Morgengrauen

Guten Morgen, Abendland!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 15.11.2015

Es ist Sonntag. Ich hatte geträumt, in der Kirche gegenüber dem Haus, neben der lärmenden Ausfahrtsstraße, wo ich wohne, hätten plötzlich die Glocken gebimmelt.

Da bin ich hochgeschreckt.

Gleich neben der Kirche ducken sich die Umrisse eines Frauenklosters. Dort, in irgendwelchen Seitenräumen des Klosterkirchentrakts, werden am Tag des Herrn – früher sagte man „Tag des Herrn“, ich weiß nicht, ob das noch politisch korrekt ist, egal – arme Leute, darunter Asylsuchende, mit milden Gaben versorgt.

Ich sehe sie manchmal, sonntäglich gekleidete Gestalten. Früher mühten sich einige alte Frauen zur Sonntagsmesse, sie kommen nicht mehr. Gestorben? Und auch das Glockengebimmel scheint verstummt. Wird es vom Straßenlärm übertönt, oder bin ich ertaubt?

Neulich war ich in Zürich, bei den Reformierten, da ist es schön am Abend, wenn die Sonne sinkt und die Kühle vom Fluss herüberweht und ein vielstimmiges Geläut von überall her einströmt. Hier aber, jenseits des Hauses, in dem ich jetzt bei geöffneten Fenstern hinauslausche, ist nur das monotone Geräusch der Räder auf dem Asphalt zu hören. Kein Laut mehr, der uns zur Einkehr mahnte; und dass es wohl angebracht wäre, am siebenten Tag zu ruhen und die Schöpfung zu loben. Immer nur weg, weg, woandershin … Auch der Heilige Geist ist, scheint’s, davongeweht.

Guten Morgen, Abendland, wo bist du?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.