Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Halt die Ohren steif!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 08.06.2016

Als Kind besaß ich einen Bären, der hieß „Peterle“. Peterle durfte neben mir schlafen, was ihm tüchtig zusetzte, da ich einen unruhigen Schlaf hatte. Jedenfalls wurde mir erzählt, dass ich ihn nachts nicht nur umklammert hielt, sondern auch seine Ärmchen und Beinchen verdrehte und an seinem Fell riss.

Am schlimmsten soll ich es aber mit seinen gesteiften Ohren getrieben haben, die ich, so die Erzählung, in den Mund nahm und als Schnuller-Ersatz benutzte (denn meinen Schnuller pflegte ich vor dem Einschlafen tief in meinem Polster zu verstecken, damit ihn mir keine böse Schnuller-Fee wegnehmen konnte).

Irgendwann verschwand Peterle aus meinem Leben. Das ist schade, aber es ist ja irgendwie überhaupt schade, dass man erwachsen wird, nicht wahr? Denn das bedeutet, man muss irgendwann sterben. Zu Peterles Zeiten war das noch anders. Ich wachte auf und er war da, neben mir, und hielt seine malträtierten Ohren steif. Dass man seine Ohren steifhalten sollte, war eine Redewendung, die ich aufgeschnappt hatte, also sagte ich allmorgendlich zu Peterle, der seine gesteiften Ohren steifhielt: „Halt deine Ohren steif!“

Und darum, so kommt mir heute vor, wenn ich mit hängenden Ohren aufwache, geht es im Leben: nämlich darum, das Wesen, das man liebt, in seinem Sein und Dasein zu bekräftigen, indem man es bittet, so zu sein, wie es ist. Heute Morgen hat meine Frau etwas über meine hängenden Ohren gesagt. Sie hat gesagt: „Ich bitt dich, du hältst sie eh steif!“ Und das war dann auch in Ordnung, sogar sehr.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).