Kim Kyung Hoon / Reuters

Geld und Goethe: Geldgeile Intellektuelle

Meinung / von René Scheu / 27.09.2016

Philosophen und Anthropologen wollen es plötzlich wieder wissen: Was zum Teufel ist Geld? Niemand braucht virtuelles Buchgeld an Zahlung zu nehmen.

Die Intellektuellen sind geldgeil geworden – jedenfalls insofern, als sie sich gut hundert Jahre nach Georg Simmels „Philosophie des Geldes“ wieder mit dem Wesen des universellen Äquivalenz-Mediums zu befassen beginnen. Die Zeit, als man bloss die Nase über den „Mammon“ als Ersatzgott (Mt. 6,24) rümpfte, scheint erst einmal vorbei. Dieter Meier philosophierte jüngst in diesen Spalten über den Wert des Geldes, Joseph Vogl versuchte sich an diesem paradoxesten aller gebräuchlichen Gegenstände ebenso wie Christoph Türcke, Marcel Hénaff oder David Graeber. Was die Ökonomen als Tauschmittel voraussetzen, wird den Philosophen und Anthropologen plötzlich zum Rätsel – zur neuen Denkaufgabe. Geld regiert die Welt, wer aber regiert das Geld? Was zum Teufel ist Geld?

Geld ist zweifellos eine teuflische Angelegenheit – und darauf legen die meisten Denker auch ihren Finger. Wie teuflisch, das lässt sich in Goethes Faust II nachlesen. Der Kaiser braucht Geld, um seinen Hof zu finanzieren und sein darniederliegendes Land aufzupäppeln – und Mephistopheles überzeugt ihn davon, Papiergeld zu emittieren. Ein Federstrich des Kaisers macht aus einem blossen Papierschein wirkmächtiges Geld – Kaufkraft, für die es Handfestes gibt. „Geld“ kommt von „gelten“, genauer: von „entgelten“ bzw. „Entgelt“. Geld ist das Zurückzuzahlende, das also, was eine Schuld begleicht. Das kann es jedoch nur, weil es selbst jemandem geschuldet ist – Geld kommt als Kredit in die Welt, oder andersherum betrachtet: als Schuld, genauer: als umlauffähiges Schuldpapier. Was die obengenannten Intellektuellen jedoch wohlweislich ausblenden, wusste Goethe nur zu genau, dass nämlich echtes Geld stets durch ein Pfand, mithin durch Eigentum, besichert ist. In Faust II heisst es: „Der Zettel hier ist tausend Kronen wert. / Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand, / Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.“

Wenn Goethes Theorie stimmt, stellt jede Note nichts anderes dar als die Forderung gegen das Eigentum des Geldemittenten. In der modernen Welt sind dies Geschäftsbanken und Zentralbanken. Was selbst viele Banker nicht wissen: Das meiste Geld – rund 90 Prozent – wird nicht von den Zentralbanken, sondern von privaten Banken als Buchgeld geschöpft, das durch die Pfänder der Kreditnehmer und durch das Eigenkapital der Banken besichert ist. Und die Zentralbanken? Die stellen den Geschäftsbanken Gratisgeld gegen mittlerweile mindere Pfänder zur Verfügung. Aber die Banken wollen die günstigen Kredite nicht weiterreichen – und potenzielle unternehmerische Schuldner halten sich bedeckt, weil jede Investition in unseren Zeiten ein Grossrisiko darstellt. Unternehmen horten derweil zuhauf Bargeld. Geld und Güter sind billig wie nie – doch die Leute lassen sich sogar von Negativzinsen nicht vom Sparen abhalten, weil sie vorsorgen wollen.

Also verfallen die Währungshüter auf Phantasien von literarischem Rang. Sie träumen unter Bezugnahme auf ein Gedankenexperiment des grossen Milton Friedman von Helikoptern, die Banknoten über den Menschen abwerfen, um so den Konsum anzukurbeln. Andere wollen das Bargeld verbieten, um das Horten von Papierscheinen zu verunmöglichen. Die Virtualisierung der Geldwelt schreitet voran. Damit wird die monetäre Zukunft philosophisch noch spannender: Denn Bargeld ist bis jetzt in westlichen Staaten das einzig gesetzliche Zahlungsmittel. Niemand braucht virtuelles Buchgeld an Zahlung zu nehmen. – Worüber man nicht klar denken kann, darüber muss man schreiben. Wo ist der neue Goethe, der diese verrückte monetäre Welt hinreichend komisch zu beschreiben vermöchte?