Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Greisensex hatten wir schon!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 16.03.2016

Auf der Suche nach den letzten Tabus war der Ressortleiter unserer Stadtzeitung wieder fündig geworden. Ich traf ihn frühmorgens, er kam von einem Ort, dessen Existenz er mir verriet, indem er, in eroticis ein Patchworker, mit den Augen zwinkerte (ich würde mir mein Teil schon denken, nicht wahr?). Ich kam gerade vom Bäcker, wo mir der dort neben der Tür platzierte Bettler – die neueste Ausgabe der Zeitschrift Global Player in Händen – „Schönes Wetter!“ gewünscht und hinzugefügt hatte: „Frühling gut für Frau“.

Hm.

Ich meinerseits hatte ihm jedenfalls nur das Beste gewünscht, wie immer froh, mich durch Entrichtung einer angemessenen Abstandszahlung vom Erwerb des Global Player freizukaufen. Der Ressortleiter, ein alter Bekannter, stets auf der Suche nach den letzten Tabus, vertraute mir an, endlich wieder eines gefunden zu haben: „Behindertensex! Na?? Gerade jetzt, wo alles sprießt und sprosst, das ist doch die knallrichtige Zeit, in medias res zu gehen und gründlich Rechenschaft abzulegen.“

Ich fragte ihn, wem eigentlich Rechenschaft abzulegen sei. Der Ressortleiter stutzte, um dann in das für ihn typisch bärenhafte Gelächter auszubrechen: „Na, der interessierten Öffentlichkeit natürlich!“ Darauf ich, erbost: „Womöglich muss unsereiner demnächst auch noch Rechenschaft ablegen!?“ Der Ressortleiter beäugte mich, um mir dann zu bescheiden: „Greisensex hatten wir schon, mein Lieber.“

Und während ich Reißaus nahm, hörte ich sein bärenhaftes Gelächter: „Sie altes Ferkel!“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.