unter Gelehrten nicht vorgesehen. In der Geschichte wurden aber durchaus auch Beutefeldzüge propagandistisch als Glaubenskriege verpackt. Dafür taucht in anderen Regionen manchmal Dschihad im militärischen Sinn gar nicht auf, sondern das Gebet ist als Pflicht für den Muslim erstgereiht. So variiert das bis nach Nordafrika hinein.

Unser Verständnis von Dschihad hängt davon ab, welche Quellen wir heranziehen. Es gibt sehr frühe Quellen, die den Dschihad als Kampf gegen die bösen Bestrebungen der Seele beschreiben. Sie beschreiben den großen und kleinen Dschihad: Der größere und wichtigere ist der innere Kampf mit sich selbst, er wird oft ausführlich beschrieben. Der kleine ist der militärische, der als Notwendigkeit gesehen wird, aber auf dem Weg zu Gott nicht so wichtig ist.

2. Wie wichtig ist der militärische Dschihad?

Ich traue mich zu behaupten: Der militärische Dschihad ist eher konjunkturell von Bedeutung gewesen, also wenn Kriege angestanden sind. Die Konstruktion des militärischen Dschihad als Kern des Islam hält historisch nicht stand. Schlicht und ergreifend: Die Quellen sprechen dagegen. Man kann sich das konstruieren, das ist kein Problem.

Es gab immer wieder historische Zwänge, wie die Entstehung des UmayyadenreichesDie Umayyaden begründeten die erste dynastische Herrscherfolge der islamischen Geschichte, das eine Art Staatsideologie brauchte, weil das ein Grenzkampfreich war, das den dauernden Krieg rechtfertigen musste. Es entwickelt sich damals etwas wie eine militärrechtliche Lehre des Dschihad, die seit dem 19. Jahrhundert häufig auch in Europa zitiert wurde. Gut, wenn ich beim Militärrechtler nachschaue, dann redet der nur vom Krieg, das ist irgendwie logisch.

Aber zum Beispiel in der ethischen und mystischen Bedeutung des Dschihad im SufismusSammelbezeichnung für islamische Strömungen, die oft als mystisch beschrieben werden verschiebt sich das Ganze zum inneren Kampf. Das ist für viele Gelehrte über die Jahrhunderte sehr dominant gewesen.

3. Welche Rolle spielt der militärische Dschihad heute?

Der militärische Dschihad ist ein aktivierbares Konzept. Es taucht immer auf, wenn für die muslimische Welt eine Bedrohung konzipiert werden soll. Der Dschihad wird im 19. und 20. Jahrhundert so etwas wie ein antikoloniales Mobilisierungskonzept. Das beginnt in Südostasien, aber auch den Aufruf zum Dschihad des osmanischen Kalifen im Ersten Weltkrieg muss man vor dem kolonialen HintergrundDie Deutschen überzeugten ihn, gegen die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien in den Krieg zu ziehen. sehen.

Danach wurde auch der kulturelle Angriff des Westens auf die Muslime als Bedrohung gesehen. In den fünfziger Jahren ist diese Idee in ägyptischen Gefängnissen zu einem Konzept der Verteidigung gegen den Westen und seine Unterstützer unter den Muslimen entwickelt worden.

Man hat sich die Frage gestellt: Sind das noch Muslime? Wer in einem ägyptischen Internierungslager der fünfziger Jahre gefangen war, wird daran gezweifelt haben, ob seine Folterknechte echte Muslime sind. Seither ist das Konzept weiter ausgebaut worden: Muslime sollen sich genötigt fühlen, sich gegen die neue Welt der Ungläubigkeit zu verteidigen.

4. Was sind dann Dschihadisten?

Der militärische Dschihad ist das zentrale Element der Identität bestimmter Gruppen, da gehört auch der Islamische Staat dazu. Dschihadisten distanzieren sich von der gesamten klassischen Gelehrtendiskussion, sie selektieren gewisse Gelehrte, die ihnen lieb sind. Da gibt es zum Beispiel eine Abhandlung, die ganz gezielt wegkürzt, wenn es um den Schutz von Zivilisten geht. Diese Textstellen werden einfach nicht zitiert.

Der Dschihad wird aber auch von Dschihadisten als Verteidigungskrieg definiert. Das beginnt damit, dass jedes Gebiet, auf das Muslime in historischen Zeiten irgendwie Macht ausgeübt haben, zu erobern ist. Das sind dann die berühmten Landkarten, die schwarz eingefärbelt werden, auch Österreich. Komischerweise wird immer vergessen, dass ein Teil der südfranzösischen Küste und eine Region in der Westschweiz ein paar Jahrzehnte lang muslimisch waren.

Aber der gewöhnliche Dschihadist liest nicht viel. Sein Bildungsstand beschränkt sich auf ein paar Parolen und Koransuren. Wenn man Flugzeuge in New Yorker Türme fliegt, heißt es dann: Wir müssen uns verteidigen und den Feind dort treffen, wo er am verwundbarsten ist. Da kann man auch gleich die ganze Erde schwarz einfärben. Aus dschihadistischer Sicht ist das ja ein barmherziger Akt.

Sie bringen die Menschen dazu, dass sie vom Unglauben befreit werden. Wir befreien Muslime, wir befreien Menschen von ihrem schlechten Dasein. Das erinnert mich immer an die Inquisition: Wir retten die Seelen vor weiterer Verderbnis.

5. Wie reagieren die Muslime darauf, wenn der Begriff Dschihad weiter militarisiert wird?

Die innerislamische Diskussion zu diesem Begriff ist schwach. Man ist eher bestrebt zu sagen, das hat nichts mit Islam zu tun, und Dschihadisten moralisch zu verurteilen. Dabei versuchen dschihadistische Intellektuelle ganz gezielt, den Bedeutungshorizont des Wortes Dschihad zu verschieben, das ist ihr Job. Sie greifen dabei auf Vorstellungen zurück, die in der klassischen Lehre auch präsent sind.

Das ist das Problem. Es gibt zum Beispiel genug saudische und andere Gelehrte, die einen Dschihad gerechtfertigt haben, auch in neuerer Zeit. Der spirituelle Mentor der AttentäterDer Ägypter Omar Abdel-Rahman, der derzeit in den USA im Gefängnis sitzt auf das World Trade Center wurde von der ägyptischen Universität Al-AzharDie alte Universität in Kairo gilt als oberste Autorität in der sunnitischen Lehre. mit einer Schrift über den Dschihad promoviert, die heute im dschihadistischen Lager gerne gelesen wird. Da gibt es arge Probleme.

Kritik daran beginnt erst jetzt, dazu muss man aber auch fähig sein, auf vielen Gebieten islamischen Wissens kritisch zu denken. Es ist schwierig, wenn man hundert Jahre aufholen muss, in denen es in eine Fehlrichtung gegangen ist. In Südostasien wird gerade versucht, Konzepte gegen dschihadistisches Dschihadverständnis zu bilden.

Dort wird betont, dass das richtige Verständnis nur sein kann, dass es um den inneren Kampf, die innere moralische Reform geht. Das ist im Moment das Eck, aus dem am meisten kommt.