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Gender Gap bei rechten Parteien

Frauen wählen anders. Aber warum?

von Julia Herrnböck / 06.06.2016

Frauen sind nicht weniger fremdenfeindlich als Männer. Trotzdem wählen sie seltener rechte Parteien. Allerdings ändert sich das in einigen Ländern, etwa in Frankreich. Und das liegt nicht nur daran, dass eine Frau an der Spitze des Front National steht.

Donald Trump hat ein Frauenproblem. Schafft er es nicht, den Anteil weiblicher Fans erheblich zu steigern, hat er im Herbst keine Chance gegen Hillary Clinton. Mit dieser Last ist er bekanntermaßen nicht alleine: „Kein Wunder, dass die extreme Rechte sich weigert, Österreichs Töchter in die Nationalhymne aufzunehmen – am Ende ruinieren sie ihnen immer das Wahlergebnis“, schrieb Anna Kohlweis am Tag der Bundespräsidentschaftswahl auf Twitter. Und sie hat recht, zumindest was die meisten rechtsnationalen Parteien im Westen betrifft.

Wer sich mit den Frauen unter den Wählern rechtsnationaler Parteien beschäftigt, landet unweigerlich bei den Männern. Über deren Motive und soziodemografische Daten gibt es genügend Material. Wir wissen so gut wie alles über den durchschnittlichen Wähler von FPÖ, AfD und Co.: Er ist jung, schlecht ausgebildet, wütend, arbeitslos oder prekär beschäftigt. Er fürchtet das Fremde wie auch die Globalisierung und Gleichstellung von Mann und Frau. Er ist kein großer Freund von Kompromissen und somit auch nicht der Demokratie, etablierte Parteien und Massenmedien repräsentieren für ihn eine Elite, der er nicht angehört und die über seinen Kopf hinweg entscheidet.

Seine Rolle als Oberhaupt in Gesellschaft und Familie wurde in den vergangenen Jahrzehnten eingetauscht gegen die Forderung nach geteilter Hausarbeit, Debatten über Quotenregelung und die rechtliche Gleichstellung. Frauen in der westlichen Welt können heute in der Regel für sich selbst sorgen. Das alles stört den Rechtswähler, und er möchte mithilfe starker Figuren wieder an den Ursprungsort seiner Großväter zurückkehren: in eine Welt, die sich überschaubar darstellt und in der er das Sagen hat. Das alles ist bekannt.

Frauen denken nicht anders als Männer

Doch was charakterisiert Frauen, die rechts wählen? Und warum ist ihr Anteil in den meisten Ländern unter den Wählern rechtsnationalistischer oder rechtspopulistischer Parteien so gering? Schließlich gibt es nicht nur männliche Arbeitslose, auch viele Frauen sind schlecht ausgebildet und können sich vor billigen Arbeitskräften und Zuwanderung fürchten. Doch dass das nicht zwangsläufig zu einer Entscheidung in der Wahlkabine führt, zeigten jüngst die Ergebnisse der Bundespräsidentschaftswahl in Österreich: Rund 60 Prozent der Unterstützer des blauen Kandidaten Norbert Hofer sind Männer.

„Gender Gap“ wird dieser Unterschied in der Wissenschaft genannt. Er ist lange bekannt, wenn auch nicht immer in der gleichen Ausrichtung: In den 1950er Jahren wählten Frauen in den USA stärker konservative Vertreter, doch dieses Verhältnis hat sich auch dort umgedreht. Heute gilt es als Common Sense, dass rechte Parteien mehrheitlich von Männern unterstützt werden.

Abgesehen davon, dass sich das in einigen westlichen Ländern gerade ändert: Woran liegt es, dass Frauen generell weniger oft rechts wählen als Männer?

Die niederländischen Forscher Tim Immerzeel, Hilde Coffé und Tanja van der Lippe verglichen den Gender Gap in 12 europäischen Staaten. Und siehe da: In fünf Ländern gibt es keinen signifikanten Unterschied.

Ausführliche und vor allem aktuelle Studien zu dieser Frage sind rar, der Fokus lag immer auf den Motiven der Männer. In Frankreich wird seit dem Jahr 2012, als Marine Le Pen den Front National mit knapp 18 Prozent aus der Versenkung zurückholte, ein Phänomen dokumentiert. Seit sie die Partei von ihrem Vater übernahm, steigt der Anteil der weiblichen Wähler. 2012 war das Geschlechterverhältnis sogar ausgewogen. Für den „Marie Le Pen“-Effekt gibt es mehrere Thesen, die vermutlich alle zusammenspielen: Sie hat sich von den antisemitischen Positionen ihres Vaters deutlich distanziert und tritt im Gegensatz zu ihm als moderate Figur des 21. Jahrhunderts auf. Sie ist zweifach geschieden, hat drei Kinder und gilt als „gayfriendly“.

Obwohl ihre Partei gegen Abtreibung Stimmung macht, äußerte Marine Le Pen Verständnis für Betroffene, die sich zu diesem Schritt durchringen. Mit diesen Parametern hat sie den Front National für ein breiteres Publikum geöffnet. Frauen fühlen sich von allzu radikalen Forderungen einer Partei abgeschreckt, selbst dann, wenn deren Positionen den eigenen Ansichten entsprechen. Das ist ein großer Unterschied zu Männern.


Credits: AFP / ERIC FEFERBERG

Obwohl Frauen also nachweislich im gleichen Maß zu Demokratie- und Fremdenfeindlichkeit neigen, wählen sie deshalb nicht zwangsläufig Parteien, die diese vertreten. Der Grund liegt möglicherweise im Faktor „Mäßigung“ (engl.: moderation), glauben die Forscher Eelco Harteveld et al, die im April 2015 dazu ihre Ergebnisse publiziert haben: viele Frauen vertreten die gleichen Ansichten über Zuwanderung und NativismusBetontes Festhalten an bestimmten Elementen der eigenen Kultur infolge ihrer Bedrohung durch eine überlegene fremde Kultur. (Quelle: Duden) , aber sie messen den Themen weniger Gewicht bei. Zudem spielt das Image einer Partei für Frauen eine größere Rolle.

Wählen Frauen Frauen?

Jein. Dass allein eine Frau an der Spitze mehr Wählerinnen bringt, ist nicht belegt. Zwar hat die Alternative für Deutschland (AfD) mit Frauke Petry auch in diese Richtung vorgestoßen. Ob das ausreicht, damit mehr Frauen die AfD wählen, wird sich erst zeigen. Zumindest einen Mini-Effekt dürfte es auf das Wahlverhalten haben: Vanessa Marent, Politologin, die zu dieser Frage an der Universität Salzburg forscht, meint: „Marine Le Pen hat einfach höhere Sympathiewerte als ihr Vater, sie tritt weniger aggressiv auf, der Front National ist unter ihr weniger stigmatisiert. Grundsätzlich geht es aber auch um charismatische Führung, nicht nur das Geschlecht. Für einige Frauen war es aber sicherlich ein Grund sie zu wählen.“

Es gibt einen anderen Indikator, dass der Anteil der Frauen unter den Wählern auch andernorts steigen könnte. Bis jetzt galten die Männer als Globalisierungsverlierer, denen die schlecht bezahlten Jobs von besser ausgebildeten Migranten streitig gemacht wurden, die noch dazu bereit waren, schlechtere Bedingungen zu akzeptieren. Europaweit wächst der Anteil der Frauen in der niedrigqualifizierten Dienstleistungsbranche, auch sie spüren die Folgen. Zudem arbeiten Frauen häufiger in Teilzeit oder mit befristeten Verträgen, sie profitieren dadurch in geringerem Maß vom Wohlfahrtsstaat und sehen weniger Gründe, diesen zu erhalten.

„Das Verhältnis verschiebt sich“, sagt Marent. Anders verhält es sich seit den 1990er Jahren in den post-kommunistischen Staaten, wo Frauen in ähnlich hohem Maße konservativ oder nationalistisch wählten wie Männer. Das Verhältnis hat sich inzwischen auch verschoben, aber in die andere Richtung. 2010 waren etwa nur 34 Prozent der Jobbik-Wähler in Ungarn Frauen.

HARTEVELD, VAN DER BRUG, DAHLBERG AND KOKKONEN: Eine These für den Gender Gap sind und bleiben die sozio-strukturellen Unterschiede zwischen Männern und Frauen.
Credits: http://dx.doi.org/10.1080/0031322X.2015.1024399

Lange Zeit galt Religion als Hindernis für viele Frauen, trotz rechtskonservativer Einstellungen ihr Kreuz bei einer rechtsextremen Partei zu machen. Der Anteil der Gläubigen sinkt zwar insgesamt, ist aber unter den Frauen noch immer höher. Ausgrenzung und rassistische Positionen scheinen vielen unvereinbar mit den christlichen Lehren. Auch hier gibt es spätestens seit dem Jahr 2001 eine Veränderung: Die Angst vor dem radikalem Islam wird von allen rechten Parteien benutzt, um auch moderate Menschen anzulocken – mit zunehmendem Erfolg. In diesem Punkt gibt es auch eine neue Vermischung von Religion und Frauenrechten. „Rechte Parteien beanspruchen für sich, Frauen zu schützen“, sagt Marent.

Dabei sind es genau diese Parteien, die Frauen vornehmlich in der Rolle der Mutter und Versorgerin der Familie sehen. Gleichberechtigung bedeutet für sie nicht selten Machtverlust; Geschlechterdemokratie wird rhetorisch gleichgesetzt mit „grüner Gutmenschenpolitik“, wie der Soziologe Bernhard Heinzlmaier es kürzlich in einem Interview zusammenfasste. Doch diese Position ist aktuell nicht mehrheitsfähig, also heften sich rechte Parteien in der westlichen Welt Frauenrechte auf die Fahnen. Verbunden mit der Bedrohung durch islamistischen Terrorismus entwickelt diese Denkrichtung zunehmende Relevanz, auch für Wählerinnen.

Bei der FPÖ habe sich laut Marent der Gender Gap deshalb nicht verändert, weil sich die Partei weder inhaltlich noch personell anders aufgestellt hat. Die Blauen hätten weniger Themen im Programm, die Frauen ansprechen. „Da hat sich in den letzten Jahren nicht viel getan“, so ihr Resümee.


Studien zum Thema:
→ Immerzeel, Coffé, van der Lippe: Explaining the gender gap in radical right voting: A cross-national investigation in 12 Western European countries
→ Mayer: From Jean-Marie to Marine Le Pen: Electoral Change on the Far Right
→ Harteveld, Van Der Brug, Dahlberg, Kokkonen: The gender gap in populist radical-right voting: examining the demand side in Western and
Eastern Europe