Paul Klee/Sammlung Rosengart, Luzern / AKG

Erzählung

Großvater, Stalin und die Duftkerzen

von Michael Krüger / 26.12.2015

Mein erster Weihnachtsbaum. Eine Erzählung von Michael KrügerDer Schriftsteller Michael Krüger war bis 2013 Leiter des Carl-Hanser-Verlags. In diesem Herbst erschien sein Erzählband „Der Gott hinter dem Fenster“ im Haymon-Verlag. .

Mein Großvater träumte gelegentlich von Stalin.

Er stand in seiner langen schlotterigen Unterhose, die er, weil der Gummi im Bund ausgeleiert war, mit der linken Hand festhalten musste, vor dem Paravent, der das Bett von unserem sogenannten Wohnbereich trennte, und kratzte sich mit der rechten Hand den kahlen Schädel. Ich habe schon wieder von Stalin geträumt, sagte er.

Was hat Stalin in deinen Träumen zu suchen, brummelte meine Großmutter. Das Zimmer, in dem wir drei lebten, war so eng, dass wir nacheinander ins Bett gingen und nacheinander aufstanden. Ich ging natürlich als Erster ins Bett, dann der Großvater, zuletzt die Großmutter, am Morgen war es eine andere Reihenfolge, da durfte der Großvater so lange im Bett bleiben, bis der Kaffee fertig war. Es war natürlich kein richtiger Kaffee, sondern Kaffee-Ersatz, wie eigentlich alles Ersatz für etwas anderes war. Etwas war total durcheinandergeraten, jetzt musste man sich mit dem Ersatz begnügen. Haus und Hof hatte man den Großeltern genommen, die Tiere und den großen Garten. Sie waren enteignet worden. Enteignet, dieses Wort sagte ich mit vier Jahren, als sei es ein Wort wie Sonnenuntergang, aber ich durfte es nur in unserem Zimmer sagen. Mit vier Jahren lernte ich bereits mehrere Sprachen. Zu Hause war ein Russe ein Russe, auf dem Hof hieß er Mitglied der sowjetischen Befreiungsarmee. Das war ein großer Unterschied. Die dritte Sprache, die ich lernte, obwohl sie sehr schwer war, war die Sprache der Natur. Mein Großvater konnte zum Beispiel zwanzig verschiedene Wolfsmilchgewächse unterscheiden, die Sonnenwendige Wolfsmilch von der Rutenwolfsmilch, die natürlich ganz anders aussah als die Kreuzblättrige Wolfsmilch mit ihren spitzwinklig abgehenden Seitennerven. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, wenn dieser wortkarge Mensch über Pflanzen sprach und plötzlich so viele Worte wusste, die sonst nicht zu gebrauchen waren. Keiner im Dorf interessierte sich dafür, ob die Blätter der Wolfsmilch schwach-fettglänzend waren oder die Kapseln punktiert-rau. Nicht einmal die Großmutter.

Wiesenkerbel und Wodka

Es war das Jahr 1947. Wir lebten in Sachsen-Anhalt und waren ganz einfach enteignet worden. Für mich war es eine wunderbare Zeit.

Mein Großvater hatte also mal wieder von Stalin geträumt. Während er seinen Sonntagsanzug anzog – er besaß nur diesen, insofern war eigentlich immer Sonntag –, erzählte er uns, was ihm von diesem Traum in Erinnerung geblieben war. Er war Stalin in Russland begegnet, in einer dürftigen Gegend, nicht ärmlich, aber anspruchslos, und hatte sich mit ihm in eine große Senke zurückgezogen, um ein paar dringende Probleme zu besprechen, als Stalin plötzlich eine Flasche Wodka aus seinem Militärmantel fischte und sie dem Großvater über den Kopf schlagen wollte. Der Großvater konnte sich erinnern, dass er durch ein riesiges Feld von Wiesenkerbel flüchten wollte und fiel und plötzlich alles nach Wodka roch. Ich sah Väterchen Stalin über mir, sagte er, er war so nah, dass ich ihm die Nase hätte abbeißen können.

Gut, dass er sie dir nicht abgebissen hat, sagte meine Großmutter in ihrer protestantischen Offenheit, denn wenn Stalin auf dir drauflag, hatte er die besseren Karten.

Da mein Großvater bereits ein Auge verloren hatte, wäre die abgebissene Nase eine Katastrophe gewesen, wir waren also glücklich, dass das Treffen mit Stalin so glimpflich ausgegangen war. Es war wenige Tage vor Weihnachten, und die Vorstellung, dass mein Großvater am Heiligabend ohne Nase und mit nur einem Auge am Tisch gesessen wäre, war schrecklich.

Im Sommer hatten wir bei einem unserer Spaziergänge einen kleinen Tannenbaum entdeckt, ein winziges, zerzaustes Bäumchen, das mir bis zum Bauchnabel reichte. Das wird unser Weihnachtsbaum, sagte mein Großvater mit einer Bestimmtheit, die ich nicht an ihm kannte. Uns gehörte ja nichts. Wir besaßen drei Teller, drei Messer und drei Gabeln, ein Bett und eine Truhe, in der die Wäsche aufbewahrt wurde, eine Bibel und ein Pflanzenbestimmungsbuch, das ein Vorfahre meines Großvaters geschrieben hatte, in dem wir täglich lasen. Das Tannenbäumchen gehörte uns auf jeden Fall nicht, es war auf unbestimmte Weise Volkseigentum, wie mein Großvater sich ausdrückte, aber das Volk kümmerte sich nicht um sein Eigentum. Um das Bäumchen trotzdem vor dem Volk zu schützen, pflanzten wir Blutkraut und Immenblatt und anderes schnell wachsendes Unkraut um das Bäumchen herum, das im Herbst, nach der Trockenheit, so schnell anwuchs, dass die Tanne fast nicht mehr zu sehen war.

Manchmal begleitete uns der Hund. Er war ein alter Freund meines Großvaters, fast blind und lahm, aber er konnte noch hören. Weil er der Hofhund war, gehörte er meinem Großvater nicht mehr, weshalb sie nur außer Sichtweite des Hofes miteinander reden durften. Sie hatten sich natürlich viel zu erzählen. Während mein Großvater zu Hause ein wortkarger Mann war, der manchmal wie versteinert dasaß und den Mund nicht aufkriegte, redete er mit dem Hund wie ein Wasserfall. Großvater erklärte ihm die Welt. Er beschrieb ihm den Himmel und die am Horizont aufkommenden Gewitter und erinnerte ihn daran, welche Abenteuer sie zusammen erlebt hatten. Gewitter spielten in seiner Erzählung eine große Rolle, die Sonnenaufgänge und die langen Winter. Und alles habe den niederträchtigen Krieg überdauert, was der Hund mit Erstaunen zur Kenntnis nahm. Sie sprachen auch oft und lange über den Tod. Ich weiß nicht mehr, was ich darüber dachte, aber ich erinnere mich, wie der Hund bei diesem Thema tiefe Seufzer von sich gab. Langten wir bei unserem Weihnachtsbaum an, ließ sich der Hund fallen, er kippte einfach um und blieb liegen und war durch nichts dazu zu bewegen, uns weiter zu begleiten. Eine große Müdigkeit hat ihn gepackt, sagte der Großvater zu mir, als müsse er den Hund entschuldigen, aber er kann noch nicht sterben. Er wartet, bis sich die Geschichte geklärt hat. Was meinte er damit? Ich wusste nicht, was Geschichte ist und wie ausgerechnet der von Flöhen und Zecken malträtierte Hund mit ihr verwickelt war, aber für den Großvater schien es eine ausgemachte Sache zu sein, dass der Hund noch als Zeuge gebraucht würde.

Er war das einzige Tier, mit dem der Großvater reden konnte. Die Pferde waren im Krieg geblieben und noch nicht ersetzt worden, die Schweine waren alle neu und wussten angeblich nichts von der Welt, und mit den Kühen, die auch den Pflug ziehen mussten, konnte man nicht vernünftig reden. Und mit Hühnern natürlich auch nicht. Wenn ich gelegentlich in den Hühnerstall ging, um den seltsam trockenen Geruch einzuatmen, kamen sie zwar näher und schauten mich mit schräg gestelltem Kopf an, aber sie hatten keine Sprache. Immer nur die besorgten Kehllaute, mehr war aus ihnen nicht herauszukriegen. Dabei hatten einige der braunen Hennen sogar den Krieg überlebt, wie die Großmutter mit einem gewissen Stolz sagte. Ich glaube, sie fühlte sich den Hühnern näher als dem Hund.

Blieb für den Großvater also nur der Hund. Mit ihm hatte er alles erlebt, was in unserem Dorf zu erleben war, und der Hund wusste alles über den Großvater. Wirklich alles!

Der Pole im Wald

Im Wald lebte ein Pole, der während des Krieges bei meinem Großvater gearbeitet hatte. Er hieß Adam und hatte, wie meine Großmutter es ausdrückte, den Verstand verloren. Wie verliert man seinen Verstand? Und kann man ihn wiederfinden?, fragte ich den Großvater. Selten, sagte er. Der Verstand löst sich auf in Millionen kleiner Teile, da wird es schwierig, sie wieder einzusammeln. Wo genau Adam seinen Unterschlupf hatte, wussten wir nicht. Aber er musste uns hören, wenn wir den Wald betraten, denn plötzlich stand er vor uns, eine wilde Gestalt mit zerzausten Haaren und zerrissenen Kleidern. Gesicht und Hände waren zerkratzt und blutig, als hätte er unter Brombeerhecken seinen Verstand gesucht. Da er immerfort Kreuze in die Luft malte, sah er so aus wie einer der Jünger des Heilands, der in unserer illustrierten Bibel abgebildet war. Er konnte nicht richtig sprechen, dafür aber pfeifen und kollern und mit den Augen rollen, und mit seinen Händen knetete er unablässig Worte, die ihm nie über die Lippen kamen. Mit der Zeit verstand man ihn gut, der Großvater jedenfalls gab Antworten, als hätte er eine Frage verstanden. Adam hatte immer Pilze dabei, Beeren und vor allen Dingen Wurzeln, er war ein Spezialist für Wurzeln, aus denen die Großmutter dann Gemüse machte. Er kennt alles, was unter der Erde wächst, sagte der Großvater, im Unsichtbaren. So kann er überleben. Heute mögen die Menschen nur das, was aus der Erde herauskommt und sichtbar wird, aber unter der Erde liegen die eigentlichen Schätze. Mein Großvater war der beste Kenner der Kartoffel, und die Kartoffel war, wenn man ihm glauben wollte, die Königin der unterirdischen Reiche.

Kurz vor Weihnachten wurde beraten, wie wir das Bäumchen unbemerkt schlagen und zu uns bringen konnten. Auf keinen Fall durfte der Großvater beim Diebstahl von Volkseigentum erwischt werden. Also wurde ein Komitee gebildet, das aus mir, Adam und dem Hund bestand, der Großvater war nur eine Art inoffizieller Berater. Es sollte der erste Weihnachtsbaum meines Lebens werden, und für Heiligabend hatte sich sogar Besuch angemeldet, meine Tanten Käthe und Hilde aus der Kreisstadt. Beide hatten während des Krieges in einer Kerzenfabrik gearbeitet und am Ende, im allgemeinen Chaos, ein großes Lager an Duftkerzen beiseitegeschafft, die sie nun zur Belebung der Weihnachtsstimmung mitbringen wollten. Den Großeltern schauderte es bei der Vorstellung, weil der Geruch nach Rosen und Hyazinthen wochenlang in unserem Zimmer hängenblieb und sich mit dem Geruch von Großvaters Tabak zu einem hochexplosiven Gemisch verdichtete und zu schweren Migräneanfällen führte. Andererseits war es der einzige Besuch, den wir das ganze Jahr über hatten, und obwohl die Kreisstadt nur sechzig Kilometer entfernt war, war es eben eine andere Welt, von der wir nichts wussten. Es war kaum vorstellbar, dass es eine andere Welt gab! Gelegentlich erzählte der Großvater von Russland, aber das lag in einer Sphäre wie das Land der Bibel, also außerhalb meiner Vorstellungswelt. Diese andere Welt begann in der Kreisstadt, wo es eine Zeitung gab und Menschen lebten wie meine Tanten, die mit ihren Duftkerzen eine gute Stimmung verbreiten wollten.

Weil wir weder eine Säge noch ein Beil hatten, musste Adam das Bäumchen aus der Erde graben, mit bloßen Händen, was dazu führte, dass die unteren Zweige schon bald abbrachen, und als er es endlich geschafft hatte, lag ein zerfleddertes Tännchen auf dem Boden, das nur von ferne noch an einen Weihnachtsbaum erinnerte. Aber es war mein erster Weihnachtsbaum! Ich musste ihn in mehreren Etappen auf den Hof und vor den Augen des neuen Verwalters vorbei in unser Zimmer bringen, was ich mühelos schaffte, weil an diesem Tag nicht gearbeitet wurde. Den Verwalter hatte ich, als ich das Haus verließ, mit einer Schnapsflasche im Arm auf der Treppe gesehen, so dass von ihm keine Gefahr ausging. Er trank den Schnaps aus einer Tasse aus Meißner Porzellan, die eigentlich meiner Großmutter gehörte. Die Arbeiter hatten sich in die alte Scheune zurückgezogen, wo sie auf ihre Weise das Weihnachtsfest feierten. Man konnte es hören.

Eine riesige Stille

Die Tanten waren schon eingetroffen, als ich mit meinem fast kahlen Weihnachtsbaum unser Zimmer betrat. Tante Käthe hatte bereits einige ihrer Duftkerzen angezündet, der Großvater sßs am Tisch, den Kopf in die Hände gelegt, und stöhnte leise vor sich hin, Tante Hilde half der Großmutter, die steinharten Wurzeln zu schälen, aus denen unser Weihnachtsessen entstehen sollte, und auch der Hund hatte zu uns gefunden, sein Kopf lag auf den Filzpantoffeln des Großvaters. Weil es keinen Weihnachtsbaumständer gab, lehnte ich den Baum an die Wand und stellte einige Kerzen um ihn herum auf den Boden. Auch Adam war gekommen. Er setzte sich – wir hatten ja nur drei Stühle und die Kleiderkiste, auf der die Großmutter saß – zu mir auf den Boden und schaute ungläubig auf die Kerzen, die alles taten, um uns zu verzaubern. Irgendwann begann meine Großmutter, Weihnachtslieder zu singen, was den Hund zu einem langen Heulton veranlasste, der gar nicht mehr aufhören wollte. Dann aßen wir ein Gulasch aus Wurzeln, Pilzen und Kräutern. Danach entstand eine große Stille, die unseren kleinen Raum ausfüllte und für einen Moment sogar den Rosen- und Hyazinthengeruch vertrieb. Eine riesige Stille.

Und in diese Stille hinein sagte mein Großvater: Ich habe übrigens wieder einmal von Stalin geträumt.