Morgengrauen

Für den Mann über 40

Gastkommentar / von Peter Strasser / 10.07.2016

Man kann auch zu viel beten. Ein Rosenkranz am Morgen sei genug, drei seien eindeutig „bigott“. Das wurde mir einst von einer resolut religiösen Verwandten zweiten Grades erklärt, die mich zu Kuchen und Kaffee eingeladen hatte. Der Anlass ist mir entfallen, die Verwandte längst selig entschlummert.

Ich habe gerade im Internet nachgeforscht, wie lange es dauert, einen Rosenkranz zu beten. Schwer zu sagen. Ich bin auf ganz unterschiedliche Angaben gestoßen, darunter jene, wonach es im Kreise glaubensrüstiger Katholiken üblich sei, alle „Gesätze“ des Rosenkranzes mit seinen vier Geheimnissen über die ganze Woche zu strecken: freudenreicher, lichtreicher, schmerzvoller, glorreicher Rosenkranz. Das finde ich schön, die Woche beginnt freudenreich und endet glorreich – ordentlich und mit Augenmaß. Nirgendwo sind ja Ordnung und Augenmaß so wichtig wie beim Umgang mit den heiligen Dingen. Nichts ist hässlicher als Bigotterie.

Na ja, fast nichts, denke ich heute Morgen, da ich, angeekelt von den politischen Weltdingen, statt in die Tageszeitung einen Blick in eine jener bei uns herumliegenden Feel-Good-Hochglanzbroschüren, für den Mann über 40, geworfen habe, während die Brötchen im Ofenrohr fertigbacken (60 Grad, Umluft, 5 bis 6 Minuten). Da steht zu lesen, notabene als Aufmacher quer über die Titelseite: „Morgensex, 1 Mal, 2 Mal, 3 Mal, nie genug!“

Hab ich was versäumt? Zum Glück sind die 5 bis 6 Minuten um. Ich spiele mit dem Gedanken, doch noch Rosenkranzbeten zu lernen.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).