Selbst in den Ferien ist Schürch in der Bibliothek anzutreffen. (Zürich, 21. 9. 2015)

Bildung

Graue Haare im Hörsaal

von Joel Bedetti / 24.10.2015

In der neuen Arbeitswelt soll Bildung lebenslang dauern. Doch mit 40 zu studieren, ist eine Herausforderung: finanziell, sozial – und geistig. Anita Schürch hat es gewagt. Wie ist es, 27 Jahre nach der Matura mit dem Studium zu beginnen? NZZ-Folio-Autor Joel Bedetti berichtet.

Ende Juli sitzt Anita Schürch mit blanken Nerven an ihrem Schreibtisch. Alle paar Sekunden trudeln auf dem Handy Whatsapp-Nachrichten und auf dem Laptop E-Mails ein, während sie versucht, sich auf die Statistiken ihrer Soziologie-Seminararbeit zu konzentrieren. Schürch, die 48 Jahre alt ist, schreibt die Arbeit mit zwei jungen Mitstudentinnen. Sie hätte es vorgezogen, sich zu dritt in einer Bibliothek oder einer Wohnung zu treffen. Aber die jungen Frauen hatten zu viel Programm daneben – Hobby, Nebenjob, Freunde. Also blieben sie alle in ihren Wohnungen und koordinierten die Textarbeit per Whatsapp und Mail.

„Da merkte ich wieder einmal, dass ich eben einer anderen Generation angehöre“, erzählt Anita Schürch rückblickend. Es sind Semesterferien, die Seminararbeit ist endlich abgeschlossen. Anita sitzt in einem Café neben dem Institut für Völkerkunde in Oerlikon, wo sie lernt. Die Institute sind fast leergefegt, Schürchs Mitstudenten arbeiten in Sommerjobs oder sind auf Reisen. Doch sie will mit dem Studium zügig vorwärtsmachen. Vier Semester hat sie hinter sich, alle Prüfungen bestanden, und falls alles klappt, wird sie in einem Jahr, mit 49, ihren Soziologiebachelor in der Tasche haben. Dann will sie vermutlich noch den Master anhängen.

An die gläserne Decke gestoßen

Schürch ist eine von 1.900 Studierenden über 40, die an der Uni Zürich immatrikuliert sind. „Es gibt zwei Gruppen von älteren Studierenden“, weiß François Höpflinger, Soziologieprofessor an der Uni Zürich. „Solche, die etwas nachholen: zum Beispiel ein Studium, das sie wegen einer Schwangerschaft abbrechen mussten, oder ein Fach, das sie schon lange interessiert.“ Andere verfolgten ein Studium zielgerichtet, etwa um im Patentrecht ein Experte zu werden. Schürch gehört zur zweiten Gruppe: zu den Studierenden, die sich mitten in ihrer beruflichen Laufbahn für ein Studium entschließen. Schließlich propagieren Bildungsexperten heute lebenslanges Lernen. Nichtlineare Biografien passen zu einer volatilen Arbeitswelt, in der bereits mit 40 nur noch die Hälfte der Arbeitnehmer in ihrem ursprünglich erlernten Beruf arbeitet.

Anita Schürch ist ein Paradebeispiel für diese Entwicklung. Nach der Matura entschied sie sich gegen ein Studium, weil die akademische Welt sie kaum reizte. Sie ließ sich zur hauswirtschaftlichen Betriebsleiterin ausbilden und arbeitete vor allem in Spitälern. „Ich mochte diesen Job“, sagt Schürch, „ich mag ihn noch immer.“ Doch nach einigen Jahren beschlich Schürch das Gefühl, dass das nicht alles gewesen sein konnte. Sie absolvierte eine Publizistik-Ausbildung an der Schule für angewandte Linguistik in Zürich, danach arbeitete sie in einer Dokumentationsstelle im Bereich Raum- und Stadtplanung der ETH. „Ich korrigierte viele akademische Texte, aber ohne universitären Abschluss durfte ich nicht einmal eine Rezension schreiben“, sagt Schürch, „ich spürte die gläserne Decke.“ Um wieder in den Gesundheitsbereich zurückzukehren, schloss sie einen Weiterbildungsmaster in Gerontologie an und arbeitete als Altersbeauftragte in einer Zürcher Vorortsgemeinde. „Ich genoss die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Menschen und Institutionen“, sagt Schürch, doch nach einigen Jahren wünschte sie sich, theoretischer und fundierter zu arbeiten.

Neubeginn 27 Jahre nach der Matura

Das intellektuelle Defizit, das Schürch bei sich diagnostizierte: wissenschaftliche Methodik, insbesondere Statistik. „Ich sah immer wieder Zahlenreihen, gerade in der Gerontologie, die so wichtig für das Verstehen von größeren Zusammenhängen sind. Trotz Gerontologie-Abschluss konnte ich diese nicht wirklich einordnen und interpretieren“, sagt Schürch. Sie bewarb sich auch für Stellen mit wissenschaftlichem Anspruch, doch ihre Praxiserfahrung konnte die fehlende akademische Basis nicht wettmachen. Also kündigte Anita Schürch und begann im Herbstsemester 2013 an der Uni Zürich ein Soziologiestudium, 27 Jahre nach der Matura.

Keine Bildungsstrategie nach 40

Schürch konnte sich das Studium leisten. Sie hat keine Kinder, konnte immer etwas auf die Seite legen, zudem steuert derzeit ihre Partnerin mehr zum Unterhalt bei. In anderen Fällen sind die Hürden höher. Mit 40 müssen viele für den Unterhalt einer Familie aufkommen, haben einen festen Job, sind einen gewissen Lebensstandard gewohnt. „Das macht es schwierig, sich nochmals auf ein Studium einzulassen“, sagt Jürg Frischknecht, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle der Uni Zürich. Weil man diese Verpflichtungen nicht ganz abgeben könne, dauere das Studium oft länger als geplant. Soziologieprofessor Höpflinger ortet hier ein Defizit. „Die Schweiz hat keine Bildungsstrategie 40 plus – das hat auch die OECD schon bemängelt.“ In dieser Alterskategorie würden Umbildungen nur in der Arbeitslosigkeit staatlich finanziert. Höpflinger schlägt vor, dass Hochschulen auch Studierenden jenseits der 40 zinslose Darlehen gewähren sollten.

Gemäß Jürg Frischknecht können Studierende ab einem gewissen Alter aber auch an inneren Hürden scheitern. „Das Erfahrungswissen ist in einem Studium nicht zwingend wertvoll, manchmal hindert es einen gar, eine neue Perspektive einzunehmen.“ Das sorge immer wieder für Reibereien mit Dozierenden und Mitstudenten. „Generell akzeptiert man ab einem gewissen Alter weniger“, sagt Frischknecht, „zum Beispiel, dass die Betreuung nicht optimal ist.“ Schürch kennt das Gefühl. „Eine der wenigen Mitstudentinnen in meinem Alter forderte jeweils nach Statistik-Vorlesungen verzweifelt: Das müssten uns die Dozenten doch nochmals erklären!“, erzählt sie; die Kommilitonin habe nach einem Semester abgebrochen. Sie selbst habe sich aber damit abgefunden, dass man ins kalte Wasser geworfen wurde.

Schürch machte anfangs etwas anderes zu schaffen. „Zu Beginn fühlte ich mich in den Mittagspausen einsam, vermisste das Team vom Arbeitsplatz“, erinnert sie sich, „die anderen hatten ihre Gymi-Cliquen, und ich wollte mich nicht aufdrängen.“ Inzwischen habe sie gut Anschluss gefunden, sagt Schürch, doch sie werde immer wieder daran erinnert, dass sie an einem anderen biografischen Punkt stehe. Während die jungen Mitstudenten feiern und Termine sausen lassen, erscheint sie pünktlich und kehrt abends zu ihrer Partnerin heim. Einmal, erzählt sie, ging sie dann doch einmal an eine Studentenparty, um die Band eines Mitstudenten zu hören. „Als es dann um zehn hieß, die Band spiele nicht vor halb ein Uhr morgens, wusste ich: Da bin ich fehl am Platz. Ich bin heimgegangen.“

Mit 45 Jahren gehört man zum alten Eisen

Im globalen Wettbewerb um akademische Karrieren ist Jugend ein zentraler Faktor. „Die Bedeutung des Alters hat in den letzten Jahren zugenommen“, weiß Georg Winterberger, Co-Präsident der Vertretung des akademischen Mittelbaus an der Universität Zürich, „es ist kaum mehr möglich, mit über 45 eine Assistenzprofessur zu kriegen.“ Die Dissertation sollte man deshalb allerspätestens mit 35 Jahren, besser noch mit 30 Jahren abschließen. Wer mit über 40 Jahren noch eine Doktorarbeit anpacken will, hat deshalb keine Chance auf eine Assistenzstelle oder einen Platz in einem Doktorats-Programm. „Als freier Doktorand ist das aber möglich“, sagt Winterberger. Diese schreiben ihre Arbeit weitgehend selbständig und ohne finanzielle Unterstützung. „In manchen naturwissenschaftlichen Fächern gibt es die freien Doktorate aber nicht, weil die Laborplätze knapp sind“, sagt Winterberger. Trotzdem erfreut sich der Wunsch nach späten akademischen Weihen wachsender Beliebtheit, jedenfalls an der Universität Zürich. 2004 waren 436 Doktoranden immatrikuliert, die über 40 Jahre alt waren, 2013 waren es schon 620 Personen.