Michael Fleischhacker

Gewissheitsgewänder

Meinung / von Michael Fleischhacker / 20.08.2016

Ich kann nicht mehr sagen, wann mich etwas weniger interessiert hat als die Olympischen Sommerspiele. Vielleicht waren es die letzten Olympischen Winterspiele. Jedenfalls habe ich keine einzige Übertragung gesehen, nicht einmal das Olympische Fußballturnier hat mich an den Rand der Überlegung gebracht, den Fernseher einzuschalten – obwohl heute angeblich das Spiel um die Bronzemedaille stattfindet. Nicht, dass ich nicht glauben würde, Honduras gegen Nigeria könnte ein interessantes Spiel sein. Honduras gegen Nigeria ist sogar sicher sehr interessant, abgesehen davon, dass es ein an Rassismus grenzender eurozentristischer Geistesimperialismus wäre, Honduras gegen Nigeria nicht interessant zu finden. Wer Spanien gegen Frankreich interessant findet, muss auch Honduras gegen Nigeria interessant finden, da hilft nun mal nix. Schade eigentlich, dass es für unsere Moralspitzenathleten keine weltweiten Wettbewerbsmöglichkeiten gibt. Olympische Moralspiele, das wär doch mal was. Vielleicht reicht aber auch eine Europameisterschaft. Auf den anderen Erdteilen ist das Moralgemeinplatzweitwerfen ja bei weitem nicht so verbreitet wie auf dem Alten Kontinent.

Woher kommt eigentlich der moralische Rigorismus, an dessen Rockzipfel immer schon die Heuchelei dahertrippelt? Auch wenn die postmetaphysischen Wohlverhaltenskampfsportler das nicht besonders gern hören werden: Er kommt aus der Religion. Monotheismus bedeutet nicht nur Krieg – wer die Wahrheit kennt, muss sie verteidigen bis zum letzten Blutstropfen –, sondern auch moralische Repression. Der eine Gott ist ein eifersüchtiger Gott, wer seine Gebote nicht befolgt, muss streng bestraft werden. In diesem Sinn könnte man den Nazarener als den ersten Moralolympiasieger der Geschichte bezeichnen. Er hat, wie man im Matthäus-Evangelium nachlesen kann, die ohnehin schon nicht schlappen Moralrekorde des Judentums um Längen überboten: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein. So streng sind nicht einmal die Moralblockwarte in der österreichischen Twitter-Blase. Besonders eindrucksvoll finde ich die Stelle, an der das Meineid-Verbot auf die Spitze getrieben wird: Schwört gar nicht. Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.

Wenn man Gottes Sohn ist, hat man leicht reden, denke ich mir immer, wenn ich diesen Satz lese. Aber ich bin eben nicht Gottes Sohn und mein Ja ist oft ein Vielleicht und mein Nein gelegentlich ein Weiß nicht. Manchmal wäre ich schon froh, wenn ich sagen könnte, dass mein Ich weiß nicht ein Ich weiß nicht ist. Immer öfter stehe ich staunend vor den Gewissheiten, die die Menschen mit sich tragen wie prächtige Roben des moralischen Lordrichtertums. Ich will nicht ausschließen, dass meine latente Aggression gegenüber Menschen, die in ihrer tief dekolletierten Gewissheitsgarderobe über den Laufsteg der medialen Öffentlichkeit staksen, auch mit Neid zu tun hat. Natürlich wüsste ich auch immer gern, was richtig und falsch ist. Wer nicht. Aber ich weiß es sehr oft nicht, weder in meinen höchstpersönlichen Angelegenheiten noch im öffentlichen Diskurs. Als ich gestern auf dem Weg in die Redaktion im Gastgarten der Starbucks-Filiale einen Mann sah, um den herum drei vollständig verhüllte Frauen saßen – eine von ihnen verkleinerte den etwa zwei Zentimeter breiten Sehschlitz händisch auf die Hälfte –, da war mein erster Reflex: Ich will das hier nicht. Man sollte das verbieten. Einen Tag später bin ich mir nicht mehr so sicher. An Geboten und Verboten, denke ich mir jetzt, haben wir doch eigentlich wirklich keinen Mangel.

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