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Grenzüberschreitungen

Meinung / von Roman Bucheli / 14.09.2016

Jede Grenze provoziert den Versuch, sie niederzureissen oder zu überwinden. Gerade darum sollten sie nicht abgeschafft werden. Sie sind eigentliche Motoren der Entwicklung.

Zu Tausenden fallen sie im Lauterbrunnental vom Himmel. Bald werden es jährlich 20 000 Extremsportler (manche sagen: Verrückte) sein, die von sogenannten Exit-Points ins Leere springen und nach einigen Sekunden im Sturzflug den Fallschirm öffnen. Wer einen Wingsuit trägt, vermag sogar ein wenig zu fliegen. Vogelähnlicher war der Mensch nie. Nicht alle kommen unten auch heil an. Die Unfälle nehmen in absoluten Zahlen zwar zu, gemessen an der Anzahl Sprünge aber sinkt die Rate. Ein Viertel der Unfälle indes verläuft tödlich. Mal öffnet sich der Fallschirm nicht (oder zu spät), mal prallen die Sportler gegen die Felswände, weil sie die Kontrolle über ihren Flug verlieren. Das sei kein schöner Anblick, sagte jüngst ein Landwirt, auf dessen Wiese viele Basejumper landen.

Extremer Lustgewinn und manchmal auch das Leben sind der Preis für die Grenzüberschreitung. Man kann nun die Leute für verrückt erklären, man kann sie für ihren sinnlosen Todesmut bedauern oder ihre heroische Rhetorik von gesteigerter Selbsterfahrung oder dem Hinausschieben der Grenzen des Tuns und Daseins lächerlich finden. Aber vielleicht schaue man sich einmal ein Video an, das ein Wingsuit-Flieger mit seiner eigenen Helmkamera aufgenommen hat und das ihn beim Sturzflug hinunter vom Matterhorn zeigt.

Gewiss, die Filme sind schauerlich inszeniert und mit dramatischer Musik unterlegt. Der Schönheit und zugleich Grausamkeit des Fliegens entzieht man sich trotzdem nicht so leicht. Der Nervenkitzel zählt dabei nicht. Darum geht es nicht – oder nur nebenbei. Fassungslos jedoch schaut man jemandem zu, der vielleicht nicht Grenzen überschreitet, aber die Linie zwischen Leben und Tod um ein Geringes – wie bedeutungslos dies auch immer ist – hinausschiebt ins Leere und Offene.

Der verbotene Baum

Natürlich ist das so albern wie töricht – und es gehört dennoch zur menschlichen Natur. Denn keineswegs sind solche Grenzgänge Privilegien von Hasardeuren oder Athleten des wilden Draufgängertums. Geradezu scheint es in seinen genetischen Code eingeschrieben zu sein, dass der Mensch zum Himmel stürmt (was im Basejumper nur eine etwas paradoxe Form angenommen hat).

Das findet seinen sanften Nachhall noch in Ludwig Wittgensteins Diktum «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt». Und nur grenzenlose Naivität wird nun glauben wollen, dass damit nicht auch Gefährdungen des Lebens verbunden sein können. In Diktaturen schreibt unter Todesgefahr, wer sich Wittgensteins Auffassung zu eigen macht.

Man versuche sich vorzustellen, wo wir heute wären, hätte im Paradies nicht der verfluchte verbotene Baum gelockt. Wir wären noch immer nackt und allerdings fürchterlich glücklich.

Jedoch hat es mit Grenzen – welcher Art auch immer sie sind – eine besondere Bewandtnis. Bereits Kindern dürfte ihre dialektische Natur zwar nicht bewusst, aber gewiss eine tägliche Erfahrung sein. Man stecke ein Kind in eine nicht allzu geräumige Kiste. Es wird alles unternehmen, um sich daraus zu befreien. Und nun stelle man die gleiche Kiste neben das Kind. Es wird alles unternehmen, sich daraus ein schönes Gehäuse zu denken und sich darin einzurichten und abzugrenzen. Ähnlich dialektisch war die antike Welt angelegt. Die Säulen des Herkules in Gibraltar verkündeten dem Seefahrer warnend: «Non plus ultra.» Von hier geht’s nimmer weiter. Und, hat sich denn jemand daran gehalten?

Man versuche sich vorzustellen, wo wir heute wären, hätte im Paradies nicht der verfluchte verbotene Baum gelockt. Wir wären noch immer nackt und allerdings fürchterlich glücklich. Die Portugiesen oder Spanier stierten noch immer besinnungslos aufs offene Meer hinaus. Amerika wäre unentdeckt geblieben. Und die Menschheit insgesamt würde noch immer ahnungslos zum Mond heulen wie die Wölfe und träumte von Mondkälbern, statt zur Erde gebrachtes Mondgestein zu erforschen. Verlockend ist nicht der grenzenlose Raum; wo es hingegen eine Grenze zu überwinden gilt, wird alles unternommen, sie zu überschreiten.

Die Endlichkeit des Daseins

Zur Dialektik der Grenze gehört die Paradoxie im menschlichen Verhalten: Der Mensch schafft Grenzen, um sich oder seine Errungenschaften zu schützen, und strebt danach, jede nicht selbst errichtete Grenze zu beseitigen. Er kann gar nicht anders, weil ihm jede Grenze das Abbild seiner eigenen Endlichkeit vorführt. Damit soll es ein Ende haben. Denn die Sterblichkeit stellt noch immer die grösste aller Kränkungen dar, die der Mensch zu erdulden hat. Es ist darum jede Grenzüberschreitung – gleichgültig, ob unter tatsächlichem Einsatz des Lebens – eine symbolische Überwindung des Todes.

Wäre es darum nicht vielleicht besser, mit der ganzen Grenzzieherei gleich aufzuhören? Und Grenzen immerhin dort abzubauen, wo es leicht möglich wäre? Wo sie bloss als unnötige Hindernisse empfunden werden? Derweil empfehlen etwa Pädagogen so treuherzig wie unermüdlich allen überforderten Eltern, Kindern seien Grenzen zu setzen. Sie müssten mit Schranken leben lernen. Sonst würden sie die Orientierung verlieren (oder nie gewinnen).

Trifft nicht vielmehr das Gegenteil zu? Stacheln nicht erst Schranken die Kinder geradezu auf, diese zu überwinden, gegen sie Sturm zu laufen und sich gegen sie aufzulehnen? Es ist eine Erziehung zum Rebellentum. Die Grenzen wären dann nicht geschaffen, um die Kinder im Zaum zu halten, aber um sie zu ertüchtigen im Anrennen gegen alles, was ihren Freiheitsdrang einschränkt. Die anthropologische Konstante erfüllt darum auch hier ihre Aufgabe: Nichts fördert die Entwicklung so sehr wie eine als sinnlos oder jedenfalls ungerecht oder störend wahrgenommene Grenze.

Warum sollte das Meer nicht überquert werden? Warum sollte der Mensch nicht vom Himmel fallen wollen? Warum sollte einer gerade von diesem Baum nicht essen, von allen anderen aber essen dürfen? Es war ihm nur verboten, damit er es tat. Und seither ist jedes Meer und ist jeder Berg nur dazu da, überquert zu werden.

Soll die offene Gesellschaft Grenzen abbauen? Sie sollte es gerade um der paradoxen Doppelnatur der Grenze willen nicht tun. Der Nationalstaat hat seit seiner Gründung im 19. Jahrhundert lange gut gelebt mit der Tatsache, dass seine Grenzen relativ offen waren. Die moderne Staatenwelt mit ihren supranationalen Zusammenschlüssen jedoch verstrickt sich in einen inhärenten Widerspruch, indem sie einerseits Grenzen abbaut, anderseits gleichzeitig neue, aber geschlossene Aussengrenzen zu errichten versucht.

Paradoxe offene Grenzen

Das nur scheinbar widersprüchliche Konzept offener Grenzen sollte nicht leichtfertig preisgegeben werden. Allenthalben werden indes Mauern oder Zäune hochgezogen: in Mexiko, in Israel, in Calais. Die hermetische Abdichtung soll die Probleme lösen, die politisch nicht zu bewältigen sind.

Aber Grenzen sind nie vollkommen geschlossen. Sie sind stets im Fluss und offen. Das gehört zu ihrer Paradoxie und Dialektik. Es gibt keine bekannte Grenze, sei sie geografisch oder biologisch oder ideologisch, an der sich nicht sogleich Dichter, Wissenschafter, Flüchtlinge oder Hasardeure zu schaffen machen. Jüngst erinnerte der Historiker Karl Schlögel an den Anthropogeografen Friedrich Ratzel, der Ende des 19. Jahrhunderts von den Grenzen als den «peripherischen Organen» des Staates sprach. Das gilt für alle Formen von Grenzen. Sie sind ein wesentliches Instrument gesellschaftlicher Selbstbestimmung, das nie folgenlos zur Disposition gestellt wird.

Der liberal und offen verfasste Staat verrät seine Voraussetzungen, wenn er zwar nach innen die grösstmögliche Freiheit fordert, sich nach aussen jedoch abschottet.

Ein gewiss fatales Missverständnis der offenen Gesellschaft besteht in dem seltsamen Glauben, es müsse in ihr alles (oder immerhin nahezu alles) erlaubt sein. Sie hat dabei verlernt, selbstbewusst und in diskursiver Verständigung und Konsensfindung Normen zu setzen. Es gehört darum zu den Ironien der Geschichte, dass der postmodern entgrenzten Wohlfühlgesellschaft ausgerechnet von Anhängern einer fundamentalistischen Gesellschaftsordnung, die im Schutz der freiheitlichen Ordnung die Unfreiheit propagieren, dieses Defizit in Erinnerung gerufen werden muss.

Umgekehrt verrät der liberal und offen verfasste Staat seine Voraussetzungen, wenn er zwar nach innen die grösstmögliche Freiheit fordert, sich nach aussen jedoch abschottet. Er begäbe sich damit in einen Selbstwiderspruch, der noch nicht einmal den Vorzug eines dialektischen Denkmanövers besässe.

Eine offene Gesellschaft muss mit dem Paradoxon offener Grenzen umgehen können. Es hiesse, das «Non plus ultra» des Herkules da mit Bestimmtheit und Überzeugung zu vertreten, wo die freiheitliche Verfassung zu schützen ist. Und es bedeutete überdies, die im Geiste der Frühaufklärung von Francis Bacon formulierte Replik ebenso ernst zu nehmen: «Plus ultra» – oder: immer weiter über alle Grenzen der Vorstellung und Imagination hinweg. Dieser Dialektik entkommen wir nicht. Wir müssen stets über unsere Grenzen hinaus. Oder in Goethes Worten an Freund Schiller: «Ich bitte Sie, nicht abzulassen, um, ich möchte wohl sagen, mich aus meinen eignen Grenzen hinauszutreiben.»