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Nachruf

Fritz Stern: Historiker, Mahner und Mittler

von Thomas Maissen / 19.05.2016

Der eminente Historiker Fritz Stern ist neunzigjährig in New York gestorben. Er war ein geistiger Mittler zwischen den USA und Deutschland.

Als der zwölfjährige Fritz Stern im Sommer 1938 von Breslau in die Vereinigten Staaten emigrierte, hatte er seine erste Lektion in Politik längst hinter sich – das Entsetzen seines Umfelds bei Hitlers Machtergreifung. Mit sich nahm die respektable Arztfamilie auch einige Kisten Korrespondenz, die bis in die 1860er Jahre zurückreichten, und dieser historische Bogen sollte später schwerpunktmäßig Sterns Forschungshorizont bilden. Stern verließ ein Deutschland, das ihn wenig später ermordet hätte. Darunter litt die differenzierte Neugier nicht, die sich ein Historikerleben lang den verschiedenen „Deutschlanden“ der Moderne widmete, zuletzt 2006 in dem Erinnerungsband „Five Germanys I Have Known“.

Dreißig Jahre davor zeichnete Stern das Deutschland seiner Grosseltern nach, in der Doppelbiografie „Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder“. Es war die Zeit der vermeintlichen Emanzipation, die in der liberal-kapitalistischen Gesellschaft auch für zuvor Benachteiligte möglich wurde: Der einstige Hofjude konnte – in begrenztem Umfang – zu gesellschaftlicher Anerkennung, einem Adelstitel gar gelangen und im Ausnahmefall Bleichröder zu indirektem politischem Einfluss. Eine Stellung blieb den deutschen Juden, die so gerne jüdische Deutsche geworden wären, allerdings verschlossen: das Offizierskorps; und diese Bastion wilhelminischen Dünkels sollte zu ihrem Verhängnis einiges beitragen.

Feines und feiges Schweigen

Auf die Außenpolitik und die großen Namen fixiert, hatten Bismarcks frühere Biografen Bleichröder oft übergangen. Auch deshalb forderte Stern eine umfassende Kulturgeschichte, die Burckhardt, Weber, Tocqueville und Marc Bloch kombiniert. Als Professor an der Columbia University in New York zählte Stern selbst – zusammen mit befreundeten Historikern wie Hajo Holborn oder Felix Gilbert – zu den wirkungsmächtigen Lehrern, welche die deutsche Wissenschaftstradition und den liberalen Pragmatismus der Vereinigten Staaten zusammenbrachten. Dies und die eigene Biografie ließen Fritz Stern die staatsbürgerliche Verantwortung des Historikers sowohl gegenüber seinem Stoff als auch gegenüber der Gesellschaft, in der er lebt, betonen.

Damit wich Stern dezidiert vom apolitischen Selbstverständnis vieler deutscher Wissenschafter ab, die – mit Max Plancks Worten – das Verhängnis nicht sehen wollten, die Goethes feines Schweigen in ein feiges verwandelten und so am Regime der organisierten Lüge teilhatten. Die Juden wurden nicht nur dessen Hauptopfer, sie waren als Außenseiter seit je Konventionen, Tabus und billigen Gemeinplätzen unterworfen und gerade deshalb, so Stern, in Wissenschaft und Wirtschaft derart erfolgreich. Marx und Freud hatten das thematisiert, was ihren Mitbürgern die Schamröte ins Gesicht trieb: Geld und Sexualität. Umso mehr trug der Antisemitismus zu solchem Verschweigen in Politik und Geschichtsschreibung bei, ein Schweigen, das Stern ganz allgemein als verhängnisvolle deutsche Eigenschaft identifizierte und immer wieder thematisierte – auch gegenüber deutschen Professorenkollegen, die ihn nicht mehr grüßten, nachdem er 1964 während der Fritz-Fischer-Kontroverse die deutsche Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs betont hatte. Hätte der nüchterne Kanzler von 1914, Bethmann Hollweg, doch seine Erfahrungen mit den kriegstreiberischen Offizieren von Tirpitz bis Hindenburg nicht nur seinen Vertrauten, sondern auch der Öffentlichkeit mitgeteilt – dann wäre der Dolchstoßlegende der Boden nicht so fahrlässig bereitet gewesen! Hätten die Pfarrer, hätten die Wissenschafter doch 1933 nicht geschwiegen, als man, mit etwas Zivilcourage, noch protestieren konnte, während das Verhängnis über viele, nicht nur jüdische Mitbürger losbrach!

Was hielt sie ab, außer Angst oder Karrierismus, worin bestand die „nationalsozialistische Versuchung“? Stern beschrieb 1963 in „Kulturpessimismus als politische Gefahr“ die konservative Revolution als Wegbereiterin von Hitler, den sie zu Unrecht kontrollieren zu können glaubte. Die schon vor dem Ersten Weltkrieg angelegte antiwestliche und antimodernistische Haltung wurde Programm in einer sich rasch säkularisierenden Gesellschaft, die auf die politische Ausbildung eines – demokratischen – Bürgers keinen Wert legte und ihre Erwartungen stattdessen auf die pseudoreligiöse Botschaft eines rassistischen Heilsverkünders richtete. Stern sprach von einem deutschen Sonderweg, strapazierte diesen aber nicht bis zurück zu Luther; vielmehr deutete er das Hitlerregime als typisches – jedoch vermeidbares – Phänomen der Moderne, deren allgemeine Krise in Deutschland zu einem singulär mörderischen „Lösungsversuch“ führte.

Lebensbeschreibungen

Das ideale Genre für Sterns Analysen war die Biografie und, in ebenso gebildeten wie oft assoziativen Ausführungen, die biografische Skizze. Besonders die Welt der Naturwissenschaften, die das wilhelminische Deutschland groß und mächtig machten, erhielt dank Stern einfühlsame Lebensbeschreibungen von Nobelpreisträgern wie seinem Patenonkel Fritz Haber, Alfred Einstein oder Max Planck. Stern glaubte, dass außergewöhnliche Menschen den Lauf der Geschichte beeinflussen, nicht zuletzt, wenn sie wie Ebert oder Stresemann früh sterben und so fatale Fehlentwicklungen ihren Lauf nehmen. Ob Stern Hitler selbst oder auch nur Ludendorff hätte biografisch erfassen können, ist dagegen fraglich. In einem dezidiert aufklärerischen, pädagogischen Impetus erforschte Stern nicht die großen, mörderischen Verführer und Versucher, sondern – mit einiger Empathie – die Versuchten, insbesondere die Eliten. „Mich bewegt das menschliche Verhalten in Zeiten grösster Herausforderung – die Antwort auf Machtanspruch und Terror. Das sind Fragen unseres Jahrhunderts schlechthin.“

Sterns Antwort war nicht vorschnell, er wusste, wie schwierig es gerade für Nationen ist, in der Wahrheit zu leben. Auch wenn die moralische Beurteilung Teil seiner Reflexionen über den Holocaust war, so warnte er doch diejenigen, welche den totalitären Versuchungen nicht ausgesetzt waren, davor, es sich beim Richten zu leicht zu machen. Ein ausgeprägtes soziales Sensorium liess Stern die kapitalistischen Exzesse der Jahre um 1900 wie derjenigen um 2000 als eine Quelle gesellschaftlicher Entsolidarisierung und des politischen Extremismus brandmarken. Ähnlich wie seine Freunde Richard Hofstadter oder Ralf Dahrendorf verstand er seinen dezidierten Liberalismus als Verpflichtung zu Maß und Verantwortung.

Das betraf nicht zuletzt seine neue, amerikanische Heimat, der er Dankbarkeit nicht in unkritischer Form beweisen wollte, vor allem wenn sie republikanische Präsidenten wählte. Aber auch in der deutschen Vergangenheit entdeckte Stern den verantwortungsbewussten Einsatz für das Gemeinwohl, etwa bei Max Weber. Dass er sich bemühte, die „anständigen“ deutschen Bürger und Gelehrten, die er in den dreißiger Jahren auch erlebt hatte, selbst in ihrem Versagen zu verstehen, machte ihn zu einem außerordentlich geschätzten und beachteten geistigen Mittler zwischen den USA und den deutschen Staaten der Nachkriegszeit – zu einem Mittler, der auch zu mahnen verstand. Der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels von 1999 und Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik stellte im Vorfeld der Wiedervereinigung als Berater der äußerst skeptischen Margret Thatcher dem neuen Deutschland eine gute Prognose: Es erhalte eine zweite Chance, und diesmal werde es sie nutzen, befreit von der einstigen Fixierung auf Größe, verpflichtet zur Vorbildlichkeit gerade bei der Reintegration Osteuropas in die Europäische Union.

Am 18. Mai ist Fritz Stern neunzigjährig in New York gestorben.