Morgengrauen

Grauen vor dem hautlosen Brunch

Gastkommentar / von Peter Strasser / 08.09.2016

Gewisse Dinge habe ich nie getan, weil ich die Wörter verabscheue, die dazu dienen, jene Dinge zu bezeichnen. Deshalb habe ich nie gebruncht. Denn ich verabscheue das Wort „Brunch“, das eines Tages unser gutes altes Wort „Frühstück“ zu ersetzen begann. Brunch – darin spiegelte sich der Geist einer yuppielaunigen Mittelschicht, die dachte, das gute alte Frühstück sei nicht mehr gut genug. Denn das Frühstück war spätestens um 9 Uhr vorbei, weil man dann mit der Tagesarbeit beginnen musste.

Das neue Aufsteiger-Credo indessen hieß: Wenn alle armen Hascher schon stundenlang vor ihren Werkbänken stehen oder an ihren Arbeitstischen sitzen, sitzt du noch immer in einem gestylten In-Lokal vor deinem Brunch. Aber heute werde ich selbst zum Brunch müssen, denn unsere Freundin, der es gelang, aus ihrer Haut zu schlüpfen, hat uns eingeladen, meine Frau und mich. Ich verbrühe mir also morgens an einem Tässchen heißen Tees meine empfindliche Morgenzunge, um meinen Magen für ein spätes, viel zu spätes Frühstück frei zu halten.

Im Übrigen graut mir vor dem bevorstehenden Anblick unserer Freundin, die mit uns gemeinsam feiern will, weil es ihr endlich gelungen sei, aus ihrer Haut zu schlüpfen, um sich – wie sie hinzufügte – „neu zu erfinden“. Auch so eine Aufsteigermarotte! Ich aber habe die Zwangsidee, mit fast leerem Magen unserer neuerdings hautlosen Freundin gegenüberzusitzen. Grauenhaft. Meine Frau nennt mein Morgengrauen „altmodisch“ und gibt mir einen guten altmodischen Morgenkuss.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).