Familie

„Mütter müssen versagen lernen“

von Elisalex Henckel / 08.05.2016

Die Schriftstellerin Gertraud Klemm hat lange darum gekämpft, Kinder zu bekommen. Trotzdem hat sie Verständnis für Frauen, die es bereuen, Mutter geworden zu sein. Ein Gespräch über biografische Schwerkräfte, faule Deals und die Nabelschnur im Kopf.

Gertraud Klemm war 33, als sie aufhörte, zu verhüten. Sie hatte einen Mann, den sie liebte, und einen Lebensplan, zu dem zwei Kinder gehörten. Doch ihr Kinderwunsch blieb zunächst unerfüllt, und je länger sie versuchte, das zu ändern, desto feindseliger erschien ihr die Umgebung: die guten Ratschläge der Freunde, die Märtyrergeschichten der Frauen, die ohne Anstrengung Mutter wurden, der eigene Mann, der unter der Kinderlosigkeit nicht zu leiden schien. Irgendwann empfand die studierte Biologin sogar das Leben an sich, das überall, außer in ihr, so unbekümmert wuchs, als grausamen Despoten.

Nach einer Fehlgeburt entschloss sich Klemm zur Adoption von zwei Kindern aus Afrika. Doch obwohl sie jahrelang darum gekämpft hat, ist ihr das Muttersein nicht leicht gefallen. Im Gegenteil. Was ihr im Weg stand – und wie sie lernte, mit diesen Hürden umzugehen, beschreibt die mehrfach ausgezeichnete AutorinGertraud Klemm erhielt 2014 den Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis. Ihr erster Roman „Herzmilch“ landete 2015 auf der Shortlist des European Union Prize for Literature, ihr zweiter Roman „Aberland“ im selben Jahr auf der Longlist des deutschen Buchpreises. in ihrem jüngsten Buch „Muttergehäuse“ (Verlag Kremayr & Scheriau).

Wollten Sie eigentlich immer schon Mutter werden?

Gertraud Klemm: Ich dachte, ich wollte es. Ich wollte unbedingt wissen, wie es ist, Mutter zu sein. Ich wollte unbedingt mitreden, mitleben können. Es war wie eine biografische Schwerkraft. Nur das Gebären und das Stillen waren mir immer schon unheimlich.

Wieso?

Vielleicht war es der Altruismus, den es dazu braucht. Ich habe irgendwie schon gespürt, dass es mir schwerfallen wird, meinen Köper zu teilen. Meine Selbstbestimmung zu verlieren. Immer da zu sein.

Trotzdem haben Sie viel versucht, um ein Kind zu bekommen. Als das nicht klappte, sich zur Adoption von zwei Kindern aus Afrika entschlossen, sie sind jetzt drei und zehn Jahre alt. Mit Ihrer heutigen Erfahrung, würden Sie noch einmal Mutter werden?

Die Orna-Donath-Frage.

Ja. 23 israelische Frauen haben sie der Soziologin Donath mit Nein beantwortet und dadurch die Regretting-Motherhood-Diskussion ausgelöst, die nun schon ihren zweiten Frühling erlebt. Woher kommt diese Aufregung?

Diese 23 Frauen haben ein Tabu gebrochen. Sie haben die heilige Mutterstatue vom Sockel getreten.

Hat die überhaupt noch gestanden? Wir diskutieren doch schon so lange darüber, warum es das Wort Rabenmutter nur im Deutschen gibt.

Mag sein, aber die Öffentlichkeit sieht von der Realität einer Mutter trotzdem nicht mehr als 20 Prozent. Meist nur die Frau mit dem Kinderwagen, alles ist verpackt und sauber, aber wer spricht über die ganze Hausarbeit? Die Nächte? Die Einsamkeit?

Es gibt inzwischen Tausende Blogs und Magazine, die das thematisieren.

Aber eher glossenhaft als aufrichtig. Wer thematisiert denn, zum Beispiel, die Aggressionen, die man auf das Kind, andere Mütter, den Vater, sich selbst hat? Ich glaube, dass eine so enge Bindung wie jene zwischen Mutter und Kind auch zu negativen Emotionen führt. Über diese dunkle Seite sollten wir offen sprechen, anstatt den Frauen gleich zu unterstellen, dass sie ihren Kindern etwas antun wollen.

Was ist Ihr Ventil für negative Emotionen?

Laufen. Und Schreiben, natürlich.

Die studierte Biologin Gertraud Klemm arbeitete als Gutachterin, bevor sie das Schreiben zu ihrem Beruf machte. Heute lebt die Schriftstellerin mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einer 3.000-Einwohner-Gemeinde im Süden Wiens.
Credits: Dolores David

Fast alle, die ihre Mutterschaft öffentlich bereut haben, insistieren, dass sie ihre Kinder nicht missen wollen. Wie passt das zusammen, Kinder haben, aber keine Mutter sein wollen?

Ich kann das nachvollziehen, wenn man sagt: Ich liebe mein Kind, aber ich kann es nicht leiden, wie mich die Gesellschaft als Mutter behandelt. Und ich finde das gut, weil es zeigt, wie sehr Mütter alleine gelassen werden. Auf was für einen faulen Deal sie sich oft einlassen.

Welchen Deal?

Man glaubt, man ist gleichberechtigt, aber kaum ist das Kind da, muss man den ganzen Scheiß selbst machen, weil der Mann sich dafür nicht zuständig fühlt. Auch das, was nicht an der Nabelschnur hängt, nur an der Nabelschnur im Kopf. So war es selbst bei mir, obwohl ich weder geboren noch gestillt habe. Mein Mann hat erst eine eigenständige Beziehung zu unserem Kind aufgebaut, als ich nach ein paar Monaten einmal ein paar Tage weg war.

Woran lag das?

Ich war beim ersten Kind in einer beruflichen Übergangsphase von der Biologin zur Schriftstellerin. Ich habe fast nichts verdient – und deswegen alles stehen und liegen lassen.

Ihr jüngstes Buch könnte man als Beleg dafür werten, dass Kinderlosigkeit auch kein Ausweg ist, sondern eher die noch größerer Qual. Warum ist es eigentlich so schwierig, als Frau glücklich zu werden?

Weil das Kind immer an dir dran hängt. Körperlich und gesellschaftlich. Sogar schon, bevor es da ist. Bis auf die paar Monate Schwangerschaft und Stillzeit könnte man sich ja eigentlich alles teilen. Aber unsere Rollenbilder hinken dem hinterher, was theoretisch möglich ist. Ich kenne jedenfalls keinen Mann, der sich ernsthaft überlegt hat, ob sein Beruf mit einer Familie, also etwa auch mit Pflegeurlaub und Ferienzeiten, vereinbar ist. Bei Frauen ist es genau umgekehrt, die nehmen sich dafür sehr oft als Ernährerinnen nicht ernst genug. Und wenn sie es doch tun, riskieren sie eine öffentliche Hinrichtung. Das konnte man ja gerade erst wieder an der Empörung über diese Schweizer Sportmoderatorin sehen.

Steffi Buchli beginnt vier Monate nach der Geburt ihrer Tochter wieder zu arbeiten und wurde dafür heftig angegriffen. Sie glauben, das hätte ihr auch in Deutschland oder Österreich passieren können?

Ja. Eine Frau, die weder auf Kinder noch auf Karriere verzichten will, bedroht mit ihrem Ungehorsam das eingespielte Ungleichgewicht zwischen bezahlter und unbezahlter Leistung. Das Dogma des heiligen Verzichts, das der Gesellschaft so viel Geld spart.

Ändert sich das nicht gerade? Die Wirtschaft klagt doch schon, dass ihr die Fachkräfte ausgehen.

Ich bezweifle, dass sich dadurch viel ändern wird. Der weibliche Altruismus, den wir so glorifizieren, ist doch unbezahlbar. Er endet ja nicht einmal, wenn die Kinder erwachsen sind. Erst passen die Frauen auf die Kinder ihrer Töchter auf. Dann pflegen sie ihre Eltern. Und die Schwiegereltern am besten gleich mit. Die Rechnung, in der das alles beachtet wird, möchte ich sehen.

Trügt der Eindruck, dass Frauen aber auch mehr jammern als Männer?

Nein, ich fürchte nicht. Es gibt diesen Wettkampf der Märtyrerinnen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Frauen für ihre unbezahlten Leistungen nach einer anderen Währung suchen. Und sie im Leiden finden. So nach dem Motto: Je mehr ich leide, desto mehr leiste, desto mehr liebe ich. Und das ist meiner Meinung nach ein Trugschluss. Man muss nicht leiden, um zu lieben.

Mal abgesehen von ihrer sprachlichen Qualität – worin unterscheiden sich dann Ihre Bücher vom Gejammer dieser Mütter?

Jammern ist eine Beschwerde über etwas, das eigentlich keine Beschwerde verdient hat. So kann man meine Bücher schon abtun, das höre ich auch immer wieder, aber ich sehe das natürlich anders. Ich glaube, dass es alles andere als trivial ist, wenn man keine Kinder bekommt. Oder auf den Platz in der Gesellschaft verzichten muss, der einem zusteht.

Haben Sie Ihre Mutterschaft also bereut?

Nein, ich glaube schon, dass ich mich nochmal dafür entscheiden würde. Aber ich hätte mich gleich für ein Geschwisterpaar angemeldet.

Warum?

Weil man sonst wieder bei null beginnt. Windeln, Schnuller, Brei, die ewigen Arztbesuche, die ganzen organisatorischen Kleinigkeiten. Das hat mich beim zweiten Kind in einen einjährigen Ausnahmezustand versetzt, weil ich anders als beim ersten Kind nicht mehr bereit war, beruflich so zurückzustecken. Ich hatte gerade Fuß gefasst als Schriftstellerin. Ich hätte einen 40-Stunden-Tag gebraucht, um alles zu schaffen.

Den gibt es ja bekanntlich nicht.

Genau. Also haben wir dann beide zurückgesteckt, weil wir das, was wir beruflich machen, beide gut können und gerne tun. Dazu musste ich mich aber erst aus dem System nehmen. Versagen lernen.

Versagen?

Ja, Mütter müssen versagen lernen, wenn sie wollen, dass die Väter mehr übernehmen.

Wo haben Sie versagt?

Beim Fußball, zum Beispiel. Oder bei den Hausaufgaben, da habe ich ein paar Mal wichtige Sachen einfach übersehen, weil ich auf Lesereise war. Berechtigterweise, wie ich finde, ich habe mit dem Buch viel Geld verdient. Das hat jetzt alles mein Mann übernommen, obwohl auch er als Geschäftsführer eines IT-Unternehmens einen aufwendigen Job hat. Aber natürlich hat es die Kinder verletzt. Deswegen funktioniert das System ja auch so gut: Weil man nicht streiken kann, ohne den Kindern wehzutun.

Sie sagen: Das muss man in Kauf nehmen.

Ja. Wenn man ernsthaft über das Wohl der Mütter reden will, kann man nicht nur an die Kinder denken.

Im Ernst? Kinder suchen es sich doch nicht aus, gezeugt zu werden.

Die Frage ist doch meistens, was ist ein Bedürfnis, und was ist Tamtam? Was ist wichtiger – dass ich meinen Sport machen kann oder dass ich den Kindern bei ihrem zuschaue? Überlegen Sie sich, wie abwesend Väter sein können, und trotzdem entwickeln sich die Kinder. Denken Sie mal an all diese Männer, die sich nie um ihre Kinder gekümmert haben. Sie verlassen. Vielleicht nicht einmal für sie zahlen. Aber wir reden immer nur über die Mütter, bürden ihnen immer Aufgaben auf.

Was meinen Sie?

Mit dem Stellenwert des Kindes sind auch die Anforderungen an die Erziehung extrem gestiegen. Jedes Grundbedürfnis ist ein riesiges Projekt geworden: Essen! Schlafen! Impfen! Ich sage einfach nur, dass wir alle ein Recht auf Glück haben.

Da widerspricht doch niemand. Die Frage ist, wessen Glück hat im Zweifel Vorrang?

Wer sagt, dass Mütter immer Nachrang haben müssen? Das muss man jedes Mal neu aushandeln.

Schwierig.

Ja, aber was ist die Alternative? Am Muttertag gesagt bekommen: Ja, ihr werdet ausgebeutet, aber jetzt bekommt ihr dafür einen Kuchen, und dann reden wir nicht mehr drüber? Das auch noch zu feiern, das ist der eigentliche Skandal.