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China

Gebildete Frauen bleiben übrig

Gastkommentar / von Wei Zhang / 28.11.2015

Wegen der Ein-Kind-Politik gibt es in China einen beträchtlichen Überschuss an jungen Männern. Paradiesische Zustände für junge Frauen – müsste man meinen. Indessen bleiben Frauen mit Freiheitsethos und Hochschulbildung nicht selten allein. Ein Gastkommentar von Wei ZhangWei Zhang stammt aus dem chinesischen Chongqing. Sie lebt als Publizistin, Sprachlehrerin und Übersetzerin in Zürich. .

Laut einer offiziellen Prognose wird in China die Zahl der sogenannten „nackten Äste“ (guanggun), also der heiratsunfähigen Junggesellen, im Jahr 2020 30 Millionen erreichen. 34 Jahre strenger Ein-Kind-Politik haben zwangsläufig dazu geführt, dass viel mehr Männer geboren wurden als Frauen. Trotz dieses deutlichen Männerüberschusses und eines Heeres an ewigen Junggesellen zeigte aber 2011 eine Untersuchung in Peking, dass es in China 500.000 Frauen gab, die bereits jenseits des normalen Heiratsalters und unverheiratet waren. Für diese Gruppe von Frauen wurde 2007 ausgerechnet vom Nationalen Frauenverband die Bezeichnung „übrig gebliebene Frauen“ (shengnü) geprägt. Ungeachtet des offensichtlich misogynen Untertons ist diese Bezeichnung seither zum offiziellen Begriff für unverheiratete junge Frauen über 27 Jahre geworden. Das Phänomen selber ruft nach einer Erklärung.

Gar kein Mauerblümchen

Ich habe kürzlich Huang Ling kennengelernt. Sie ist eine junge Frau aus Peking, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Auslandsreise gemacht hat. Die Sprachlehrerin an einer Universität in Peking erklärt dies damit, dass sie für solche Extravaganzen bisher viel zu beschäftigt gewesen sei. Sie unterrichtet bis zu 26 Stunden pro Woche. Sie ist 34 Jahre alt, sieht aber jünger aus, was auch an den klaren Zügen ihres Gesichts liegt, das sich bewusst an einem klassisch-chinesischen weiblichen Schönheitsideal orientiert. Nach ihrem Sprachstudium absolvierte Huang Ling noch ein Zweitstudium im Medienbereich in Peking. Angesichts der harten Konkurrenz und gewisser fragwürdiger Praktiken in der Fernsehbranche kehrte sie aber in den Bereich der Sprachvermittlung zurück. Die zierliche Frau will so gar nicht dem Bild eines Mauerblümchens entsprechen; wenn sie einmal zu sprechen begonnen hat, erweist sie sich als redegewandt und humorvoll. Sie lacht sogar über sich selbst als eine „übrig gebliebene Frau“.

Gruppen von A bis D

Vor drei Jahren hatte Huang Ling zum letzten Mal einen festen Freund. Die Beziehung hatte zweieinhalb Jahre gedauert, das Paar machte sich an die Hochzeitsvorbereitungen. Während Huang Ling aus einer Kleinstadt in Zentralchina stammt, war der Bräutigam ein alteingesessener Pekinger mit Hausbesitz im Zentrum der Hauptstadt. Er war kein großer Redner und sprach kaum je über Gefühle, zeigte sich aber doch als aufmerksamer Partner. Er war ein Mann der Tat, nicht des Wortes, letztlich aber kein „romantischer“ Typ, weshalb ihn Huang Lings Mutter nicht mochte. Zudem hatte er ein gewisses Temperament, sodass sie sich oft über Kleinigkeiten stritten. Mehrfach zog sie aus der gemeinsamen Wohnung aus, doch er holte sie stets wieder zurück. Schließlich kam es aber zur Trennung. Da war Huang Ling bereits 31 Jahre alt und hatte sich entschieden, eine „übrig gebliebene Frau“ zu bleiben.

Gemäß einer gängigen soziologischen Theorie lassen sich die heiratsfähigen Männer und Frauen einer Gesellschaft aufgrund ihrer sozialen Parameter in vier Gruppen von A bis D einteilen. Es sind vor allem die Personen der Gruppen A und D, die es schwer haben auf dem Heiratsmarkt, wobei in China zusätzlich die Regel gilt, dass man in die nächsthöhere Gruppe einzuheiraten hat. In China gehören Frauen wie Huang Ling mit Hochschulbildung und Aufenthaltsrecht in einer Metropole zweifellos zur Gruppe A und laufen daher das Risiko, als unverheiratet „übrig zu bleiben“, während unterprivilegierte Männer vom Lande zur Gruppe D gehören und entsprechend häufig Junggesellen bleiben. Das Phänomen der übrig gebliebenen Frauen wäre demnach in China vorwiegend ein Großstadtproblem, wogegen dasjenige der Scharen von Junggesellen vor allem auf dem Dorf draußen vorkäme.

Ideale und Realitäten

Huang Ling hat für sich die Regel formuliert, dass sie lieber gar keinen Ehepartner haben möchte als einen minderwertigen. Als Einzige aus ihrem Freundeskreis besitzt sie eine kleine Wohnung in Peking, deren Marktwert auf dem Immobilienmarkt sich seit dem Kauf vervielfacht hat. Daneben hat sie eine Stelle, die sie mag, und insgesamt lebt sie auf einem ansprechenden Lebensniveau. Deshalb behält sie ihre hohen Ansprüche an einen idealen Partner bei. In ihren Vorstellungen einer Ehe spielen gegenseitiges Vertrauen, Verständnis und Unterstützung wichtige Rollen. Ihre weibliche Rolle definiert sie wesentlich als eine, die in emotionaler Abhängigkeit zum Mann steht. Zugleich ist sie sich der Unstetigkeit und Begrenztheit der Liebe bewusst. Sie stellt sich deshalb vor, dass die Beziehung zwischen den Ehepartnern nach einer Weile in eine Art konventionelles Verhältnis übergeführt werden müsse, bei welchem das familiäre Verantwortungsbewusstsein im Zentrum stehe.

Überhöhte Ansprüche von Frauen an einen potenziellen Ehepartner hinsichtlich Talent, Diplomen, Persönlichkeit, Finanzen und Wohnsituation bei gleichzeitigem hohem Bedürfnis nach Unabhängigkeit werden auf einer einschlägigen chinesischen Website genannt, wenn es darum geht, dem Phänomen der „übrig gebliebenen Frauen“ auf den Grund zu gehen. Ein weiterer Punkt betrifft die überzogene Selbsteinschätzung hinsichtlich der eigenen äußerlichen Reize. Den Frauen wird geraten, neues Vertrauen zu fassen, aber sich von ihren romantischen Vorstellungen über die Liebe zu trennen. Die selbstgewählte Lebensweise als Single wird recht unverblümt als Gefahr für die Familie und damit als gesellschaftliches Krisenphänomen dargestellt.

Auch Huang Ling hält die Familie für ein natürliches Ziel im Leben einer jeden Frau. Die Weisheit einer Frau bestehe darin, dem Mann zu folgen und die durch die Heirat geschlossene Verbindung zwischen zwei Familien auszubalancieren. Die Ehe dürfe keineswegs nur der Erfüllung des Kinderwunsches oder der Sicherung der eigenen Altersversorgung dienen. Sie bilde auch die Grundlage, anderen zu helfen und Verantwortung für andere zu übernehmen.

Zurück zu traditionellen Sitten

Als Frau „übrig geblieben“ zu sein, gilt in China daher als defizitäre Lebensform. Entsprechend hoch ist der gesellschaftliche Druck, der auf die Eltern solcher Frauen ausgeübt wird. Und die Eltern zögern nicht, diesen Druck an ihre „zu alten“ unverheirateten Töchter weiterzugeben. Für einen chinesischen Mann gilt die Regel, dass er auch eine wesentlich jüngere Frau heiraten kann, während es für Frauen noch immer so gut wie unmöglich ist, einen jüngeren Partner zu finden. Die Männer scheinen insofern auf dem Heiratsmarkt im Vorteil zu sein.

Andererseits ist in China ein Wiederaufleben traditioneller Heiratssitten zu beobachten. Für eine Familie gilt es heutzutage wieder als eine beträchtliche Investition, einen Sohn zu verheiraten; die Familie der Braut wiederum gilt als Nutznießerin dieser Investition. Gemäß neuen Zahlen sind die Heiratsausgaben für einen Mann in der Stadt Shenzhen am höchsten: Dort werden Kosten um 2 Millionen Yuan veranschlagt, während eine Stadt wie Chengdu mit durchschnittlichen Heiratskosten von 550.000 Yuan als vergleichsweise günstig gilt. Zu den Heiratsaufwendungen gehören neben dem obligaten Kauf einer Wohnung deren Innenausstattung sowie der Kauf eines Autos, daneben fallen die oft sehr hohen Auslagen für die Vorbereitungen und die Durchführung der Hochzeitszeremonie einschließlich der Flitterwochen an.

Dabei erfordert eine nach den materialistischen Kriterien des chinesischen Heiratsmarkts schlechtere Partie oft umso höhere Ausgaben für die Heirat. Für die heiratsfähigen chinesischen Frauen mag es zwar vorteilhaft erscheinen, wenn sie mit so großem finanziellem Aufwand umworben werden; Frauen, die aus dem heiratsfähigen Alter herausgefallen sind, werden aus diesem Markt aber umso dezidierter ausgeschlossen, denn sie gelten nicht mehr als lohnende Investition.

Über neunzig Prozent der gleichaltrigen Freundinnen von Huang Ling sind bereits verheiratet, weshalb viele von ihnen sich Sorgen um sie machen. Sie haben es aber aufgegeben, sie mit einem Mann verkuppeln zu wollen, weil sie deren hohe Ansprüche kennen, die sie längst für unrealistisch halten. Sie geben ihr daher den durchaus gutgemeinten Rat, doch besser im Ausland einen Ehepartner zu suchen.