Gaetan Bally / Keystone

Frauendiskriminierung: Bloss keine Quoten!

von Reinhard K. Sprenger / 11.10.2016

Wer für Quoten argumentiert, um den Frauenanteil in den Führungsetagen zu erhöhen, tut das Gegenteil von dem, was er zu tun behauptet. Er diskriminert die Frauen. Ein Gastbeitrag von Reinhard K. SprengerReinhard K. Sprenger ist Philosoph, Unternehmensberater und Autor u. a. von „Das anständige Unternehmen“ (2016) und „Das Prinzip der Selbstverantwortung“ (2015). Seine Bücher erscheinen bei Campus und DVA. .

Frauen sind die besten Führungskräfte der Welt. Sie wissen, was sie wollen, sind unendlich belastbar und beherrschen das Zirkuskunststück des Balancierens chinesischer Teller. Vor allem Mütter ab 45. Unschlagbar!

Ist das die Wahrheit? Natürlich nicht: Es generalisiert unzulässig und sattelt empirisch nur auf der Erfahrung des Autors dieser Zeilen. Und auch die Realität spiegelt es nicht: Die weibliche Repräsentanz an der gesellschaftlichen Spitze steht in einem bisweilen provozierenden Missverhältnis zu Zahl, Kompetenz und Ausbildung der Frauen.

Weil es zudem eine sympathische Idee ist, dass niemand durch Alter, Rasse oder eben Geschlecht benachteiligt werden soll, will man Frauen fördern – in Wirtschaft, öffentlichem Dienst und Hochschulen. Dafür gibt es Frauenfördertage, Diversity-Programme, Mutter-Kind-Emergency-Rooms, „Arroganztrainings“ für Frauen, „unconscious bias“-Trainings für Männer, Boni für das Erreichen bestimmter Frauen-Prozentsätze, Lohngleichheits-Leitlinien, Beförderungs-Privilegien und Quoten. Bei vielen Bewerberrunden sind Männer nur noch Sättigungsbeilage.

Allein aus der Feststellung, dass ein Geschlecht in einem Bereich unterrepräsentiert ist, folgt jedoch noch keine Benachteiligung. Wer trotzdem etwas ändern will, steht unter Beweispflicht. Insbesondere, wenn weder der Untergang des Abendlandes bevorsteht noch weiträumig Missstandsgefühle geäussert werden.

Interessengesteuerte Debatte

Fast schon altbacken wirkt, wer darauf hinweist: Frauenförderung ist per definitionem Männerdiskriminierung. Man muss also Rechtsverletzungen abwenden wollen, mindestens aber gute Gründe haben, eine Gegendiskriminierung zu rechtfertigen. Lassen wir Rechtsverletzungen beiseite, dann rangieren die „guten Gründe“ vom schlichten Behauptungsdespotismus („Gemischte Teams arbeiten besser!“) über das ständige Verwechseln von Korrelation und Kausalität („Mit Frauen an der Spitze wäre die Finanzkrise nicht passiert!“) bis zu schlichtem Proporzdenken („Die Zahlen sind eindeutig, basta!“).

Aber es gibt eben auch legitime Gerechtigkeitsabwägungen, die um eine gesellschaftlich relevante Frage kreisen: Warum gibt es dieses Missverhältnis? Denn es sind ja nicht die Fakten, die unser Handeln bestimmen, sondern ihre Deutungen.

Nun ist soziale Ursächlichkeit, wie wir nicht erst seit Luhmann wissen, ein schwer zu isolierendes Phänomen. Warum Männer an der Spitze von Organisationen dominieren, dafür gibt es sehr unterschiedliche und sich widersprechende Gründe, die mitunter anthropologische Tiefen ausloten.

Entsprechend bedient sich jeder nach Interessenlage. Dabei ist es in diesem Falle unwichtig, was jemand zur Geschlechterfrage zu sagen hat; wichtig ist, wer es sagt. Ob da eine Frau oder ein Mann spricht, entscheidet über die Glaubwürdigkeit.

Kontaminiert vom Geschlecht ist vor allem jene Leitunterscheidung, die die Debatte dynamisiert: Wollen viele Frauen nicht, oder können sie nicht, weil man sie nicht lässt? Für viele ist die Sachlage klar: Frauen wollen – aber man hindert sie daran. Dadurch erklärt man Frauen zu Opfern. Das ist zumindest clever, um auf billige Weise an die Fleischtröge der Macht zu kommen: In unserer Gesellschaft läuft seit Jahrzehnten ein Wettbewerb um den optimalen Opferstatus, weil dieser in den Augen der Mehrheit entschlossenes Eingreifen legitimiert.

Als Kandidat für die Rolle des Täters eignet sich vor allem die sogenannte „Glasdecke“, die ein konspirativer Männerbund in die Organisationen einzieht. Dieses Argument wird gerne angeführt, weil es weder beweisbar noch widerlegbar ist.

Es stützt sich auf Plausibilitätsannahmen. Allerdings entbehrt es bis heute jeder wissenschaftsempirischen Bestätigung. Ebenso gut könnte man behaupten, die 5 1/2 Jahre, die Männer durchschnittlich früher sterben, seien das Ergebnis einer weiblichen Verschwörung.

Erfahrungen aus Norwegen weisen in eine andere Richtung: Dort liegt der quotierte Frauenanteil in den Aufsichtsräten (seit 2008) bei den gesetzlich vorgeschriebenen 40 Prozent, im operativen Management jedoch noch immer unter 20 Prozent. Und auch die Zahl weiblicher Vorstände stieg nicht an – trotz flächendeckenden Krippen, langen Vaterschaftsurlauben, flexiblen Arbeitgebern und modernen Rollenmodellen. Der erhoffte „trickle-down“-Effekt blieb aus.

Alte Denkmuster

Verhandelbarer scheinen da Lebensstil-Argumente, deren gegenwartskritische Untertöne weitherum diskussionslos genehmigt werden. Aber auch hier werden Frauen als Opfer dargestellt. So beklagt man die geschlechtsspezifische Sozialisation, gemäss der Frauen zu bescheiden aufträten: Sie stellten keine Forderungen, seien detailversessen und sendeten nur schwache Botschaften. Zudem werde leider immer noch biologistisch argumentiert, etwa, dass Kinder zu ihrer Mutter gehörten.

Entsprechend bedauert man das Zurückfallen in „verkrustete“ Rollenmuster in den Familien, sobald das erste Kind auf dem Weg ist. Resignativ bewertet man auch die Attraktivität der „zweiten Reihe“.

Frauen seien „wettbewerbsavers“, hätten Mühe mit den archaischen Positionskämpfen im Primatenrudel der Top-Etagen, litten unter der sogenannten „Präsenzkultur“. Frauen begnügten sich deshalb mit Trostpreis-Positionen, die Familie und Job besser vereinbar machten. Damit kommen wir zur Paradoxie der Debatte: Man will, dass Frauen Karriere machen – obwohl man sie als hilfsbedürftige Wesen betrachtet.

Wer beispielsweise mit Lebensstilen argumentiert, muss den Entscheidungen der Frauen Respekt verweigern. Das kann man nur mit Fürsorglichkeit tarnen. Man muss dann die Frauen darüber „aufklären“, was sie „eigentlich“ wollen; dass sie gleichsam „bewusstlos“ leben und nicht wissen, worauf sie verzichten. Kurzum: Man bezweifelt ihre Souveränität.

Diese Logik zieht sich durch: Die Förderung spricht Frauen implizit die Fähigkeit ab, ihre Ansprüche aus eigener Kraft durchzusetzen. Nur wo Schwäche ist, muss man fördern. Wenn aber die Förderung den Leistungsaufstieg ersetzt, dann schwächt man die Anerkennung der Aufsteiger. Unter der Bedingung der Frauenförderung wäre daher der Aufstieg einer Frau ihrem Frausein geschuldet. Man fördert mithin die einzige Eigenschaft, für die Frauen nichts können: weiblich zu sein.

Beleidigung für die Intelligenz

Zudem definiert man Frauen nicht mehr als Individuen, sondern nach ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Kann jemand das mit Wirklichkeitssinn vertreten, ohne den Frauen schaden zu wollen? Es beleidigt doch die Intelligenz eines Normalmenschen, wenn man ein Gruppenwesen an die Spitze einer Organisation befördern will, das man für so hilflos hält, dass es unterstützt werden muss.

Nun betonen die Protagonisten immer wieder, die Frauenförderung sei doch nur eine „Krücke“, auf die man nach erfolgreicher Heilung verzichten könne. Ein interessantes Sprachbild. Braucht die jemand? Ist da jemand in seiner Leistungsfähigkeit beeinträchtigt? Für die jungen Frauen um die 30 ist das ein „Retro-Thema“.

Als kompetent gelten wollen auch jene Frauen, die sich über Leistung hochgearbeitet haben. Sie suchen Aufmerksamkeit für ihre Arbeit, nicht für ihr Geschlecht. Deshalb reden sie nicht gerne darüber. Man wird kaum eine weibliche Führungskraft treffen, die sich öffentlich dazu bekennt, ihre Position nicht ihrer Leistung zu verdanken, sondern der Frauenförderung. Es wäre beschämend.

Förderung ist Diskriminierung

Was alles nicht heisst, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf keine ernst zu nehmende, vorrangig zivilgesellschaftliche Gestaltungsaufgabe wäre (auch wenn ein Top-Job in Teilzeit illusionär ist). Aber die Frauenförderung gibt nur vor, es mit den Frauen gut zu meinen. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Wie kann man es mit jemandem gut meinen, den man so wenig ernst nimmt, dem man so wenig zutraut? In Tat und Wahrheit ist die Frauenförderung ein Angriff auf die Würde der Frauen. Die Mittel dementieren den Zweck: Mit der Frauenförderung drängt man Frauen zurück in die Rolle des angeblich schwachen Geschlechts. Das ist Frauendiskriminierung.

Der eigentliche Skandal aber ist: dass sich die Frauen diese Übergriffe bieten lassen. Dass sie sich nicht wehren.