Morgengrauen

Geborgenheit im Schlechten

Gastkommentar / von Peter Strasser / 05.11.2015

Aus meinem Bett durch allerlei physiologische Warnsignale hochgeschreckt, tappe ich in Richtung Klosett, während mich die Bilder meiner Alpträume verfolgen.

Da waren dutzende durcheinanderpurzelnde Katastrophen gewesen, Tsunamies, Dürren, Brandschatzungen, auch der Komet, der alles zerstäubte, war mir durchs Fieberhirn geflogen. Die Welt, dachte ich, geplagt von plötzlichem Harndrang, ist ein riesiger wahnwitziger Wirrwarr, der Abfallhaufen delirierender Götter, in den unser uraltes Gehirn immerfort eine Ordnung hineinbringen möchte.

Und wie schaut die dann aus, diese Ordnung? Wie der allerirrste Traum, den wir Wachsein nennen. Shakespeares Hamlet sagt das viel schöner, aber ich bin ja auch nicht der Meister aller Dichtmeister, sondern nur ein kleiner Möchtegernweltversteher.

Und eigentlich will ich die Welt gar nicht verstehen, denke ich jetzt, mich geht morgens, mitten im auseinanderrasenden Universum, nur der Weltwinkel namens „Frühstücksecke“ etwas an – die Frühstücksecke, worin eine anheimelnde Ordnung zwischen dem Aufbacken meiner Frühstücksbrötchen und dem Morgenkuss meiner Frau mir ein Weltzuhause stiftet: meine Geborgenheit im Schlechten.

Dafür bin ich an diesem Morgen dankbar, das soll mein stilles Gebet sein, mitten im Sauhaufen Welt, den ich nicht verstehe, obwohl es von ihm an allerhöchster Stelle heißt: „… und sah, dass es gut war.“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.