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Hannah Arendt und ihre Kritiker

von Ahlrich Meyer / 09.12.2015

Die Kontroverse, die Hannah Arendts Prozessbericht „Eichmann in Jerusalem“ in den sechziger Jahren auslöste, drehte sich um die Rolle der Judenräte und um einen Satz, der als „infamster“ ihres gesamten Buches bezeichnet worden ist. Ein Gastbeitrag von Ahlrich MeyerProf. Dr. Ahlrich Meyer lehrte bis 2000 Politikwissenschaft an der Universität Oldenburg. Neueste Buchveröffentlichung (zusammen mit Insa Menen): „Verfolgt von Land zu Land. Jüdische Flüchtlinge in Westeuropa 1938–1944“ (Schöningh, 2013). .

Hannah Arendts Diktum von der „Banalität des Bösen“ ist zum Gemeinplatz geworden. Doch die Auseinandersetzung, die ihr Prozessbericht „Eichmann in Jerusalem“ in den sechziger Jahren ausgelöst hat, drehte sich nicht um dieses missverständliche Diktum. Im Mittelpunkt stand vielmehr ein Satz, den der Historiker Christopher Browning rückblickend als den „infamsten Satz in Arendts provokativem Buch“ bezeichnet hat. Er lautet in der wörtlichen Übersetzung des amerikanischen Originals, so wie der Text Anfang 1963 zuerst im Magazin The New Yorker veröffentlicht wurde: „Die ganze Wahrheit war, dass, wenn das jüdische Volk wirklich unorganisiert und führerlos gewesen wäre, es Chaos und viel Elend gegeben, die Gesamtzahl der Opfer aber kaum zwischen fünf und sechs Millionen Menschen betragen hätte.“

Eine Pathosformel

Man hat darin zumeist ein moralisches Urteil über die sogenannten Judenräte gesehen, jene jüdischen Zwangsorganisationen, deren Repräsentanten nach Arendts Meinung überall im deutsch beherrschten Europa mit den Nazis kooperiert hatten. Aber ihre Anklage reicht weiter. Der zitierte Satz unterstellt Handlungsalternativen angesichts des nationalsozialistischen Vernichtungswahns, und zwar auch für die Masse der verfolgten jüdischen Bevölkerung. Damit war implizit das Verhalten der Opfer während der Zeit der Deportationen in die Vernichtungslager angesprochen, wenngleich Arendt bestritt, die Frage, „ob die Juden sich hätten wehren können oder müssen“, selbst aufgeworfen zu haben. Diese sei vielmehr vom israelischen Staatsanwalt Hausner an die Zeugen gerichtet worden, um die brisantere Frage nach dem Verhalten der „jüdischen Führung“ aus dem Jerusalemer Prozess herauszuhalten.

Bezeichnend ist, dass Arendt mit der Pathosformel der „ganzen Wahrheit“ arbeitet. Das ist eine Replik auf die dramatische Rhetorik, mit der Hausner aufgetreten war, aber es kennzeichnet auch den rigorosen Wahrheitsanspruch Hannah Arendts. Die Kritik daran konnte nicht ausbleiben. Noch während ihre Artikelserie im New Yorker erschien, erhielt Arendt – inzwischen auf Europareise – eine erste „Kriegserklärung“ von Siegfried Moses, einem alten Bekannten aus der Zeit ihrer zionistischen Anfänge, und in der Folge rissen die Stimmen der Gegner nicht mehr ab.

Am 7. März schrieb ihr Moses, damals Vorsitzender des internationalen Council of Jews from Germany, womöglich habe sich die Autorin nicht „das Maß von Aufregung und Entrüstung“ vorgestellt, das durch ihre These ausgelöst worden sei, „die jüdischen Führer hätten bei der Zerstörung ihres Volkes mitgewirkt und ohne diese Kooperation wäre die Gesamtzahl der Opfer kaum so groß gewesen“.

Moses reiste eigens zu einem Gespräch nach Basel, um Arendt zur Korrektur ihrer Aussagen zu bewegen. Zwei Wochen später wiederholte er sein Ansinnen: „Nachdem ich noch einmal den Text gelesen habe, scheint mir auch die von uns diskutierte Behauptung, dass die Verluste geringer gewesen wären, wenn das jüdische Volk führerlos gewesen wäre […], einer erläuternden Ergänzung zu bedürfen. Die Formulierung: ,The whole truth was …‘ erweckt absolut den Eindruck, es handle sich um eine beweisbare Behauptung.“

Kurz darauf lag auch eine Erklärung des Council of Jews from Germany vor, mit der die Kontroverse über die Haltung der Juden während der Nazizeit nun tatsächlich einsetzte. Für Arendts Behauptung seien teils „Quellen überhaupt nicht erkennbar“, teils handle es sich um unzulässige Verallgemeinerungen von Einzelfällen. „Ganz und gar unverantwortbar“, so hieß es weiter, „ist die Schlussfolgerung, die die Verfasserin aus unfundierten Feststellungen zieht: nach der, wenn die Juden führerlos gewesen wären, die Gesamtzahl der jüdischen Opfer kaum fünf bis sechs Millionen erreicht hätte.“

Es ist hier nicht der Ort, diese mit äußerster Schärfe geführte Debatte noch einmal nachzuzeichnen. Von mehr Interesse mag sein, wie Arendt auf ihre Kritiker reagierte. Als sie im Juli 1963 von ihrer Europareise nach New York zurückkehrte, wurde sie sich offenbar erstmals darüber klar, welchen Ärger sie sich zugezogen hatte. In Briefen an Karl Jaspers und ihre Freundin Mary McCarthy klagte sie über eine gegen ihre Person gerichtete „politische Kampagne“, gesteuert vom „jüdischen Establishment“. Die Kritik betreffe nicht ihr Buch, sondern richte sich gegen ein „Image“, das an dessen Stelle getreten sei: „Was für eine riskante Sache, die Wahrheit auf Tatsachenebene zu sagen.“

Arbeit am Text

Während sie Einwände gegen ihr Buch pauschal als Teil einer Rufmordkampagne zurückwies und sich darauf berief, nur „Tatsachenwahrheiten“ ausgesprochen zu haben, ging sie doch bald daran, Korrekturen am Text vorzunehmen. Es ist wenig bekannt, dass „Eichmann in Jerusalem“ eine komplizierte Entstehungs- und Überarbeitungsgeschichte hat. Zwischen 1963 und 1965 erschienen vier verschiedene Versionen in fünf Druckfassungen. Die weitestgehenden Eingriffe erfolgten während der deutschen Übersetzung, die im Herbst 1964 vorlag und die wiederum in die revidierte und erweiterte amerikanische Taschenbuchausgabe von 1965 einging. Arendt hatte ihrem Münchner Verleger Klaus Piper anfangs noch mitgeteilt, dass Änderungen im Manuskript nicht infrage kämen, und als dieser vorsichtig einige fehlende Quellenangaben ansprach, schrieb sie selbstbewusst: „Sie brauchen sich wirklich um Belege nicht zu sorgen: Es steht in dem ganzen Buch nicht ein Satz, der nicht belegt werden kann.“ Tatsächlich aber behob sie im Laufe der Zeit sachliche Fehler und korrigierte stillschweigend, oft nur halbherzig, manche Fehleinschätzung.

Die wohl wichtigste Ergänzung, die Arendt nachträglich vornahm, betraf ihre Behauptung, dass die Gesamtzahl der Opfer der „Endlösung“ geringer hätte sein können. Ihr Versuch, diese unbeweisbare Annahme abzustützen, ging auf einen Briefwechsel zwischen ihr und dem Historiker Louis de Jong zurück, der zu jener Zeit Direktor des Instituts für Kriegsdokumentation in Amsterdam war. De Jong wies Arendt frühzeitig auf Mängel in ihrer Darstellung der Verhältnisse in den besetzten Niederlanden hin, bot ihr seine fachliche Unterstützung an und lieferte ihr eine ganze Reihe von historischen Informationen.

Doch das Angebot beeindruckte Arendt nicht sonderlich, wie Conny Kristel in einer Studie über die frühe niederländische Holocaust-Forschung feststellt. Das Kapitel über die Niederlande wurde von Arendt nur leicht retuschiert, an ihrer zweifelhaften Erklärung der Katastrophe des niederländischen Judentums hielt sie unbeirrt fest. Hinter der Intervention de Jongs vermutete sie niederländische Regierungsstellen, und zugleich rechnete sie ihn, da sie erfahren hatte, dass er Jude war, dem jüdischen Establishment zu. Aber sie bediente sich seiner Angaben, um die umstrittene Passage über die Opferzahlen zu untermauern.

In die deutsche Rohübersetzung fügte sie einen Zusatz in Klammern ein, der wie folgt in Druck ging: „Nach Freudigers Rechnung hätte etwa die Hälfte [der Juden] sich retten können, wenn sie den Anweisungen des Judenrats nicht gefolgt wäre.“ Pinchas Freudiger, ehemaliges Mitglied des Budapester Judenrats, hatte im Eichmann-Prozess ausgesagt, von denjenigen Juden, die zu fliehen versucht hätten, seien fünfzig Prozent wieder eingefangen und getötet worden. Arendt nimmt das als Beweis für die Möglichkeit der Rettung und fährt fort: „Dies ist natürlich eine leere Schätzung, aber man wird doch nachdenklich, wenn man sieht, dass sie mit annähernd exakten Zahlen übereinstimmt, die wir aus Holland haben und die ich der Freundlichkeit von Herrn Dr. L. de Jong verdanke, dem Leiter des Niederländischen Staatlichen Instituts für Kriegsdokumentation. In Holland nämlich, wo der Joodsche Raad sehr rasch wie alle anderen holländischen Behörden zu einem ,Werkzeug der Nazis‘ wurde, sind insgesamt 103.000 Juden auf die übliche Weise, also unter Mitarbeit des Judenrats, deportiert worden. Von ihnen sind 519 übrig geblieben. Hingegen sind von den etwa 20.000 bis 25.000 Juden, die sich dem Zugriff der Nazis, und das hieß auch des Judenrats, entzogen und untertauchten, immerhin 10.000 am Leben geblieben.“

„Hüter der Tatsachenwahrheit“

Arendt hatte ein ambivalentes Verhältnis zu Historikern, die sie einerseits als „Hüter der Tatsachenwahrheit“ pries, während sie sie andererseits als Materiallieferanten für ihre eigenen Denkgebäude behandelte. Man weiß aus den Erinnerungen Raul Hilbergs, dass dieser mit der Verwendung der Befunde seines grundlegenden Werks über die Vernichtung der europäischen Juden in Arendts Eichmann-Buch alles andere als einverstanden war. Ähnlich liegen die Dinge hier. In der Tat hatte de Jong den Amsterdamer Judenrat als „Werkzeug der Nazis“ bezeichnet. Aber seine Auskünfte und Korrekturhinweise boten keinerlei Grundlage für Arendts haltlose Spekulation über die Opferzahlen.

Die Rolle des Judenrats und die Zusammenarbeit seiner beiden Vorsitzenden Asscher und Cohen mit den Deutschen war immer umstritten, schon bei Gründung Anfang 1941 und erst recht nach dem Krieg. Aber die Möglichkeit für Juden, sich dem Zugriff der Nazis zu entziehen und im Land unterzutauchen oder zu fliehen, hing nicht von den Anweisungen des Rats ab, der ohnehin nur begrenzten Einfluss auf das Verhalten der jüdischen Bevölkerung hatte, sondern von ganz anderen Faktoren: vom Zugang zu einem Versteck, zu falschen Papieren, finanziellen Mitteln, von Sympathisanten in der nichtjüdischen Bevölkerung, Fluchthelfern usw. – alles Ressourcen, die den meisten Verfolgten nicht zur Verfügung standen. Dass die Hälfte aller aus den Niederlanden deportierten Männer, Frauen und Kinder, über 50.000 Menschen, zwischen 1942 und 1944 im Verborgenen hätte überleben können, ist eine völlig unrealistische Annahme. Dass Millionen von Juden ohne jüdische Führung in den Untergrund gegangen wären, wie Arendt offenbar glaubte, widerspricht jeder historischen Erfahrung.

Verantwortungsethik

Letztlich erklärt sich Hannah Arendts rigoroses Verdikt über die „jüdischen Führer“, die gezwungenermasen Entscheidungen für viele trafen, aus ihrer Ethik individueller Verantwortung. Heute wird nicht mehr über die moralischen Probleme diskutiert, mit denen diese Männer während der Katastrophe – unter einem immensen Druck von deutscher Seite, in ständiger Ungewissheit, konfrontiert mit Teilzugeständnissen und systematischen Täuschungen – zu kämpfen hatten. Die vielleicht wichtigste Frage bleibt, „ob die Einsetzung von Judenräten durch die Nazis wirklich eine grundlegende Bedingung für die Durchführung der judenfeindlichen Maßnahmen“ war (Dan Michman). Das kann man beim jetzigen Stand der Holocaust-Forschung verneinen.