Simon Tanner / NZZ

Frankreich in der Krise: Die Rüpel der Republik

von Kersten Knipp / 28.09.2016

Islamistische Terroristen fordern Frankreich heraus. Der Staat ist in der Pflicht. Doch die Intellektuellen des Landes fragen sich, wodurch die Republik ihre Bürger grundsätzlich noch bindet.

Als jihadistische Terroristen im Januar und November 2015 in Paris, im Juli 2016 in Nizza zuschlugen, erfuhren die Franzosen in aller Brutalität, wie wenig ihr Staatswesen sämtliche Bürger zu einen vermag. Mehr und mehr setzt sich allerdings auch die Einsicht durch, dass der jihadistische Terror nur die spektakulärste und brutalste Reaktion auf die tiefen sozialen und ideologischen Brüche ist, die das Land seit Jahrzehnten durchziehen. Bereits zu Beginn des Jahres 2015 hatte der Geograf Christophe Guilluy in seinem aufsehenerregenden Buch „La France périphérique“ davor gewarnt, die Krise nur in den Banlieues der grossen Metropolen suchen zu wollen. Das eigentliche Elend des Landes zeige sich woanders: in den ehemals industrialisierten und inzwischen abgehängten Zonen vor allem im Norden und Süden, wo viele Menschen in Armut, ohne Arbeit und Hoffnung auf bessere Zeiten lebten.

Gefährliche Wut

Dort, in der Peripherie, nehme der Frust zu. Ablesbar sei er etwa an der massiven Ablehnung der Europäischen Verfassung beim Referendum des Jahres 2005, an zunehmender Stimmenthaltung – oder der Entscheidung, die Stimme dem Front national zu schenken: „In diesen Regionen bildet sich eine Gegengesellschaft, die Schritt für Schritt mit den bisherigen politischen und kulturellen Einrichtungen Frankreichs bricht.“ Die Wählerschaft dort sei für die etablierten Parteien verloren. Und: „Wenn die Wut der unteren Schichten noch keinen konkreten politischen Ausdruck gefunden hat, ist das nur eine Frage der Zeit.“

Auch der Philosoph und Historiker Marcel Gauchet spürt den gesellschaftlichen Verwerfungen nach. Ihren Beginn situiert er in die frühen 1980er Jahre. Bei den Kommunalwahlen anno 1983 erzielte der Front national einen ersten sensationellen Erfolg. Die regierenden Sozialisten hingegen, deren gesellschaftspolitische Wohltaten – Verkürzung der Wochenarbeitszeit und Herabsetzung des Rentenalters – Inflation und Arbeitslosigkeit empfindlich steigen liessen, wurden abgestraft. François Mitterrand, seit zwei Jahren französischer Präsident, reagierte. Als sich 1984 die Anti-Rassismus-Organisation SOS Racisme bildete, suchte Mitterrand den Schulterschluss: Der Multikulturalismus, erkannte er, war das ideale Instrument, um junge Franzosen wieder an die Sozialistische Partei zu binden.

Dafür brauchte es kaum mehr als einen kleinen ideologischen Dreh. Man musste den sozialistischen Internationalismus alter Schule nur in das neue Ideal der Gleichwertigkeit aller Kulturen weltweit fliessen lassen. Dieser Umschwung, so Gauchet in seinem Buch „Comprendre le malheur français“, passte zudem wunderbar zur Dynamik der sich entfaltenden ökonomischen Globalisierung.

Das Wohl des Einzelnen

Der ideologische Schwenk half, die ökonomischen Misserfolge der Regierung zu kaschieren. Stattdessen leitete er die Aufmerksamkeit auf ein neues, überwiegend symbolisches Feld, das sich ungleich leichter beackern liess. Ein genialer Schachzug, der den Sozialisten half, sich auch in der folgenden Legislaturperiode an der Macht zu halten. Das Weitere besorgte laut Gauchet der Zusammenbruch des Ostblocks. Fortan predigte der Zeitgeist ein neues Ideal: das – vor allem materiell definierte – Wohl des Einzelnen. Als Garantin dieses Wohls gilt die Wirtschaft. Dieser Akzentwandel, so Gauchet, habe Frankreich wie dem gesamten Kontinent ein neues gesellschaftliches Selbstverständnis beschert: „Europa, das die Geschichte und die Politik erfunden hat, ist der posthistorische und postpolitische Kontinent par excellence geworden.“

Der Abschied von Politik und Geschichte, darin sind sich die hier zitierten Autoren einig, war fatal. Denn die ökonomischen und sozialen Herausforderungen blieben nicht nur bestehen – sie wuchsen sogar. Zugleich hatte der Staat immer weniger Mittel, die von Arbeitslosigkeit betroffenen Bürger zu unterstützen. Irgendwann schwand auch der Wille dazu. „Die Arbeiter zu verlieren, ist nicht weiter schlimm“, zitiert Guilluy eine Äusserung des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten François Hollande aus dem Jahr 2012. Statt ihrer verträten die Sozialisten – wie auch die Republikaner – ein überwiegend bürgerliches, mittelständisches Publikum. Die Anhänger beider Parteien unterschieden sich nur in Nuancen. Unterschiedlicher Auffassung seien sie vor allem in Bezug auf Homo-Ehe, Gender-Politik, Minderheitenrechte.

Dieser Trend hat sich in den letzten Jahren weiter verstärkt. Mehr und mehr, beobachtet der Politologe Patrick Weil, konzentriere sich der politische Diskurs auf symbolische Fragen – mit der Folge, dass die Idee der Republik, der Gedanke an das alle Bürger einende gemeinsame Staatswesen, immer weiter in den Hintergrund trete. „Von links wie von rechts, zwischen Nationalismus und Multikulturalismus, Verteidigung des Franzosentums und religiöser Suche ist die französische Gesellschaft offenbar Spielball zahlreicher identitärer Ansprüche und Streitigkeiten“, schreibt Weil in seinem Buch „Le sens de la République“.

Damit einher geht, wie der Soziologe Jean-Pierre Le Goff in seinem Buch „Malaise dans la démocratie“ konstatiert, ein fast schon grundsätzliches Misstrauen gegenüber allen Formen öffentlicher Autorität. Der Staat erreiche weite Teile der Bevölkerung nicht mehr, die etablierten Parteien und ihre Repräsentanten überzeugten nicht mehr. „Wer die Autorität verkörpert oder eine Machtposition innehat“, so Le Goff, „kann leicht in den Verdacht der Einflussnahme, der Manipulation und der Herrschaft geraten. Legitimität muss in den Augen vieler heute ‹von unten› kommen, während alles, was ‹von oben› kommt, als Unterdrückung und Gefährdung der eigenen Souveränität gilt.“

Schwindender Anstand

Diese individuelle Souveränität allerdings legt auch sich selbst immer weniger Zügel an. Der Philosoph Christian Godin beobachtet im Strassenverkehr, auf den öffentlichen Plätzen oder im Umkreis der Schulen immer rüdere Verhaltensweisen. Wie kommt es, fragt Godin in seinem Buch „La Démoralisation. La morale et la crise“, dass sich viele seiner Landsleute so wenig für die Belange ihrer Mitmenschen interessieren und immer gleichgültiger gegenüber den elementarsten Regeln von Höflichkeit und Anstand werden?

Die Antwort deutet bereits der Titel seines Buches an. „La Démoralisation“ – das ist zum einen der Verlust der Moral, im Sinne des Überhandnehmens schlichter Unmoral. Und zum anderen der Verlust innerer Kraft oder Überzeugung, wie ein demoralisierter Mensch sie verspürt. Beides hängt unmittelbar miteinander zusammen. Wo angesichts ungleicher und für viele Franzosen äusserst drückender ökonomischer Verhältnisse die Überzeugung schwindet, die persönliche Zukunft gestalten zu können, setzten sich Schritt für Schritt Demoralisierungsphänomene durch. Das lasse einen Kult roher, grober Verhaltensweisen entstehen, verstanden als Ausdruck individueller Freiheit. „Die Nonchalance uneingeschränkter persönlicher Freiheit und die Schamlosigkeit des Verhaltens gelten als Ausdruck dieser Freiheit – das ist er, der Geist der Coolness.“

Dieser Geist setzt sich inzwischen auf breiter Front durch. Der Philosoph Alain Finkielkraut hat in seinem Buch „L’Identité malheureuse“ sogar einen ganz neuen Sozialtyp ausgemacht: den „jungen Menschen“. Der zeichne sich vor allem durch ein robustes Weltbild aus. „Er weiss, was ihm gefällt, er weiss, wer eine Null ist. Und sollte er es einmal nicht wissen, klären ihn seine Kumpels auf. Umgarnt und umschmeichelt von der Unterhaltungsindustrie, definiert er sich vor allem durch seine Unbildung. Nichts fehlt ihm. Er kann nicht wollen, dass man ihn unterrichtet: Er sitzt auf einem Thron.“

Dort spielt er die Rolle des launischen Königs – eines Königs unter vielen, denn Anmassung und Egozentrik sind längst Massenphänomene. Unzählbar, so Finkielkraut, sei die Menge derer, „die nicht den Lärm bemerken, den sie verursachen, die, den Kopfhörer auf den Ohren, die Welt durchschreiten, ohne die anderen wahrzunehmen; die in der Öffentlichkeit telefonieren und den unfreiwilligen Zuhörer ihrer kleinen Ärgernisse oder ihres grossen Kummers beschimpfen, wenn dieser es wagt, sie an seine Gegenwart zu erinnern“.

„Identität“ als Wert an sich

Eine Gesellschaft, die an ihre Mitglieder keine nennenswerten Anforderungen stellt, untergräbt langfristig auch Kultur und Bildung. Bis vor einiger Zeit, schrieb bereits vor einigen Jahren der Philosoph Robert-Dany Dufour in seinem Buch „Le Divin Marché“, formulierten Staat und Gesellschaft noch ein relativ anspruchsvolles Bildungsprogramm. Es galt, Neues zur Kenntnis zu nehmen und darüber die Komplexität des eigenen Weltbilds schrittweise wachsen zu lassen. In einer Zeit aber, in der „Identität“ als Wert an sich gelte, erübrige sich ein solches Programm. „Die Kultur verwandelte sich in einen Faktor, der verderben, ja die persönliche Authentizität unterwandern konnte“, so Dufour. Die Folge dieses Wandels sei verheerend: Sie liessen einen – historisch einzigartigen – Sozialtypus entstehen. „Dieser ist nicht nur unerzogen und kopflos, sondern auch noch stolz darauf, es zu sein.“

Angesprochen fühlen sollten sich durch diese Kritik vor allem die beiden grossen Parteien, die Republikaner und, fast mehr noch, die Sozialisten. Sie haben es in den letzten Jahren versäumt, die an den Rand gedrängten Franzosen anzusprechen. So artikulieren sich diese selbst, in oft rüder Form. Und sie neigen zum politischen Extremismus. Wer sie in der Mitte der Gesellschaft halten will, muss sich auch für ihre Interessen einsetzen. Die Arbeiter zu verlieren, ist am Ende eben doch schlimm. Erwähnte BücherDany-Robert DufourLe divin marché. Folio, 2007.Alain FinkielkrautL’identité malheureuse. Editions Stock, 2013.Marcel GauchetComprendre le malheur français. Editions Stock, 2016.Christian GodinLa Démoralisation. La morale et la crise. Editions Champ Vallon, 2015.Christophe GuilluyLa France périphérique. Commenton a sacrifié les classes populaires. Flammarion, 2014.Jean-Pierre Le GoffMalaise dans la démocratie. Editions Stock, 2016.Patrick WeilLe sens de la république. Grasset, 2015.