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Humor

Fürchtet die humorlosen Zeiten!

von Andreas Thiel / 08.10.2016

Jede Generation lacht über anderes und hat den Humor, den sie verdient. Gefährlich wird es erst, wenn es nichts mehr zu lachen gibt.

Welche Generation gilt als die humorvollste? Ich beginne einmal mit den 68ern, der Generation meiner Lehrer und Erzieher. Mit ihnen habe ich mich über Jahre hinweg und zwangsweise intensiv befasst. Es ist die Generation der Revolutionäre, die nicht alt werden wollen. Zeugt das nun bereits von einem Mangel an Humor?

Ein Problem mit dem Älterwerden haben seit den 68ern allerdings alle. Das Phänomen taucht von Generation zu Generation früher auf. Die Generation der 68er will im Kopf nicht älter werden, die Generation X im Gesicht, die Generation Y im Bauchbereich, und die Generation Z strafft sich schon den Hintern. Das klingt eher nach Zeitgeist als nach Generationenkonflikt. Witze über plastische Chirurgie waren zwar während einer gewissen Zeit meiner Generation en vogue, aber sie waren nicht Ausdruck meiner Generation, sondern Ausdruck ihrer Zeit. Man lachte über diese Witze generationenübergreifend.

In Zeiten der Bankenkrise machte man Witze über Banker. Wenn ein Vulkan ausbrach, kursierten Witze über Vulkanausbrüche. Als die Jugoslawen einwanderten, riss man „Jugo“-Witze. Und wenn sich immer mehr Menschen liften lassen, mokiert man sich eben darüber.

Trockener und feuchter Humor

Aber gibt es, abgesehen von den Sujets, Qualitätsunterschiede? Fällt eine der Generationen auf durch einen ausgesprochen subtilen Humor, einen exzessiven Hang zur Schadenfreude oder einen besonderen Zynismus?

Man kann nicht von Einzelnen auf die gesamte Generation schliessen. Ebenso wenig bilden die Zugehörigen einer Generation eine homogene Kohorte. Die Summe aller Einzelteile macht nicht das Ganze aus. Eine Gemeinschaft von Menschen – ob Kita oder Senioren-Wandergruppe – kann sich aus bissigen Mäusen, wilden Katzen und tollwütigen Hunden zusammensetzen und als Gruppe sanft sein wie eine Schafherde. Oder man kann es mit alten Seekühen, schläfrigen Flusspferden und trägen Schildkröten zu tun haben, die sich als Gruppe verhalten wie ein Sack voller Flöhe. Generationen - wie wir zusammenlebenrib. Wir werden immer älter, die Gesellschaft verändert sich. Damit ändert sich auch die Art, wie wir zusammenleben. Der Generation, der wir angehören, können wir nicht entkommen. Doch was sind Generationen einander schuldig? Was heisst Verantwortung, wenn es darum geht, auch bei knapper werdenden Ressourcen Lebensräume zu schaffen, die Jung und Alt gerecht werden müssen?In der Serie „Generationen“ zeigt die NZZ, wie wir zusammenleben und wie wir zusammenleben könnten. Die Frage ist, ob sich die Generationen voneinander unterscheiden wie beispielsweise die Engländer von den Franzosen: Der englische Humor ist trocken, der französische feucht. Während die Engländer den Humor brauchen, um Contenance zu bewahren, benutzen ihn die Franzosen, um die Contenance fallenzulassen.

Wenn man mit zerrissenen Jeans und schmutzigem T-Shirt in der Royal Opera während der Pause etwas verloren rumsteht, dann mustert einen der befrackte Engländer, bemerkt zu seiner in Seide gewandeten Gattin: „Interesting gear“, um den Fremden dann in ein angeregtes Gespräch über die Oper zu verwickeln. An der Pariser Opéra Bastille hingegen würde man von Franzosen in zerrissenen Jeans und schmutzigen T-Shirts mit anzüglichen Zurufen eingedeckt, würde man in Frack und Zylinder erscheinen.

Den Franzosen dient der Humor dazu, Masken, Kostüme und Fassaden niederzureissen und die nackten Tatsachen zu zeigen, den Engländern hingegen, um solche Peinlichkeiten zu überspielen. Die Franzosen sind damit nur die Schwärzesten unter den Katholiken und die Engländer die Schwärzesten unter den Protestanten.

Die Katholiken kommen aus einer Kultur, welche die Kritik am Klerus und die Sexualität mit Tabus belegte. Deshalb kursieren in traditionell katholischen Gebieten Witze, welche diese Tabus von unten her aufbrechen. Das sind Witze, die entweder die Schamgrenze verletzen oder den Klerus verspotten oder beides zusammen: Sagt der Pfarrer zum Ministranten: „In dir steckt ein guter Christ.“ Die Protestanten stehen in ihrer Sittenstrenge den Katholiken zwar in nichts nach, ihnen fehlt aber die Obrigkeit, die ihnen diese auferlegt hat. Im Protestantismus ist die Sittlichkeit eher eine freiwillige, konsensuelle Selbstbeschränkung.

Die Verletzung der Schamgrenze und die Schadenfreude sind die Hellebarden des katholischen Landsknechts, mit denen er die hohen Herren vom Ross holt. Der freiere, städtische Protestant benutzt die eleganteren Duellierdegen Ironie und Wortspiel. Dies hat den Protestanten den Ruf der Humorlosigkeit eingebracht, da oberhalb der Gürtellinie weit weniger laut gelacht wird.

Der Humor des Geknechteten unterscheidet sich von jenem des freien Bürgers wie der Humor des Gymnasiasten von dem seines Geografielehrers. Je höher die Bildung und je grösser die Verantwortung, desto feiner und zurückhaltender ist der Humor.

Zerschellende Blumentöpfe

Abgesehen davon, dass es Menschen ohne Humor gibt und dass man den Humor jederzeit auch verlieren kann, reift der Humor mit dem Verstand. Und mit Verstand meine ich nicht Intelligenz, sondern Vernunft. Der Hebamme und dem Kranführer ist, angesichts der Verantwortung und der dafür erforderlichen Vernunft, ein feinerer Humor zuzutrauen als dem Philosophieprofessor.

Kinder lachen arglos über stolpernde Menschen oder zerschellende Blumentöpfe. Die Schadenfreude ist eine der frühesten Entwicklungsstufen des Humors. Wer sich diese Unbeschwertheit bewahrt, kann sein Leben lang über fliegende Torten und fallende Blumentöpfe in Slapstickkomödien lachen.

Das Lachen über Missgeschicke setzt ein mit der Wahrnehmung, dass etwas aus dem Rahmen fällt. Die Unterscheidung zwischen einem Diesseits und einem Jenseits der Norm nimmt zu und somit auch die nächste Humorstufe, das Lachen über Abnormitäten, die wir als skurril empfinden. Kinder lachen über körperlich behinderte genauso wie über zu bunt gekleidete Menschen.

Die Norm ist ein Erfahrungswert. Der Clown sieht lustig aus, weil er nicht der Norm entspricht. Zirkuskinder lachen vielleicht, wenn sie den ersten Versicherungsmakler im grauen Anzug sehen.

Mit zunehmender Geschlechtsreife reift die Schamgrenze heran, deren Verletzung dann besonders Spass macht. Typisch für Pubertierende sind Gelächter über sexuelle Anspielungen bzw. Witze unter der Gürtellinie. Die Anwendung der Fäkalsprache gehört dazu. Wenn man das diesbezügliche Niveau unserer Comedy-Shows betrachtet, könnte man meinen, die halbe Gesellschaft sei auf dieser Entwicklungsstufe stehengeblieben.

Verläuft die Entwicklung normal, wächst der Humor über die Gürtellinie hinaus. Die Jungen entdecken als Nächstes die Freude an der Absurdität. Witze kursieren wie dieser: Was ist der Unterschied zwischen einer Amsel? Beide Beine sind gleich lang, besonders das linke. Im Mittelschulalter kommt die Ironie dazu. Und bald tauchen auch ihre zwei älteren Brüder – Zynismus und Sarkasmus – auf.

Je höher der Mensch sich geistig entwickelt, desto mehr Freude findet er am Wort- und Gedankenspiel. Und erst der innerlich Erhabene lächelt gerührt über die pure Schönheit der Poesie.

Lachen unter Niveau

Und warum haben niveaulose Comedy-Shows trotzdem solchen Zulauf? Der Bereich unter der Gürtellinie ist der kleinste gemeinsame Nenner über Generationen hinweg. Auf diesem Niveau kann die ganze Familie mitlachen. Was der Jugendliche als humoristische Ausgeburt der Genialität empfindet, bringt den Alten immer noch zum Lachen, obwohl er erkennt, dass hier tief unter der Gürtellinie gegrast wird.

Aber der Humor einer gesamten Generation verändert sich nur, wenn sich eine ganze Kultur verändert. Die derzeit grassierende Unsitte des umfassenden Argwohns ist ein schlechtes Omen. Die sich ausbreitende Korrektheit zeugt von Humorlosigkeit. Diese ist die Schwester der Intoleranz und die Tante des Extremismus. Zu befürchten ist, dass eine der kommenden Generationen den Humor wieder einmal ganz verliert. Wir hören es, wenn nicht mehr gelacht, sondern geschossen wird.

Andreas Thiel ist mehrfach ausgezeichneter Satiriker und Autor, u. a. von „Humor: Das Lächeln des Henkers“ (2015).