Alexey Druginyn/ Ria Novosti

Randnotiz

Für wen stimmt die Krim beim Song Contest?

von Moritz Moser / 14.05.2016

Die Krim ist ein international umstrittenes Territorium, mit teils bizarren Folgen für die Bewohner. Für welches Land rufen sie beispielsweise beim Song Contest an?

Die Führer der Krimtataren haben die Annexion großmehrheitlich verurteilt und damit den Zorn Moskaus heraufbeschworen. Schritt für Schritt wurden sie seither marginalisiert.

Russland hat sich die Halbinsel Krim 2014 nach einer umstrittenen Volksabstimmung einverleibt. Die Völkerrechtsgemeinschaft erkennt das nicht an. Die Lebenssituation auf der Krim hat sich seit der Okkupation nur für einige verbessert. Ukrainer sind nun plötzlich Ausländer im eigenen Land. Wer die russische Staatsbürgerschaft annimmt, wird offen bevorzugt. Betriebe werden verstaatlicht, Oppositionelle und Angehörige der Minderheit der Krimtataren mit Verhören eingeschüchtert.

Der Konflikt beschäftigt heuer sogar das banalste Ereignis des Kontinents, den Song Contest. Das Schicksal der Tataren, die unter Stalin nach Zentralasien zwangsumgesiedelt wurden, ist das Thema des Ukrainischen Beitrages. Das Lied kann aber auch als Referenz auf die aktuelle Lage in der Ostukraine gewertet werden. Die European Broadcasting Union hat es dennoch zugelassen.

Weniger tolerant zeigte man sich in Sachen Flaggen. Das bunte Wimpelmeer, das seit langem die Bilder aus dem Publikum dominiert, wurde reglementiert. Zunächst wollte man sämtliche Regionalflaggen verbieten und nur die Symbole der Staaten zulassen, die international anerkannt sind. Die Regel hätte nicht nur den Kosovo und das Baskenland, sondern auch die Krim betroffen. Ihre Flagge fand sich in einer versehentlich veröffentlichten Beispielliste für verbotene Symbole.

Nach Protesten ruderte der Veranstalter zurück: Nun will man alle Flaggen zulassen, solange man damit keine politische Botschaft verbreitet oder Werbung macht. Ob das Verbot für die Flagge der Krim oder der Krimtataren gilt, ist allerdings weiter unklar.

Sicher ist allerdings, für wen die Einwohner der Krim stimmen werden, wenn sie beim Televoting des Song Contest teilnehmen. Von der Eingliederung in die Russische Föderation sind auch die Telefonnummern der Halbinsel betroffen. Im Mai 2015 wurden sie endgültig auf die russische Vorwahl umgestellt. Seither zählen Anrufe von der Krim als russische Gespräche. Beim Song Contest werden sie entsprechend als Stimmen aus Moskau gewertet. Allerdings können die Bewohner der Krim so für die Ukraine anrufen.