Corinne Kramer

Islamischer Feminismus

„Frauenrechte sind immer ein Spielball“

von Birgit Schmid / 21.02.2016

Islamwissenschaftlerin Bettina Dennerlein zum schwierigen Stand der Frauenbewegung in der arabischen Welt. Ein Interview von NZZ-Redakteurin Birgit Schmid. 

Was ist unter einem islamischen Feminismus zu verstehen?

Bettina Dennerlein: Der islamische Feminismus ist als relativ neuer Begriff in der arabischen Welt umstritten. Die einen stören sich am Wort Feminismus als westliches Konzept, andere halten Religion und Feminismus für grundsätzlich unvereinbar. Gleichwohl wird Geschlechtergerechtigkeit zunehmend auch unter Rekurs auf Texte der islamischen Überlieferung gefordert.

Seit wann gibt es eine Frauenbewegung im Islam?

In Ägypten wurde 1923 die Union Féministe Egyptienne gegründet, was als Schlüsseldatum gilt. Es formierte sich erstmals eine Bewegung für Frauenrechte, die zunächst von Frauen der oberen Mittelschicht und der Oberschichten getragen wurde. Diskussionen über den Status von Frauen wurden bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts in verschiedenen arabischen Ländern geführt. Dabei ging es jedoch nicht um Frauenrechte als eigenständiges Anliegen, sondern um gesamtgesellschaftliche Reformanliegen.

Gibt es Leitfiguren im Kampf gegen Benachteiligung und Unterdrückung – Simone de Beauvoirs der arabischen Welt?

Die älteren Frauenbewegungen waren zunächst stark von prominenten Figuren wie Fatima Mernissi in Marokko oder Nawal El Saadawi in Ägypten geprägt. Ab den 1980er Jahren dominierten zunehmend international gut vernetzte Organisationen. Es ging um Bildung, Gesundheit, Erwerbstätigkeit bis zum Kampf gegen Gewalt. Mit der Aufwertung der Frauenrechte zum Menschenrecht gewannen seit den 1990er Jahren Frauenrechtsorganisationen an Bedeutung. Dabei wurde auch vermehrt Kritik laut. Etablierten Organisationen wurde ihre Nähe zu staatlichen Instanzen oder internationalen Geldgebern vorgeworfen. In den letzten Jahren ist der Frauenrechtsaktivismus pluraler geworden, vieles läuft über das Internet, die Mobilisierung gestaltet sich dezentraler.

Ein Beispiel?

Auf Facebook wurde 2012 die arabischsprachige Internetkampagne „Ich bin für den Aufstand der Frau in der arabischen Welt, weil …“ lanciert, in der sich einzelne Personen mit Foto und prägnanter Texttafel zum Thema äußern konnten.

Wie wurde die Debatte um Köln in der arabischen Welt aufgenommen?

So wie ich das über meine persönlichen Kontakte und das Netzwerk der Association of Middle East Women’s Studies wahrgenommen habe, ist die größte Sorge, dass sich hier Dinge entladen, die nicht dazu dienlich sind, über die konkreten Vorfälle in Köln zu sprechen. Die Situation in den Herkunftsgesellschaften ist nur ein Faktor. Ebenso konnte man Skurrilitäten beobachten – Politiker, die sich noch Ende der neunziger Jahre gegen eine Verschärfung des Sexualstrafrechts in Deutschland aussprachen, machen sich nun zu Vorreitern im Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen.

Die ägyptische Schriftstellerin Mona Eltahaway fordert eine sexuelle Revolution. Inwiefern ist eine solche notwendig?

Die sogenannte sexuelle Revolution war aus feministischer Sicht immer umstritten, da sie nicht zwingend zu mehr sexueller Selbstbestimmung von Frauen führte. Sexuelle Selbstbestimmung orientiert sich in der arabischen Welt stark an internationalen Rechtsdiskursen. Fragen um körperliche Integrität haben mit dem Arabischen Frühling an Relevanz gewonnen. Die Sexualität wird aber nicht nur von Frauenrechtlerinnen, sondern auch von islamischen Gelehrten und Intellektuellen thematisiert. Es gibt einen breiten Diskurs rund um die Krise der Sexualität in der arabischen Welt, also die Tabuisierung von außerehelichen Beziehungen oder späte Eheschließungen.

Der Arabische Frühling war mit viel Hoffnung auch für Frauen verbunden. Was ist davon übrig geblieben?

Frauen konnten eine gewisse Sichtbarkeit erlangen. Gleichzeitig gibt es neue Gefahren und Zwänge. Politische Turbulenzen und Eskalationen gehen immer auf Kosten von Frauen. Die Frauenrechte sind ein Spielball in den autoritären Staaten der arabischen Welt, ein Spielball zwischen säkularer und islamistischer Opposition. Die Frauen mussten sich teilweise mit autoritären Regimes verbünden, um ihre Rechte durchzusetzen. Ich erinnere mich an den Militärputsch in Algerien Anfang der 1990er Jahre, als die Frauenrechtsbewegung sich überwiegend auf die Seite der Militärs stellte, weil sie sich da eher geschützt fühlte als bei den demokratisch gewählten Islamisten. Das sind echte Dilemmata.

Interview: Birgit Schmid, Nina Fargahi