Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Frei von mir selbst

Gastkommentar / von Peter Strasser / 24.06.2016

Sex ist eine Möglichkeit, Beten eine andere. Darüber hinaus habe ich mir vor langer Zeit schon vorgenommen, jeden Abend, bevor ich einschlafe, mir für den nächsten Tag etwas vorzunehmen. Etwas Sinnvolles, Produktives, mein Leben mit einem Ziel – wie man so sagt – Begabendes.

Denn ich leide unter Morgenstress, einmal abgesehen vom Morgengrauen, unter dem ich auch leide. Und vielleicht ist das eine ja die Folge des anderen. Also habe ich mir vorgenommen, mir am Abend für den nächsten Tag etwas vorzunehmen. Die Folge: Abendstress. Denn da ich mir einbilde, ein einfallsreicher Mensch zu sein, habe ich mir außerdem vorgenommen, mir jeden Abend für jeden nächsten Tag etwas Neues vorzunehmen.

Dass man lebenslang zu lernen habe, ist ja die Devise unserer Epoche, und unser kategorischer Existenzialimperativ lautet: Erfinde dich neu! Aber die Wahrheit ist, dass keinem Menschen jeden Abend etwas Neues für den nächsten Tag einfällt, besonders dann nicht, wenn der Sex oder das Beten an sich schon erfüllend waren.

Also habe ich mir gestern Abend für den heutigen Tag nichts Neues vorgenommen. Und so kam es, dass ich heute mit dem unbeschreiblichen Gefühl aufwachte, den ganzen Tag lang frei zu haben. Ich hatte mir – wie soll ich das am besten sagen? – von mir selbst freigenommen. Endlich! Ich stand mit dem falschen Fuß auf und mir war’s recht. Ich tat, was ich immer tat, nur dass ich es als einer tat, der sich nicht mühen musste, den alten Wein seines Lebens in immer neue Schläuche zu füllen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).