Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Früher flog ich über die Dächer

Gastkommentar / von Peter Strasser / 06.01.2016

Albtraum. Ich sitze zwölf Kilometer über dem Meeresspiegel in einer Boeing 777, die, solange es über Land geht, eine elektronische Kommunikationsverbindung zum Globus besitzt. Und während ich in mein Notebook tippe – ich schreibe einen Kommentar zu Douglas Rushkoffs Present Shock –, habe ich im Hintergrund YouTube geöffnet, um mir einen Mix aus Lana Del Rey und Katy Perry anzuhören. Gleichzeitig checke ich laufend das rechts auf meinem Bildschirm pulsierende Display (neue E-Mails) sowie das links neben meinem Notebook blinkende Smartphone (neue SMS’s).

Hier, bei Singapore Airlines, geht es ohne Flugmodus, toll, aber dann die Katastrophe: die Elektronik bricht zusammen, weil der Nervige neben mir skypt! Ich schrecke hoch, mir kommt in den Sinn, dass ich früher über die Dächer flog, indem ich mit Armen und Beinen brustschwimmartige Bewegungen ausführte.

Ach, die gute alte Zeit!

Gute Zeit? Na danke vielmals: Schon beim Losfliegen, meist von einem Dachfirst hoch oben (tief unter mir das tiefste Dunkel), musste ich um mein Leben luftschwimmen. Allzeit drohte der Absturz, und tief unten war – nichts. Die Folge beim Erwachen aus dem Absturz ins Nichts: Morgengrauen.

Heute hingegen, nach meinem Flug in der Boeing 777, schlendere ich extra lässig zum Kühlschrank, um meine tiefgefrorenen Frühstücksbrötchen extra langsam (40 Grad Ofentemperatur, keine Umluft) aufzubacken. Das braucht seine Zeit, super, da kann ich noch rasch einige Mails beantworten, die nachts eingegangen sind …

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.